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Das Gefühl gegen sich selbst in den Krieg zu ziehen – Zola Jesus im Interview

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Den Wald suchen wir gewöhnlich eher selten auf. Nika Roza Danilova alias Zola Jesus hat jedoch eine weitaus innigere Verbindung zu ihm. Als Kind, behütet inmitten all der grünen Weite und deren Mystik aufgewachsen, kehrt sie auf ihrem neuen Album „Taiga“ thematisch zu den Spuren ihrer Vergangenheit zurück. Anlässlich der Veröffentlichung trafen wir die Künstlerin im dazu konträren Großstadtchaos Berlins und sprachen mit ihr über den Wald als kreativen Raum, ihren unstillbaren Hunger als Musikerin und erfuhren, warum das Herz von Zola Jesus nicht dem Wald, sondern vielmehr der Arktis gleicht.

MusikBlog: Zusätzlich zu deinem neuen Album „Taiga“ gibt es ein Manifest, in dem noch einmal genauer auf die inhaltlichen Besonderheiten des Albums eingegangen wird. Warum hast du dich zu diesem Schritt entschieden?

Zola Jesus: Als ich es geschrieben habe, wusste ich nicht, dass es an die Presse geschickt werden würde, aber ich wollte dem Album gerne einen inhaltlichen Rahmen geben und diesen in ein paar Worten näher erklären. Die Songs sind sehr konzeptionell angelegt, daher fand ich es sinnvoll, auf diese Weise noch etwas genauer auf sie einzugehen. Man muss das Manifest allerdings nicht gelesen haben, um die Songs letztendlich zu verstehen oder einen Zugang zu ihnen zu bekommen.

MusikBlog: In einer der Aussagen im Manifest heisst es, du möchtest die Menschen gerne darin bestärken, ihre wahre Bestimmung zu finden. Wie steht es mit dir selbst? Hast du das Gefühl, deine eigene Berufung im Leben gefunden zu haben?

Zola Jesus: Ja, ich glaube fest daran, dass ich meine Berufung im Leben gefunden habe. Ich fühle mich voll und ganz als Musikerin und mein neues Album hat mich einmal mehr in diesem Glauben bestärkt. Musik zu machen und darin meine eigene Stimme zu finden, ist immer das gewesen, was ich machen wollte. Die Musik ist für mich wie ein Kind, das ich immer lieben werde und von ganzem Herzen haben wollte.

MusikBlog: Im Vorfeld der Veröffentlichung von „Taiga“ hast du die Platte, aufgrund deiner Offenheit als Songwriterin, als dein wahres Debütalbum bezeichnet. Was war der Auslöser für diese Entwicklung?

Zola Jesus: Als 2011 „Conatus“ herauskam, lebte ich in Los Angeles und habe mich anschließend lange Zeit auf Tour begeben, was dazu geführt hat, dass ich danach unbedingt eine Weile weg von alldem sein wollte. Ich brauchte Abstand, um mich weiterentwickeln zu können. Ein Album ist für mich immer eine Offenbarung. Dieser konnte ich mit den neuen Songs nur gerecht werden, indem ich diesen Kreis durchbrach. Also zog ich nach Washington, genauer gesagt auf eine Insel, und fühlte mich dort ganz heimisch. Es erinnerte mich auch ein wenig an meine Kindheit, da ich im Wald groß geworden bin. So isoliert von allem zu sein, hat mir dabei geholfen, wieder zu mir selbst zurückzufinden. Ich konnte mich dort, ohne Druck, etwas schreiben zu müssen, auf die Suche nach ein paar Antworten machen, die ich mir selbst schuldig geblieben war. Ausserdem hatte ich die nötige Ruhe und Zeit, mir darüber im Klaren zu werden, was genau ich mit den neuen Songs ausdrücken wollte. Hinzu kommt, dass ich in dieser Zeit auch ein neu gefundenes Selbstvertrauen bekam, meine Erkenntnisse laut und deutlich in einem Song zu formulieren.

MusikBlog: Warum war dein Selbstvertrauen bis zu diesem Zeitpunkt nicht im gewünschten Maße ausgereift?

Zola Jesus: Ich habe mir einfach selbst nicht genug vertraut. Weder meiner Stimme als Künstlerin, noch den Aussagen in meinen Songs. Oftmals habe ich aus einem Zustand der Unruhe und Angst heraus Musik gemacht. Ich wollte schon als kleines Kind Musikerin sein. Wenn du dann endlich an diesem Punkt angekommen bist, ist es zwar unglaublich, aber du bekommst plötzlich auch Angst. Man trägt schließlich eine Verantwortung für sich selbst mit dem, was man tut. Das hat mich teilweise fast in meiner Kreativität gelähmt.

MusikBlog: Wie hast du diese Phase schließlich überwunden und konntest all den Ängsten ausweichen, die dir zeitweise dieses befreiende Gefühl verwehrt haben?

Zola Jesus: Das war gar nicht so einfach. Es kann ein richtiger Kampf sein, solchen Ängsten entgegenzuwirken. Als ich dieses Album gemacht habe, bin ich mit einem fast schon kindlichen Ehrgeiz an diese Aufgabe herangegangen, was die Musik betraf. Die Aufregung war ähnlich jener, die man als Kind verspürt, wenn etwas Neues auf einen zukommt. Erst, wenn man hinterher mit anderen Menschen darüber redet, wie zum Beispiel in Interviews, fängt man an, genauer darüber nachzudenken und einige Dinge auch in Frage zu stellen. Wenn man alleine an etwas arbeitet, dann ist die Begeisterung und auch die Spannung, die man währenddessen fühlt eine ganz andere. Es kann schon einmal vorkommen, dass man sich nach dieser Erfahrung plötzlich ganz desillusioniert fühlt, sobald man die Ergebnisse mit der Aussenwelt teilt. Arthur Schopenhauer hat einmal gesagt: „Nur in der Einsamkeit kann jeder ganz er selbst sein, in ihr allein ist Freiheit.“ Ich empfinde das genauso. Sobald andere Menschen diese Einsamkeit durchbrechen, wirst du zu einer Art Sklave ihrer Erfahrungen.

MusikBlog: Legt man sich mit der Zeit so etwas wie ein Schutzschild zu, um die eigene Einsamkeit und deren Ergebnisse besser zu schützen oder ist das gar nicht möglich?

Zola Jesus: Ich habe es bisher noch nicht geschafft! (lacht) Es ist nicht so, als hätte ich es in der Vergangenheit nicht versucht, aber ich schätze, man kann dieser Art von Erfahrungen wohl nur schwer oder gar nicht entkommen. Eine Weile lang habe ich mich bewusst durch Social Media Kanäle den Dingen um mich herum geöffnet, um den äusseren Einflüssen mehr als gewöhnlich zu begegnen und diese vielleicht auch abzuschwächen. Einerseits wollte ich mit meinen Fans in Kontakt treten und mich mit ihnen austauschen, andererseits war ich dadurch gezwungen, viele Sachen an mich heranzulassen, denen ich eigentlich aus dem Weg gehen wollte. Es war eine etwas frustrierende Erfahrung für mich, weil man all den Stimmen und Meinungen, die man nicht unbedingt hören möchte, kaum entfliehen kann.

MusikBlog: Wie groß war der innere Diskurs für dich bei den Aufnahmen zu „Taiga“?

Zola Jesus: Riesig! Innerhalb von drei Jahren kann man eine Menge mit sich selbst ausmachen. Es gab auch Zeiten, da wusste ich nicht genau, wer ich war oder was ich zum Ausdruck bringen wollte. Ich litt an einer richtigen Schreibblockade. Und das für ein paar Monate. Als ich endlich an den Punkt gelangte, an dem ich den Sound und das ganze Konzept des Albums zu einer Basis geformt hatte, war das Bild vor meinen Augen ganz deutlich. Ich musste erst erkennen, was mich wirklich zutiefst beschäftigt. Und dafür brauchte es einige Zeit und viele Kämpfe, die ich mit mir selbst ausgetragen habe. Manchmal hat man das Gefühl, gegen sich selbst in den Krieg zu ziehen.

MusikBlog: Und alles um einen herum versinkt in einem großen Chaos?

Zola Jesus: Ja, genau so fühlt sich das an. Es beschreibt gut den Zustand, in dem ich mich nach der Fertigstellung von „Conatus“ befand. Ich wünschte, ich könnte von mir behaupten, gleich danach eine genaue Vorstellung vom nächsten Album gehabt zu haben, aber das war ganz und gar nicht der Fall. Ich war regelrecht planlos und wusste überhaupt nicht, wie das nächste Album klingen sollte. Ein Album zu machen, bedeutet immer auch, sich auf eine Reise zu begeben. Zwischendurch stellt man sich auch schon einmal die Frage, ob es das gewesen und man bereits am Ende angekommen ist (lacht). Du fängst an, alle möglichen Arten von Songs zu schreiben, um nicht einzurosten und dich inspirieren zu lassen: „Hier ist mein R’n’B-Song, das ist mein Techno-Song und den hier mache ich nur, um irgendwas zustande zu bringen!“ Wenn man Glück hat, kristallisiert sich inmitten dieses Prozesses dann eine Idee heraus, auf die man ein ganzes Album aufbaut, so wie mit „Taiga“.

MusikBlog: Wie viele Versuche und Ausflüge in andere Genres hat es gebraucht, bis du dir sicher warst, dass du den Grundstein für „Taiga“ gelegt hattest?

Zola Jesus: Eine ganze Menge! Als ich an dem Song „Hunger“ gearbeitet habe, war ich mir aber endgültig sicher, dass ich etwas vor mir hatte, das mich zu einem neuen Album führen würde. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich mich gefangen hatte und hatte eine Ahnung, wohin ich mit meinen Ideen gehen würde.

MusikBlog: Welchen persönlichen Hunger verspürst du nach wie vor in dir, den du bisher noch nicht stillen konntest?

Zola Jesus: Den Hunger, niemals zufrieden zu sein. Dazu gehört auch das Gefühl, immer mehr zu wollen als gewöhnlich. Es ist wie eine emotionale Gier nach allem, was mir dabei helfen könnte, in meinem Dasein mehr zu fühlen, zu sehen, zu hören und auch zu lernen. Dieser innere Hunger in mir nach all diesen Dingen wird vermutlich nie aufhören. Das hoffe ich zumindest.

MusikBlog: Du bist in einer Umgebung aufgewachsen, die dich der Rauheit und auch Strenge des Waldes ausgesetzt hat. Kann dich noch irgendetwas vergraulen oder bist du vollkommen abgehärtet?

Zola Jesus: (lacht) Ich glaube, ich bin insgesamt ziemlich abgehärtet. Wenn man so lange in einer verhältnismäßig kargen und rauen Umgebung lebt, dann lernt man vor allem, bescheiden und gewissermaßen demütig zu sein.

MusikBlog: Glaubst du, dass du durch die Erfahrungen in deiner Kindheit inmitten dieses Umfelds im besonderen Maße für deine Umwelt sensibilisiert wurdest?

Zola Jesus: Das ist gut möglich, aber es fällt mir schwer, das zu beurteilen, da ich keine Vergleichsmöglichkeiten habe und ich nur aus meiner Perspektive heraus argumentieren kann. Auf jeden Fall hat mir die Umgebung des Waldes, in der ich groß geworden bin, dazu verholfen, eine sehr starke Vorstellungskraft zu entwickeln. Mein Innenleben war sehr lebendig. Ich brauchte niemanden, der mich unterhalten musste. Gute Freunde von mir sind dagegen in Brooklyn aufgewachsen und waren einer völlig anderen Umwelt ausgesetzt. Ich finde diesen Aspekt sehr interessant, weil es für mich so unvorstellbar klingt, obwohl ich es absolut in Ordnung finde, wenn Kinder in Großstädten aufwachsen. So lange Kindern beigebracht wird, was es heisst, in der Natur zu sein. Viele Kinder sind fast schon verängstigt, wenn sie einen Wald betreten, weil sie nie damit in Berührung gekommen sind. Bei mir wäre dieses Gefühl wohl ausgelöst worden, wenn man mich in den 80ern nach Brooklyn geschickt hätte! (lacht)

MusikBlog: Hattest du jemals eine angsteinflößende Begegnung im Wald oder war dieser in deiner Wahrnehmung durch und durch idyllisch?

Zola Jesus: Wenn man im Wald aufwächst, dann ist da immer unterschwellig dieses Gefühl der Ungewissheit, das einen umgibt. Du kannst nie genau sagen, was auf dem nächsten Weg auf dich zukommen wird oder was sich hinter dem nächsten Baum verbirgt. Selbst für meine Familie, die schon so lange Zeit im Wald lebt, ist es immer noch ein Ort, der unergründlich ist. Als Mensch wird man sich wohl nie ganz und gar an die natürliche Umgebung gewöhnen können. Du kannst sie eben nicht kontrollieren, wie vielleicht andere Sachen in deinem Leben. Alles, was du maximal tun kannst, um dich zu schützen, ist, dich mit einer Waffe, einem Bogen oder etwas in dieser Art in den Wald zu begeben. Ohne das oder Werkzeug im Allgemeinen bist du ziemlich aufgeschmissen und so gut wie tot.

MusikBlog: Die Schriftstellerin Willa Cather hat einmal gesagt: „The heart of another is a dark forest, no matter how close it has been to one’s own“. Ist der Wald in diesem Fall eine Metapher, die auch deiner eigenen Empfindung entspricht?

Zola Jesus: Das ist eine interessante Bemerkung, die ich zumindest nachvollziehen kann. Vom allgemeinen Gefühl her sehe ich das ähnlich. Ein dunkler Wald muss aber nicht zwingend schlecht sein, sondern kann als Metapher auch das Unbekannte meinen, über das wir eben gesprochen haben. Je nachdem, wie man diesen Satz interpretieren möchte, kann man auf etwas Positives oder Negatives abzielen. Ich glaube allerdings, dass die Autorin in diesem Fall damit gemeint hat, dass das Herz einer anderen Person stets ein stückweit unergründlich und auch unzuverlässig für einen selbst bleibt.

MusikBlog: Und dein eigenes Herz – mit was ließe sich das am besten vergleichen?

Zola Jesus: Mit der Arktis! (lacht) Aber nicht, weil es so stählern und kalt ist. Für mich ist die Arktis etwas sehr Schönes. Ein Ort voller Leben.

MusikBlog: Aber auch ein Ort, der sehr bedroht ist.

Zola Jesus: Leider! Das ist ein Thema, das mich so in Angst versetzt wie kaum etwas anderes auf dieser Welt. Ich möchte gar nicht erst davon anfangen, wie sehr mich die Tatsache mitnimmt, dass dieser besondere Ort immer mehr in Gefahr ist.

MusikBlog: Dann lieber noch einmal zurück zur Natur im Allgemeinen. Sind deine kreativen Impulse stärker ausgeprägt, wenn du dich in einer natürlichen oder in einer urbanen Umgebung befindest?

Zola Jesus: Definitiv, wenn ich in der Natur bin, weil ich dort immer ein Gefühl von Reinheit verspüre, welches mir erlaubt, kreativ zu sein. Nur dann kann ich wirklich auf meine eigene Stimme hören. Sobald ich in der Stadt bin, sind meine Gedanken viel zu sehr von fremden Dingen beeinflusst.

MusikBlog: Wie sehr beschäftigt dich die Frage „Do you wish you could back to it all?“ aus dem Titeltrack des Albums und welche Antwort hast du darauf?

Zola Jesus: Diese Frage beschäftigt mich sehr. Als ich den Song schrieb, machte ich mir Gedanken darum, wie es wohl wäre, alle Regler auf Null zu stellen. Nicht nur die persönlichen, sondern auch die der Menschheit, so dass alles ganz am Anfang wäre. Wer weiss, was alles passieren würde.

MusikBlog: Wir befinden uns gerade im Wechsel der Jahreszeiten. Der Herbst ist auf dem Vormarsch. Welcher Jahreszeit fühlst du dich, künstlerisch betrachtet, am meisten verbunden?

Zola Jesus: Dem Herbst! Das ist die beste Jahreszeit überhaupt. Als Musikerin bin ich jedes Mal ganz euphorisch, wenn sich der Sommer dem Ende zuneigt und die ersten Anzeichen des Herbstes da sind. Die Luft wird frischer, alles tendiert wieder dazu, ein bisschen langsamer zu werden und dann kommt der Winter, in dem all diese Aspekte noch viel stärker zum Vorschein kommen. Von Oktober bis Januar ist bei mir absolute Primetime (lacht). Ich fühle mich insgesamt viel inspirierter, alles um mich herum wirkt schöner als sonst und dann gibt es zu dieser Zeit auch noch Kürbisse. Ich liebe Kürbisse über alles! Ganz egal, was man damit anstellt. Her damit! (lacht)

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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