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Palma Violets (Credit Annett Bonkowski/MusikBlog)

Das Chaos kommt ganz von alleine – Palma Violets im Interview

Oh sweet, Rock’n’Roll. Palma Violets haben dich ganz tief eingeatmet. Seit ihrem Debüt „180“ vor zwei Jahren gelten sie nicht nur in der englischen Presse als neue Rock-Hoffnung und werden von den einschlägigen Medien für ihre wilden Shows und ihre draufgängerischen Songs gefeiert. Im Zuge ihres Nachfolgers „Danger In The Club“ lassen sie nichts unversucht diesen Status beizubehalten. Dreckige, laute Riffs gehören bei den Londonern schließlich schon fast zum guten Ton. Um den einmal gewonnenen Ruf auch abseits der Bühne nicht zu ruinieren, bleibt die Band selbst auf Promotour für ihr neues Album im Rockstar-Modus.

Pünktlich zum Interview erscheinen? Fehlanzeige. Aber immerhin schafft es das Management die nach Berlin gereisten Herren Samuel Thomas Fryer und Jeffrey Peter Mayhew irgendwie aus den Hotelbetten zu jagen. Die Müdigkeit noch deutlich ins Gesicht geschrieben, die Frisuren vom Kopfkissen zerzaust und die zerknitterten Hemden in Eile übergeworfen, brauchen die von der vorherigen Nacht gezeichneten Bandmitglieder erst eine Runde Kaffee um in die Gänge zu kommen. Sänger Samuel gönnt sich noch einen extra „Breathe Deep“ Tee, um den Sprachapparat zu aktivieren, da hat sein Freund und Kollege Jeffrey immerhin schon beide Augen halbwegs offen.

So fängt er auch gleich auf einem Brownie herum kauend an von ihrem Aufenthalt in Wales zu schwärmen, wo sie sich ein paar Wochen zurückzogen, um an den neuen Songs zu arbeiten: „Es war gut einmal von so viel Natur und deren Schönheit umgeben zu sein. Wir konnten uns dadurch auf uns selbst konzentrieren. Auf Tour ist alles immer viel zu chaotisch und wir kommen überhaupt nicht dazu an neuen Songs zu arbeiten. Ausserdem hat man nicht jeden Tag einen solch atemberaubenden Ausblick auf die Berge. Abends haben wir oft zusammen am Kamin gesessen und in die Flammen gestarrt.“

Für so viel Idylle ist die neue Platte reichlich laut geworden. Schuld an allem war genau jene Ruhe, die die Band zwar einerseits genoss, aber gleichzeitig schamlos ausnutze, um ihre Songs noch rauer und härter in das vor ihnen liegende Nichts zu jagen. Jeffrey erinnert sich mit einem Lächeln im Gesicht an die Zeit und bestätigt die Annahme: „Wir hatten vor Ort die Freiheit all das zu tun, worauf wir Lust hatten. Es gab weit und breit niemanden, der uns hätte Vorschriften machen können. Vielleicht ist das ein Grund dafür, warum die Songs letztendlich so laut ausgefallen sind.“

Zwischen Songwriting und lärmenden Sessions lag der Band jedoch nichts ferner als endlos im Studio zu versacken oder gar zu leidenschaftlichen Naturburschen zu werden. Der Schlüssel zum musikalischen Glück liegt laut Sänger Samuel ganz woanders, wie er uns verrät: „Generell lautet unsere Devise – je schneller wir einen Song aufnehmen, umso besser klingt er am Ende. Meistens tun wir uns keinen Gefallen damit uns zu lange mit einem Lied zu beschäftigen. Die Idee muss frisch sein und sofort von uns umgesetzt werden, sonst verliert sie an Gewicht.“ Eine Tatsache, die Keyboarder Jeffrey nickend mit den Worten bestätigt: „Wenn wir uns zu lange auf einen Song konzentrieren, saugen wir seine Seele aus ihm heraus.“

Auf die Gefahren im Inneren eines Clubs angesprochen, gaukeln uns die beiden tatsächlich vor sich niemals in Clubs aufzuhalten, es sei denn, sie spielen selbst ein Konzert. Dort geht es zwar meist hoch her und das Publikum ist trotz der Sicherheitsleute kaum zu bändigen, aber den Tumult bei ihren Shows wollen und können sie nicht beeinflussen, wie uns Samuel versichert: „Wir versuchen bei unseren Shows nicht absichtlich Chaos zu erzeugen. Das kommt meistens von ganz alleine, wenn wir auf der Bühne stehen und unsere Songs spielen. Anders würde es für uns gar nicht funktionieren. Sobald du eine bestimmte Reaktion erzwingen willst, kommt nichts Gutes dabei heraus. Wir können nicht kontrollieren, was bei einem Konzert passiert.“

Die Unschuldsmiene aufgesetzt, philosophiert Jeffrey hingegen über wirklich gefährliche Clubs, die es seiner Meinung nach wert wären auf eine rote Liste gesetzt zu werden: „Gibt es in Deutschland nicht einen Club, in dem die Decke nur aus einer Glasfront besteht? In so einem Club ist die Verletzungsgefahr bestimmt groß, weil ständig alle nach oben sehen und niemand darauf achtet, wo er hinläuft.“ Obwohl Palma Violets in den letzten zwei Jahren auf Tour fast jedem erdenklichen Club Englands einen Besuch abgestattet haben dürften, scheinen sie ohne Blessuren davon gekommen sein. Vielleicht auch, weil es einen Ort gibt, an dem sie sich viel lieber aufhalten: dem Pub.

Brav an ihren Wassergläsern nippend, stellen die beiden eines zum Ende des Interviews klar: „In England sind die Leute nicht so verrückt darauf in einen Club zu kommen. Man geht eher in Pubs. Die Clubs bei uns sind ganz schön schrecklich. Da verbringt man seinen freien Abend lieber im Kreise von Freunden in einem Pub und trinkt dort einen zusammen. Es sei denn, man steht auf schlechte Musik und will sich unbedingt in einen Club wagen. Genau genommen, stellen die Clubs selbst die größte Gefahr dar. Wahrscheinlich sind die Clubs weltweit, was das betrifft, überall gleich“, kommentiert Jeffrey die Situation in seiner englischen Heimat.

Mit so viel Abneigung gegen die lokale und internationale Club-Szene im Nacken wirken die Songs auf „Danger In The Club“ umso brachialer und prallen wuchtig auf die Ohren hinab. Wirklich gefährlich wird es dann aber wohl erst wieder, wenn Palma Violets erneut in den Tourbus steigen und in nah und fern den musikalischen Ausnahmezustand proben.

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