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Natalie Prass (Credit Ryan Patterson)

Es ist Zeit, sich zu bedanken – Natalie Prass im Interview

Egal, in welchen Musik-Magazinen man dieser Tage blättert: Man wird mit dem Namen Natalie Prass konfrontiert, und selbst die breitbrüstigsten Verriss-Experten präsentieren sich von ihrer Schmuseseite und wollen gar nicht mehr aufhören zu applaudieren. Mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum hat die aus Virginia stammende Kumpeline von Matthew E. White Kritiker und Fans gleichermaßen um den Finger gewickelt. Zu Recht? Absolut. Als Newcomerin dermaßen herauszustechen, in Zeiten, in denen retro-lastige  Jazz-meets-Soul-meets-Pop-Symbiosen beinahe schon inflationär verbreitet werden, verdient höchste Anerkennung. Ergo: Telefonhörer in die Hand nehmen, tief durchatmen und danke sagen. Das ist ja wohl das Mindeste.

MusikBlog: Erst einmal: Vielen Dank, Natalie!

Natalie Prass: Oh, wofür?

MusikBlog: Für eines der schönsten Alben des noch jungen Jahres.

Natalie Prass: (lacht) Das ist aber nett.

MusikBlog: Ich stehe mit meiner Meinung scheinbar auch nicht alleine da. Mir ist in den vergangenen Wochen noch keine einzige kritische Stimme zu Ohren gekommen. Dir?

Natalie Prass: Nein, um ehrlich zu sein. Ich muss aber gestehen, dass ich auch noch nicht allzu viel Zeit hatte, um mich mit den bisher veröffentlichten Reviews zu beschäftigen. Das was ich  aufschnappen konnte, war aber durchweg positiv. Das freut mich natürlich. Ich hätte aber auch kein Problem damit, sollte ich demnächst mal einen Verriss zu lesen bekommen. In erster Linie muss ich mit dem Produkt glücklich und zufrieden sein. Und das bin ich. Wenn es dann auch noch vielen anderen Menschen gefällt, bin ich natürlich nicht böse drum. (lacht)

MusikBlog: Mit alten Jazz-Vibes, im Verbund mit orchestralen Arrangements und zarten Harmonielinien gehen heutzutage jede Menge Künstler auf Stimmenfang. Was glaubst du, woran es liegt, dass gerade dir momentan die halbe Vintage-Welt zu Füßen liegt?

Natalie Prass: Das ist eine gute Frage. Was glaubst du denn?

MusikBlog: Nun, für mich macht vor allem die hörbare Selbstverständlichkeit, mit der deine zarte Stimme den musikalischen Background des Albums umgarnt, den Unterschied aus. Trotz deines nicht gerade voluminösen Organs, ordnet sich alles andere irgendwie permanent unter, ohne dabei an Kraft und Ausdruck zu verlieren. Das ist schon ziemlich einzigartig. Steckt da ein musikalisches Konzept dahinter? Oder hat sich die Art und Weise, wie ihr an die Aufnahmen rangegangen seid, einfach so ergeben?

Natalie Prass: Ich hatte eine ziemlich klare Vorstellung vom Grundgerüst des Albums, noch ehe ich mich überhaupt mit dem Songwriting beschäftigt habe. Ich stehe total auf diese urbanen Sounds der Fünfziger, Sechziger und Siebziger. Künstler wie Diana Ross, Curtis Mayfield, und Dionne Warwick haben mich in meiner Jugend geprägt. Diese trockene, aber dennoch lebendige Melange aus Soul, R’n’B, Jazz und Pop ist etwas, das ich nahezu jeder neuzeitlichen Musikrichtung vorziehe. Es gibt zwar schon Neues, das ich mir gerne anhöre, aber wenn es um Inspiration geht, dann klopfe ich immer wieder an dieselben alten Türen. Das war schon immer so. Und ich hoffe, dass sich das auch niemals ändern wird; denn ich habe das Gefühl, ganz viel zurückgeben zu müssen. Diese Geschenke in Form all dieser alten Platten, mit denen ich aufgewachsen bin: Es ist jetzt an der Zeit, sich dafür zu bedanken. Klingt seltsam, oder? Aber so fühle ich nun mal. Und ich bedanke mich – weiß Gott – gerne, das kannst du mir glauben.

MusikBlog: Das hört man deinem Album auch an; dass da jemand am Werk ist, der das Vorgetragene nicht nur x-beliebig präsentiert, sondern lebt. Was sagt eigentlich dein Produzent und langjähriger Freund Matthew E. White zum Endergebnis?

Natalie Prass: Oh, Matt ist auch sehr zufrieden. (lacht)

MusikBlog: Wie wichtig war es dir, jemanden an Bord zu haben, den du schon seit Ewigkeiten kennst?

Natalie Prass: Sehr wichtig! Matt und ich sind wie Geschwister. Auch wenn wir uns in den vergangenen Jahren vielleicht nicht 24 Stunden am Tag gesehen haben, waren wir stets in Kontakt. Ich denke, dass es gerade beim ersten Album unheimlich wichtig ist, wenn man seinem engsten Umfeld bedingungslos vertrauen kann. Matt wusste sofort, was in mir vorging und was ich wollte, als ich ihm sagte, was mir für das Album wichtig ist.

MusikBlog:  Geriet das musikalische Konzept etwas ins Schlingern, als gegen Mitte der Albumproduktion deine damalige Beziehung in die Brüche ging?

Natalie Prass: Nein, im Gegenteil. Letztlich haben all die aufgewühlten Emotionen außerhalb des Studios eher dafür gesorgt, dass ich noch fokussierter arbeiten konnte. Nicht, weil ich plötzlich mehr Zeit hatte, weil mein Freund nicht mehr da war, sondern eher in puncto Leidenschaft. Ich war während dieser Phase natürlich sehr emotional. Das hört man der Platte auch an. Ich hoffe aber, dass ich das nächste Album auch ohne Beziehungsdrama in eine hochemotionale Richtung lenken kann. Das wären sonst nämlich Begleiterscheinungen, an denen ich auf Dauer ziemlich zu knabbern hätte. (lacht)

MusikBlog: Fällt es dir als emotionalem Menschen womöglich schwer, all die intimen Momente in deinen Songs Abend für Abend mit Hunderten Fremden zu teilen?

Natalie Prass: Manchmal kommen natürlich Gefühle wieder hoch, die man gerne in der Dunkelheit einsperren würde. Das gehört aber dazu. Letztlich helfen mir solche Augenblicke aber mehr, als dass sie mir schaden. Sicher, es werden wieder Wunden aufgerissen. Aber das gehört zum Heilungsprozess dazu. Und Musik hat in meinen Augen auch viel mit Heilung zu tun. Im Großen und Ganzen löse ich mich aber während des Spielens von den individuellen Tiefen meiner Texte. Man lebt einfach viel zu sehr in dem Moment. Oftmals bekommen einzelne Texte, je nachdem wo ich gerade auftrete und wie die Menschen darauf reagieren, auch eine neue Bedeutung. Wenn ich in lächelnde Gesichter sehe oder mir nach der Show jemand sagt, dass meine Songs Gefühle und Erinnerungen in ihm geweckt haben, dann stehen meine Gedanken zum jeweiligen Song automatisch hinten an. Das ist ein schönes Gefühl.

MusikBlog: Gibt es einen besonderen musikalischen Eckpfeiler, ohne den das Album deiner Meinung nach an Qualität und Reiz verlieren würde?

Natalie Prass: Auch eine sehr schwere Frage. (lacht) Ich glaube, ich hätte ein Problem damit, wenn wir den entgegengesetzten Faden des Albums nicht so richtig hinbekommen hätten. Das ist auch das, was mir an vielen meiner Lieblingsalben so gut gefällt. Wenn die Musik und die Stimme auf einer Welle schwimmen, kommt man meiner Meinung nach zu schnell an einen Punkt, der sich nicht mehr steigern lässt. Lenkt man hingegen die Stimme in die eine Richtung, die Streicher, den Bass und den Rest der Produktion aber in ganz andere, ohne dabei den gemeinsamen Konsens aus den Augen zu verlieren, dann kann ich davon nicht genug bekommen. Und das haben wir, meiner Meinung nach, ganz gut hinbekommen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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