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Swans – Live im Feierwerk, München

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1. November: Allerheiligen oder auch All Saints‘ Day. Wie kann man an einem solchen Tag den Heiligen besser gedenken als mit einem Swans Konzert, von dem bereits vorher feststeht, dass es das Live Highlight des Jahres sein wird? Auch wenn Gott und Religion nicht mehr so im Mittelpunkt der Swans Songs stehen wie früher, sondern nun hauptsächlich die Musik.

Es ist knackevoll im Feierwerk und die Sängerin Pharmakon alias Margaret Chardiet aus New York schafft als Support eine gute Einstimmung in das bevorstehende Ereignis, auch bezüglich der Lautstärke.

Pharmakon macht sogenannten Death-Industrial und sieht ihre Musik als eine Art Exorzismus, mit dem sie andere Menschen dazu bringen will, etwas Neues zu fühlen. Ihr Gesang ist stark verhallt, auf der Bühne ist es dunkel und Margaret ist kaum dort zu sehen, da sie sich minutenlang im Publikum aufhält.

In der reichlich langen Umbaupause werden dann die Gehörnerven der Zuschauer mit Songs von Ida Cox aus den Lautsprechern strapaziert, einer US-amerikanischen Blues- und Jazzsängerin aus den 1920er Jahren.

Dann beginnt das Swans Konzert mit einem langen Intro zu dem neuen Titel „Frankie M“. Auf der Bühne ist außer Schlagzeuger Phil Puleo noch niemand zu sehen. Nach 5 Minuten kommt dann Soundwerker Kristof Hahn und schließlich der Rest der Band zusammen mit Michael Gira.

An der Besetzung der Swans hat sich in den letzten Jahren seit dem Neubeginn nichts geändert, Norman Westberg hat sich ein Ziegenbärtchen stehen lassen, Thor Harris hat mittlerweile Vollbart und ca. 1,5 m lange Haare.

Der Auftakt ist, wie bei Swans Konzerten üblich, gleich das Highlight des Abends. In dem knapp 20-minütigen Song sind es insbesondere die Bassline von Chris Pravdica und die Schlagperformance von Thor Harris, der seine Hi-Hats hoch über seinem Kopf installiert hat, welche dieses Sound-Ungetüm so besonders und intensiv machen. Man spürt, wie die Umgebung um einen herum langsam verschwindet und sich die Swan’sche Welt öffnet.

Ohne Übergang geht es dann mit „A Little God In My Hands“ vom aktuellen Album weiter. Erst dann spricht Michael Gira, der bekanntlich der deutschen Sprache etwas mächtig ist, in genau dieser mit dem Publikum. Er bedankt sich bei der Vorband Pharmakon sowie dem Mixer Brandon und erklärt, dass das Feierwerk die letzte Station auf ihrer Tour ist.

Die Band scheint mittlerweile perfekt eingespielt zu sein. Anders als noch vor drei Jahren hält sich Michael Gira mit dirigierenden Anweisungen an die anderen zurück, die Koordination erfolgt im Wesentlichen durch Blickkontakt und Zunicken. Was bei der Länge der Titel und der Vielzahl an Instrumenten schon sehr beeindruckend ist. Nur einen Ständer mit je einem Notenblatt pro Lied gönnt sich Michael zur Orientierung.

Es geht weiter mit Stücken des aktuellen und letzten Albums sowie einigen neuen Songs. Wobei eine Abtrennung in die meist zehn Minuten und länger währenden Titel oft willkürlich erscheint. Zu homogen ist das Gesamtkunstwerk, welches hier dargeboten wird und oft gehen die Lieder nahtlos ineinander über.

Es ist immer wieder beeindruckend, wie die Swans die Intensität ihrer Songs steigern, bis sie zu eskalieren drohen (in dem Moment wünscht man sich als Zuhörer jedoch nichts sehnlicher), um just genau dann zu stoppen und einen neuen Rhythmus anzuschlagen. Erlösung statt vollständigem Zerstäuben im Universum.

Sehr häufig unterstreicht Gira seinen Gesang, der oft eher eine Art abgehacktes Schreien oder ein klagendes Rufen ist, mit einem beschwörenden Auseinanderbreiten der Arme. In „Just A Little Boy“ fährt er sich mit den Händen über das Gesicht als würden jede Menge Ameisen oder anderes Getier darüber laufen.

Aber solche Schamanen-Gesten braucht man eigentlich nicht mehr, um zu wissen, dass man sich hier in einer existenziellen Grenzerfahrung befindet. Der Zuhörer wird sich seiner eigenen Unbedeutendheit und Endlichkeit bewusst und will für immer in der Schönheit dieser Musik der Swans’schen Welt gefangen sein.

Swans machen schon lange keine Songs im radio-tauglichen Format mehr und Michael Gira scheint nach den fünf Alben mit Angels Of Light auch nicht mehr viel Lust auf Lieder mit herkömmlicher Struktur zu haben. So etwas wie sich wiederholende Strophen gibt es nicht und auch keinen Gesang im üblichen Sinne mehr.

Die Swans setzen damit weiter fort, was sich bereits auf den letzten Alben vor dem Auflösen 1997 andeutete und eher eine Fortführung des legendären 1987er Albums „Children Of God“ darstellt. Allerdings nun mit einem Wall aus burghohen Soundwänden und einer ganz besonderen Kraft in den Songs statt pessimistischer Melancholie.

Keine andere Band versteht es derzeit so perfekt, das Apokalyptische und das Schöne in Form von Musik zu verbinden. Oder treffender gesagt: das Apokalyptische so schön klingen zu lassen.

Mit dem neuen Titel „The Glowing Man“ endet dann nach über 2 1/2 Stunden dieses Konzert-Ereignis. Wie üblich gibt es keine Zugabe, die Band verneigt sich handhaltend dreimal hintereinander wie im Theater und Michael Gira improvisiert mit seinem Deutsch, in dem er zuerst dankbar „große Liebe“ ruft und danach „starke Liebe“ und „für immer Liebe“. Dann entlässt er das benommene Publikum orientierungslos in eine graue, kalte Nacht.

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