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Bang Gang (Credit Annett Bonkowski MusikBlog)

Glück ist, eingesperrt im schalldichten Raum zu sein – Bang Gang im Interview

Langeweile dürfte Barði Jóhannsson nicht kennen. Und das, obwohl sein Projekt Bang Gang seit dem letzten Album „Ghosts From The Past“ nach aussen hin ganze sieben Jahre lang still blieb. Zwischen diesem und dem neuen Werk „The Wolves Are Whispering“ vertrieb sich der Isländer seine Zeit gewohnt mit allerhand anderen kreativen Aktivitäten, wie der Arbeit an Soundtracks, TV-Auftritten als Moderator oder auch einer weiteren Leidenschaft, dem Mode Design. Anstatt einen Plan A zu verfolgen, scheint der umtriebige Künstler aus dem Norden gleich das ganze Alphabet voll machen zu wollen. Für den Moment konzentriert er sich aber wieder ganz auf seine musikalischen Anfänge und veröffentlicht nun sein mittlerweile viertes Bang Gang Album. Wir trafen den Mann mit dem leicht kühlen Blick und der Vorliebe für Dunkles im sonnigen Berlin und sprachen mit ihm über seine innere Unruhe, sein Potenzial als Geschäftsmann und seinen Wunsch nach Privatsphäre.

MusikBlog: Du bist als ein wahres Arbeitstier bekannt. Sitzt das Glück für dich immer genau da, wo viel Arbeit auf dich wartet?

Barði Jóhannsson: Ja, vermutlich. Ich hatte im Oktober letzten Jahres das letzte Mal wirklich frei. Idealerweise verbringe ich meine Freizeit am liebsten mit meiner Tochter. Abgesehen davon finde ich – Glück ist, eingesperrt in einem schalldichten Raum zu sein.

MusikBlog: Das erinnert mich an ein Zitat von dir, in dem du sagst, dass sich deine Zeit im Studio stets wie die beste Party anfühlt und dir diese Form des Spaß-Habens völlig genügt. Wie ausschweifend hast du denn die Entstehung deines neuen Albums „The Wolves Are Whispering“ auf diese Weise zelebriert?

Barði Jóhannsson: Die meiste Zeit über habe ich mich wirklich im Studio verkrochen und nichts weiter gemacht, als an den Songs zu arbeiten. Es hat allerdings ein paar Jahre gedauert, bis die Platte fertig geworden ist, weil immer wieder andere Dinge, wie z.B. Soundtracks dazwischen kamen. Diese Dinge hatten oft Priorität, weil sie im Auftrag für andere entstanden sind. Da schiebt man seine eigene Arbeit schon einmal nach hinten.

MusikBlog: Was hat dich während all der Jahre dazu bewegt, immer wieder von Neuem dein Ziel zu verfolgen, ein weiteres Album zu machen?

Barði Jóhannsson: Ich wollte endlich eine Platte machen, die einfach auf Tour umzusetzen ist. Das habe ich mir ständig vor Augen gehalten.

MusikBlog: Meinst du, es ist dir gelungen?

Barði Jóhannsson: Nein, mein Plan ist ziemlich daneben gegangen, fürchte ich. Eigentlich habe ich es nicht einmal geschafft, einen wirklichen Richtungswechsel vorzunehmen. Selbst, wenn ich das gewollt hätte, wäre es mir wahrscheinlich nicht gelungen. Ich kann da als Musiker schlecht aus meiner Haut. Dennoch habe ich versucht, die Songs stilistisch insgesamt ein wenig offener zu gestalten.

MusikBlog: Was hat es dafür von deiner Seite aus gebraucht?

Barði Jóhannsson: Auf jeden Fall sehr viel Selbstdisziplin. Ich kenne da keine Gnade mit mir selbst, wenn es um solche Sachen geht. Da bin ich wohl selbst mein schlimmster Chef. In der Vergangenheit war ich sogar noch viel strenger mit mir, was meine Arbeit anging. Jetzt höre ich zumindest auf die Signale meines Körpers, wenn er nach Ruhe schreit. Vorher habe ich nicht zugelassen, dass mein Körper die Oberhand über meinen Kopf gewinnt. Ich war viel zu vertieft in meine Arbeit und wollte sie mit allen Mitteln zu Ende führen. Deswegen kann ich nicht nachvollziehen, warum sich manche Künstler über ihr eigenes Dasein beschweren. Es zwingt sie doch niemand dazu. Und doch gibt es genügend, die sich hinstellen und so tun, als würden sie die Last aller Künstler allein auf ihren Schultern tragen. Sie sehen sich in ihrem Leid permanent in der Opferrolle. Aber ganz ehrlich, jeder von uns hat doch Probleme.

MusikBlog: Bist du auf so vielen verschiedenen Ebenen kreativ tätig, weil besonders viele Probleme an dir nagen?

Barði Jóhannsson: (lacht) Ja, manchmal glaube ich das. Es gibt Zeiten, da möchte ich mich vor allem durch die Musik von meinen Problemen reinigen und dann wiederum treibt mich der Gedanke an, nicht gut genug zu sein und es besser machen zu können.

MusikBlog: Hast du schon immer bewusst dein Interessenspektrum so weit wie möglich gefächert?

Barði Jóhannsson: Ich denke nicht ständig darüber nach, aber es passiert oft, dass ich mich plötzlich auf völlig neue Dinge einlasse. Das können Zahlen sein oder aber auch irgendein politisch motiviertes Komitee, das sich in Island z.B. mit Firmen beschäftigt, die geschäftlich mit der Stadt zu tun haben. Ich mag es sehr, mich in solche Prozesse hineinzudenken. Leider fehlt mir momentan die Zeit, so dass ich nur in einem Komitee bin, das Frauen sponsert, die Firmen gründen möchten. Es ist toll, Businesspläne zu lesen.

MusikBlog: Eigentlich wolltest du doch schon immer ein Geschäftsmann sein, oder?

Barði Jóhannsson: Als Musiker verdient man ja nicht so gut, da wäre eine zweite Karriere durchaus sinnvoll. Manchmal kommt es aber auch vor, dass man als Musiker geschäftliche Dinge abwickeln muss. Da entwickelt man automatisch einen gewissen Sinn dafür. Mir wurde vor einiger Zeit angeboten, doch mit ein paar anderen Künstlern zusammenzuarbeiten, weil das lukrativ wäre. Nein, danke. Das ist nichts für mich. Ich mache doch keine Musik, um Geld zu verdienen. Wenn das mein ursprünglicher Plan gewesen wäre, dann hätte ich gar nicht erst diesen Weg gewählt, sondern sofort etwas anderes gemacht. Vielleicht wäre ich dann Anwalt geworden.

MusikBlog: Warum flüstern dir denn die Wölfe, dem Albumtitel nach, in die Ohren?

Barði Jóhannsson: Sie flüstern, weil ich niemand bin, der besonders offen gegenüber anderen ist. Von mir wird man sicherlich nie eine Home Story in einem Magazin lesen, die von privaten Bilder meines Eigenheims umrahmt ist. Das finde ich fürchterlich. Ich wurde tatsächlich schon einmal gefragt, ob ich Lust auf so etwas hätte. Kinder sorgen in den Medien auch immer für Gesprächsstoff und Aufmerksamkeit. Ich finde es so krank, wenn irgendwelche berühmten Leute ihre Kinder dermaßen ins Rampenlicht rücken, nur um vielleicht mehr Alben zu verkaufen. Mir würde es im Traum nicht einfallen, meine Tochter irgendwo ablichten zu lassen. Das wäre absolut nicht cool. Kinder sollten nicht derart in den Fokus geraten, so lange sie nicht genau wissen, was sie da eigentlich tun. Keinem Kind tut diese Art der Aufmerksamkeit gut. Für viele Erwachsene zählt das Image aber leider mehr, das sie verkaufen können.

MusikBlog: Wie schwer ist es für dich, dein Privatleben aus allem rauszuhalten?

Barði Jóhannsson: Es ist nicht so schwer, wie man denkt. Ich spreche einfach nicht über meine Familie oder gebe private Dinge preis. Ausserdem vermeide ich es, über Menschen zu sprechen, die in meinem direkten Umfeld sind. Es gibt selbst Leute, die ihre Hunde oder Katzen in die Öffentlichkeit zerren. Selbst das funktioniert nach wie vor ziemlich gut. Mach ein Bild mit deinem Haustier und du bekommst ein paar Klicks mehr!

MusikBlog: Deine Social Media Aktivitäten tendieren eher hin zu den kleinen Absurditäten des Alltags oder leicht verwirrenden, teilweise kryptischen Nachrichten.

Barði Jóhannsson: Mein Leben ist auch wirklich nicht besonders spannend. Ich sehe gar keinen Grund, warum jeder ganz realitätsnah daran Anteil haben sollte. Warum sollte ich mit Fremden teilen, was ich gerade in diesem Moment esse oder wo genau ich mich befinde? Ich teile höchstens Sachen in sozialen Netzwerken, die ich als lustig empfinde. Ich bin ein recht exzentrischer Mensch mit einem komischen Sinn für Humor. Andere Leute posten Bilder von sich mit einem Hawaii-Hemd in der Sonne. Ich stehe dagegen mit schwarzer Kleidung am Strand.

MusikBlog: Auf welche Art von Reaktionen stößt du im Allgemeinen?

Barði Jóhannsson: Ich merke immer wieder, dass ich andere Menschen mit meinen Ideen verwirre. Es kommt oft vor, dass ich falsch verstanden werde und mein Humor keinen Anklang findet. Dann denke ich mir, dass ich nicht ganz normal bin, aber wer ist das heutzutage schon? Es gibt Leute, die ziehen sich überdimensional große Windeln an, sprechen in Babysprache miteinander und finden darin etwas Reizvolles. Ich finde, so lange niemand verletzt wird, kann jeder das ausleben, was er fühlt oder näher erforschen möchte. Es ist doch toll, dass Leute Spaß daran haben, verrückte Dinge zu tun.

MusikBlog: Was Verrücktes hast du im Zuge dieses Albums angestellt?

Barði Jóhannsson: Ich habe Kleider hergestellt. Sechs Stück. Ich weiss noch nicht so genau, wie ich sie verwenden werde. Eigentlich hatte ich vor, zur Albumveröffentlichung auch eine Modelinie herauszubringen. Ich habe schon vor ein paar Jahren mit der Arbeit daran angefangen, aber am Ende sind es nur sechs Kleider geworden. Es wäre immer noch schön, diese Kleider für etwas zu benutzen, das in Verbindung mit dem Album steht, aber ich weiß noch nicht genau, was das sein wird.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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