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Ich will niemandem zumuten, mir bei der Arbeit zuzusehen – East India Youth im Interview

Der blaue Anzug sitzt. Die Krawattennadel glänzt und William Doyle alias East India Youth ist trotz Jetlags im Morgenlicht seines Berliner Hotel bester Dinge. Gerade aus Japan um den halben Globus geflogen, hätte es angesichts seiner guten Laune wohl nicht einmal den Kaffee vor seiner Nase gebraucht, um die Restmüdigkeit verfliegen zu lassen. Mit “Culture Of Volume”, dem Nachfolger seines Mercury Prize nominierten Debüts “Total Strife Forever” steht Doyle nur ein knappes Jahr nach seinem ersten Streich erneut in den Startlöchern. Im Gespräch mit uns kommt ein Songwriter der alten Schule zum Vorschein, der uns von seiner Leidenschaft für die Poesie erzählt, aber dennoch den modernen Luxus des Heimstudios genießt. Aufnahmesessions im Bademantel inklusive.

MusikBlog: Auf deinem neuen Album singst du “The end result was not what was in mind” (End Result). Gilt das auch für die Songs auf “Culture Of Volume”?

William Doyle: Es kommt dem sehr nahe, was passiert, wenn man längere Zeit intensiv an etwas arbeitet. Die Aussage beschreibt den kreativen Prozess im Allgemeinen, der einen ziemlich vereinnahmt. Man wird regelrecht zum Sklaven seiner Kreativität. Ich versuche mir aber immer, ein Stück des Mysteriums zu bewahren, auch wenn man sich schnell an das Leben als Vollzeit-Musiker und den damit einhergehenden Alltag gewöhnt. Meine Beziehung zur Musik ist nach all den Jahren immer noch sehr stark ausgeprägt. Obwohl ich mich ihr täglich widme und manchmal an nichts anderes denke, muss ich mir aber ab und zu in Erinnerung rufen, wie es war, als Teenager völlig in der Musik aufzugehen. Ich bin zu Konzerten gerannt, habe mich stundenlang angestellt, um dann in der ersten Reihe meine Idole zu sehen. Das mache ich heute nicht mehr. Schade eigentlich!

MusikBlog: Fühlst du dich zu alt für solch ein Benehmen?

William Doyle: Ein wenig! Wenn ich ehrlich bin, gibt es aber ein paar Ausnahmen. Of Montreal sind für mich eine Band, die ich mir wahnsinnig gerne live ansehe. Dann werde ich wieder total zum Fan. Letzten Sommer haben wir auf dem selben Festival in Irland gespielt und ich bin während ihres Sets nach vorne gestürmt und habe jeden Song mitgesungen. Die Leute um mich herum haben mich total verwundert angeguckt, weil ich so leidenschaftlich dabei war. Vielleicht lag es daran, weil kaum sonst jemand daran interessiert war, sie zu sehen.

MusikBlog: “Culture Of Volume” ist ein Zitat aus einem Gedicht von Rick Holland. Hand aufs Herz – was hast du mit Poesie am Hut?

William Doyle: Das stimmt, “Culture Of Volume” ist eine Zeile aus dem Gedicht “Monument” von Rick Holland. Er ist ein zeitgenössischer Dichter und hat das Gedicht als Teil eines Buches selbst veröffentlicht. Ich habe es mir irgendwann gekauft und ihn dann später auch persönlich kennengelernt. Wir verstanden uns gut, so dass Rick dann auch ein paar meiner Shows besuchte und wir Freunde wurden.

MusikBlog: Seitdem ist das Buch dein ständiger Begleiter?

William Doyle:: Ja, tatsächlich. Ich hatte sein Buch immer bei mir, wenn ich auf Tour war. Immer, wenn mir danach war, schlug ich es auf und las darin. Egal wie oft ich die einzelnen Gedichte laß, sie brachten immer wieder neue Assoziationen und Gefühle in mir hervor. Das Schöne an der Sprache ist, dass man sich nie ganz an sie gewöhnt. Gerade bei Gedichten ist die Wirkung der Worte durchaus eine andere, je nachdem, wie man sich ihnen in einem bestimmten Moment öffnet oder verschließt. Ich habe Ricks Gedichte immer und immer wieder gelesen. Die Zeile “Culture Of Volume” stach mir sofort ins Auge. Ich nannte das Album so, bevor es überhaupt fertig war. Mir schwebte ein Albumtitel vor, der all den Ideen darauf einen Rahmen geben könnte, und diese drei Worte waren wie dafür gemacht. Alles, was man auf dem Album hören kann, ist für mich wie ein musikalisches Tagebuch der letzten zwei Jahre. In dieser Zeit ist so vieles passiert, dass die Bezeichnung “Volume” nicht treffender sein könnte.

MusikBlog: Mochtest du Poesie schon immer?

William Doyle: Nein, ich musste mich erst an poetische Inhalte jeglicher Art herantasten. Als ich jünger war, interessierte mich das Ganze nicht so sehr wie heute. Je älter ich jedoch wurde, umso mehr konnte ich der Poesie etwas abgewinnen. Es ist eine wahre Kunst, große Sachverhalte in so kurzer Form darzulegen. Die Poesie hilft mir dabei, im Einklang mit meiner Umgebung zu sein. Rick Hollands Gedichte haben genau diesen Effekt auf mich.

MusikBlog: Wie würdest du deinen eigenen Umgang mit der Sprache beschreiben, wenn du zum Beispiel Songtexte schreibst?

William Doyle: Ich tue mich schwer damit, Songtexte zu schreiben. Meistens erfüllt mich dieser Prozess nicht, während ich mit den Worten ringe. Erst sehr viel später komme ich an den Punkt, an dem mir bewusst wird, dass es ein wichtiger Teil für mich als Künstler, aber auch als Mensch ist. Ich muss zugeben, dass ich im Vergleich recht wenig Zeit damit verbringe, Texte zu schreiben. Ich investiere fast all meine Zeit in die Musik, aber ich könnte mir vorstellen, dass es eine Übungssache ist. Ich sollte mehr schreiben, dann würde ich mich unter Umständen wohler fühlen, was das angeht. Selbst, wenn ich einen Haufen der Texte am Ende gar nicht verwende, besteht immerhin die Chance, dass es mir dabei hilft, mich weiterzuentwickeln. Auch bei “Culture Of Volume” habe ich mich wirklich schwer damit getan, die richtigen Worte für das zu finden, was ich mit den Songs zum Ausdruck bringen wollte. Ich würde diesen Aspekt meines Künstlerdaseins gerne genauso genießen wie die Musik selbst. Ich arbeite daran!

MusikBlog: Was steht deinem Glück beim Texten im Wege?

William Doyle: Durch das Internet wird man viel zu viel abgelenkt und verbringt seine Zeit mit unnützen Dingen. Deswegen habe ich wieder mein Notizbuch herausgekramt und trage es ständig mit mir herum, um mich daran zu erinnern, dass ich meinen Gedanken auch sinnvoller freien Lauf lassen kann. Es geht dabei gar nicht so sehr darum, unfassbar wichtige Inhalte niederzuschreiben, sondern eher um den Akt als solchen. Es tut mir gut, meine Worte im Kopf zu sortieren und sie dann zu Papier zu bringen. Ich habe das leider ein paar Jahre lang versäumt, aber im Vorfeld der Entstehung des neuen Albums wieder verstärkt damit angefangen. Ich bin sehr froh darüber, mich nun mehr mit meinem Inneren zu beschäftigen, als mich der Schnelllebigkeit meiner Umgebung zu unterwerfen.

MusikBlog: Das könnte man altmodisch oder aber romantisch nennen. Bist du ein Songwriter der alten Schule?

William Doyle: Absolut. Meine Handschrift hat sich im Zuge meiner Notizen auch sehr verbessert! Vorbei sind die Zeiten, in denen ich meine eigenen Worte nicht einmal mehr lesen konnte. Heutzutage schreibt ja kaum noch jemand. Alle hocken nur noch am Computer und hauen in die Tasten. Mich hat es irgendwann verrückt gemacht, dass ich meine eigenen Songideen nicht mehr entziffern konnte, weil ich so auf dem Papier herumgekritzelt habe. Es ist schrecklich, wenn du da sitzt und auf ein Chaos aus Buchstaben blickst. Eine Angewohnheit habe ich aber noch nicht abgelegt – rund um meine Songtexte herum male ich ständig die komischsten Dinge. Mein Notizbuch ist voll von Formen, die meine Worte einrahmen. Es ist zu einer Art Begleiterscheinung geworden, die ganz automatisch passiert, sobald ich einen Stift zur Hand nehme.

MusikBlog: Dem Gang in ein Tonstudio verweigerst du dich auch auf deinem neuen Album ein weiteres Mal. Das passt ins Konzept.

William Doyle: Ich brauche die Einsamkeit, um Musik zu machen. Ausserdem lege ich großen Wert darauf, zu jeder Tageszeit aufnehmen zu können. Diesen Luxus hat man nur, wenn man bei sich zuhause oder eben in seinem eigenen Studio aufnimmt. Bei mir war ersteres der Fall, was auch dazu geführt hat, dass ich während der Aufnahmen sehr schlecht geschlafen habe. Ich liebe die Intimität, zuhause aufzunehmen, aber gleichzeitig bringt es auch den eigenen Rhythmus durcheinander und es kann ungesund sein, am selben Ort zu wohnen und zu arbeiten. Dennoch genieße ich es, so von der Musik umgeben und fast schon darin eingewickelt zu sein. Mit manchen der neuen Songs habe ich so über ein Jahr verbracht. Selbst, wenn ich Dinge aus meinem Innersten aus mir herauslasse, die unschön sind, ist es am Ende eine gute Erfahrung. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich meine eigenen vier Wände denen eines Studios vorziehe. Niemand kann mich zuhause beobachten. Ausserdem sollte ich wirklich niemanden zumuten, mir bei der Arbeit zuzusehen. Da passieren eine Menge eigenartige Sachen…

MusikBlog: Ok, raus mit der Sprache!

William Doyle: Es kommt schon einmal vor, dass ich morgens zu faul bin, um mich anzuziehen. Also sitze ich in meinem Bademantel herum, trinke Kaffee und esse Müsli, während ich mir meine Arbeit des Vortages anhöre. Ehe man sich versieht, ist es vier Uhr am Nachmittag und man steckt immer noch im Schlafanzug! Ich glaube schon, dass ich diesen Luxus auch weiterhin genießen möchte. Also bleibe ich wohl vorerst meinem Heimstudio treu.

MusikBlog: Und das, obwohl deine Songs geradezu das Gegenteil an Atmosphäre ausstrahlen. Statt klaustrophobischen Verhältnissen entwirfst du mit deiner Musik Räume, die oftmals Weite suggerieren.

William Doyle: Mich reizt es, Musik zu machen, die ihrem Klang nach im Kontrast zu der eigentlichen Umgebung steht, der ich beim kreativen Prozess selbst ausgesetzt bin. Meine Songs sind eher atmosphärisch und großflächig angelegt, was theoretisch überhaupt nicht zu meinem bescheidenen Apartment in London passt, in dem die Songs entstehen. Mich faszinierte schon immer die Tatsache, dass man mit Musik eben genau solche Grenzen überschreiten kann.

MusikBlog: Wann hast du das letzte Mal eine persönliche Grenze überschritten?

William Doyle: Das habe ich getan, als ich das neue Album das erste Mal meinem Label vorgespielt habe. Ich saß mit ein paar Leuten zusammen in einem Raum und habe total angefangen, zu schwitzen, weil ich es als so unangenehm empfunden habe, meine Musik plötzlich mit anderen zu teilen. Immerhin habe ich so viel Zeit damit verbracht, diese ganz alleine zu erschaffen. Normalerweise bin ich in solchen Dingen sehr eigen und kann meine Songs nur schwer auf die Ohren anderer loslassen, wenn sie noch so neu sind. Es hilft mir aber dabei, die Dinge aus einer neuen Perspektive heraus zu betrachten. Feedback ist sehr wichtig.

MusikBlog: Bekommen deine Nachbarn viel von dem mit, was du machst, wenn du dich in deiner Wohnung verschanzt und sie mit Musik beschallst?

William Doyle: Zum Glück sind die Wände in meiner Wohnung sehr dick, so dass ich meine Nachbarn nicht den ganzen Tag meiner Arbeit aussetze. Bei meiner ersten Platte, die ich in Southhampton aufgenommen habe, musste ich da viel umsichtiger sein, was mein Umfeld angeht. Ich konnte den fertigen Mix nicht einmal angemessen laut anhören, weil ich meine Nachbarn ansonsten in den Wahnsinn getrieben hätte. Alles war so hellhörig. Es war ein Albtraum!

MusikBlog: Was hat dich dazu bewegt, dich auf “Culture Of Volume” weitaus mehr dem Pop zu verschreiben als zuvor?

William Doyle: Als ich mit diesem Projekt anfing, war ich auf der Bühne noch recht zurückhaltend. Die vielen Auftritte seit meinem ersten Album haben mir aber dabei geholfen, mehr aus mir herauszukommen. Das ist auch einer der Gründe, warum “Culture Of Volume” viel poppiger ausgefallen ist als sein Vorgänger. Mit zunehmendem Selbstbewusstsein wuchs in mir auch der Wunsch, mehr als dieser Typ zu sein, der sich hinter seinem Equipment versteckt und elektronische Musik macht. Natürlich spielt auch die Tatsache eine Rolle, dass das Publikum immer größer geworden ist. Ich wollte mehr von mir preisgeben und das konnte ich auf diese Weise tun. Es fing an, mir Spaß zu machen, auf der Bühne zu stehen und ich wollte den Teil von mir nach aussen tragen, der extrovertierter ist als das Ich, das sich im Studio einigelt.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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