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Ein wenig kratzbürstig und etwas roher – Charli XCX im Interview

Diese fleißige Frau sollte einen Award bekommen: einen Award für das diskrete Abhandeln von Interviewfragen. Charli XCX’ Antworten glänzen als säuberlich durchdachte, stromlinienförmige Sätze, die schneller aus dem jungen Spross herausgesprudelt kommen, als dass Eminem seinen rechtmäßigen Platz im Guinness-Buch der Rekorde 2015 für den schnellsten Rap der Welt zugestanden bekommen dürfte. Charlotte Aitchison, ihres Zeichens fleißige Schreiberin diverser Songgrößen und als eigenverantwortliche Popröhre recht aktiv, bringt nun das rotzige „Sucker“ als feinen Rundumschlag der Bubblegum-Musik auf den Markt. In Your Face.

MusikBlog: Charli, du hast bereits unzählige Songs für andere Künstler geschrieben – wann hast du für dich entdeckt, mit deinem eigenen Material im Rampenlicht stehen zu wollen?

Charli XCX: Tatsächlich habe ich schon immer Songs nur für mich geschrieben und entsprechend als Künstlerin agiert. Mit 16 Jahren befasste ich mich mit meinem ersten Album und rutschte eher zufällig in die Schiene, Songs für andere Künstler zu schreiben – doch auch das liebe ich, das macht für mich eben „Pop“ aus. Eine eigenständige Künstlerin war ich schon vor der Songschreiberchose.

MusikBlog: Was macht dabei den kleinen, aber feinen Unterschied aus – welche Songs musst du einfach selbst singen, wann kannst du andere mit Deinem Material walten lassen?

Charli XCX: In allererster Linie geht es darum, welches Gefühl mir ein Song gibt, während ich ihn schreibe. Es kommt darauf an, ob ich eine gewisse Bindung zu dem Track habe, sich beispielsweise bereits vor meinem inneren Auge ein passendes Musikvideo abspielt. Dann bunkere ich diesen Song. Wenn dem nicht so ist, gebe ich ihn anderen Leuten.

MusikBlog: Wenn du die Videos schon erwähnst: Sowohl jene zu “Fancy” als auch “Break The Rules” handeln von dem scheinbar unschuldigen, dann aber doch eher verwegen-ausbrechenden Schulmädchen à la Britney. Was fasziniert dich an diesem Bild eines Highschoolmädchens so sehr?

Charli XCX: Das Video zu “Fancy” kam definitiv aus Iggy Azaleas Ideenstube. Ihr Konzept dahinter basierte auf dem Film „Clueless“. „Break The Rules“ hingegen ist natürlich offiziell mein Video. Ich schätze einfach, dass ich auf diese Outfits stehe, die so etwas Militärisches, Uniformeres haben, wie beispielsweise in dem Film „The Craft“. Ich empfinde das Schulimage einfach mal als cool.

MusikBlog: Wenn du mittels dieses Images zum Regelbruch aufrufst: Welche Vorschrift würdest du denn gerne brechen – gerade nun, wo du dir einen bekannten Namen aufgebaut hast, scheint es weit schwieriger zu sein, einfach mal einen drauf zu lassen, oder?

Charli XCX: Ja, ich habe das Gefühl, dass genau deswegen an jeder Ecke eine kleine gebrochene Regel lungert, die man ganz aus Versehen mitnimmt. Man hat die ganze Zeit einfach so unfassbar viel Kontakt mit Leuten. Ich muss nicht einmal willentlich eine Regel brechen, das kommt irgendwie ganz von selbst.

MusikBlog: Die Musikcrew, mit welcher du im Rahmen Deines Albums gearbeitet hast, lässt sich – vorsichtig ausgedrückt – als relativ bunt durchmischt bezeichnen. Einerseits arbeitest du hier mit dem Vampire Weekend Indie-Liebling Rostam zusammen, andererseits mit dem Pop-Guru Pontus Winnberg, der bereits mit Britney Spears, Katy Perry und Co. arbeitete. Ist das nicht eine recht explosive Mischung?

Charli XCX: Nun, ich denke, dass auch Pontus einen etwas alternativen Einschlag hat. Als es zu der Entscheidung kam, mit wem ich mein Album aufnehmen möchte, habe ich mir Leute gesucht, von denen ich wusste, dass sie gut zusammenarbeiten können. Ich wollte mit Freunden zusammenarbeiten, die vorher aber miteinander noch nichts gemacht haben, das ist so ein Konzept. Ich denke, das hat auch ganz gut geklappt.

MusikBlog: Woher rührt denn das Prinzip, dass die Leute noch nicht zusammengearbeitet haben sollen, wenn doch gerade die gemeinsame Erfahrung eine gewisse Sicherheit gibt?

Charli XCX: Ich dachte mir ganz einfach, dass sie etwas Tolles zusammen hervorbringen werden.

MusikBlog: In einem Statement deinerseits heißt es, dass du weichgespülte Popsongs nicht leiden könntest. Worin siehst Du in deiner Musik den feinen Unterschied zu jenen?

Charli XCX: Ich mag tatsächlich recht viele poppige Popsongs. Zum Beispiel Katy Perry: Sie verwendet ganz verschiedene Popstile auf großartige Art und Weise und gibt diesen einen plastischen Bubblegum-Anstrich. Ich mag es aber ganz und gar nicht, wenn sich solche Songs einfach schlecht anhören – wenn man das Gefühl hat, dass Produktionen mit einer gewissen Faulheit aufgenommen wurden und alteingesessenen Standards folgen. Und genau das, finde ich, passiert ziemlich oft. Die Leute beziehen sich auf schon Dagewesenes, um einen schnellen Hit zu landen. Und manchmal sind die wirklichen Songs dahinter nicht so gut.

MusikBlog: Und welche Elemente nutzt du, um nicht in dieses Raster zu fallen und dich davon fein abzugrenzen?

Charli XCX: Ich denke, ich bin ganz einfach eine relativ schnelle Songschreiberin und recht emotional. Ich denke über den ganzen Prozess gar nicht wirklich nach, sondern mache einfach – in meinen Augen ist es das, was einen Song natürlich erscheinen lässt.

MusikBlog: Sehr natürlich ausdrucksstark ist der Titel deines neuen Albums. Auch die Songs lassen erschließen, dass du der Welt den Mittelfinger entgegenrecken möchtest. Ist es wichtig für dich, ihr ein selbstbestimmtes Image von dir zu vermitteln?

Charli XCX: Bei diesem Album? Definitiv. Ich wollte, dass es ein wenig kratzbürstig und etwas roher klingt. Ich denke aber nicht, dass man die ganze Zeit unfassbar selbstbewusst sein sollte, das bin auch ich oftmals nicht. Doch der Titel sollte einfach so richtig „in die Gusche“ gehen.

MusikBlog: „In die Gusche“. Würdest du also der Behauptung zustimmen, dass du Elektro-Punk in die Popsparte einschleust?

Charli XCX: Ja, das würde ich tatsächlich. (lacht)

MusikBlog: Woher kam eigentlich deine Liebe für die 80er Sounds auf deinem ersten und jene Liebe zu den 60ern auf dem neuen Album?

Charli XCX: Stimmt, mein erstes Album beinhaltete ziemlich viel 80s, etwa in Referenz zu David Bowie. Ich glaube, das lag damals vor allem an meinem Compagnon Ariel Rechtshaid, welcher davon eine Menge produzierte. Es war seine Energie, die ich wirklich sehr geschätzt und als eine Verbindung wahrgenommen habe. Ich wollte etwas Emotionales und Dunkles, Schwerwiegendes machen – daraus wurde dann der Sound. Auf dem zweiten Album war das nicht primär meine Intention. Da ging es dann mehr um die 60er.

MusikBlog: Würdest du diese Wandlung als die prägnanteste in Hinblick auf die Alben bezeichnen?

Charli XCX: Nein, das wäre sogar eher meine persönliche Wandlung. Auf meinem ersten Album musste ich mich noch finden – herausfinden, wer ich als Künstlerin sein will. Nun jedoch bin ich weitaus selbstbewusster, was dieses Thema angeht.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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