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Basia Bulat (Credit George Fok)

Das hat mich mutiger werden lassen – Basia Bulat im Interview

Wenn eine Folksängerin wie Basia Bulat eine schmerzhafte Trennung verarbeitet, rechnet man für gewöhnlich mit einem Album voller trauriger Herzschmerzballaden. Stattdessen hat sich Basia Bulat das Auto ihrer Mutter geliehen, ist von Toronto nach Louisville, Kentucky gefahren und hat dort mit Jim James von My Morning Jacket ein kraftvolles und mutiges Album aufgenommen, das den Folk der Vorgängeralben um Motown, Gospel und Soul erweitert. „Good Advice“ will tanzen, nicht trauern. Wir sprachen mit der kanadischen Sängerin über den Mut zur Veränderung, ihre Versöhnung mit dem Klavier und die Arbeit an ihrem vierten Album.

MusikBlog: Über dein letztes Album „Tall Tall Shadow“ hast du gesagt, dass du damit die Grenzen des Folk erkunden wolltest. Bist du mit „Good Advice“ noch weiter in fremdes Terrain vorgedrungen?

Basia Bulat: Ja, dieses Mal sind wir irgendwo im Weltraum gelandet. (lacht) Meine früheren Alben waren im Kern immer akustisch, „Good Advice“ klingt dagegen sehr elektrisch – und manchmal sogar elektronisch. Ich habe zuvor noch nie ein so modern klingendes Album aufgenommen. Diese Veränderungen haben mir sehr viel Spaß gemacht. Es hat sich nämlich nicht nur die Musik verändert, sondern ich bin für dieses Album auch von Kanada nach Louisville, Kentucky gefahren und habe dort mit Jim James von My Morning Jacket aufgenommen. Vieles war also neu oder anders für mich bei „Good Advice“.

MusikBlog: „Tall Tall Shadow“ erschien 2013. Hast du direkt danach angefangen, die Songs für „Good Advice“ zu schreiben?

Basia Bulat: Nein, ich habe mit dem Schreiben erst kurz vor den Aufnahmen begonnen. Damals gab es viele einschneidende Veränderungen in meinem Leben, weshalb es ein sehr persönliches Album geworden ist. Das war ein sehr direkter Schreibprozess, weil ich in meinen Songs schon verarbeitet habe, was ich da gerade noch durchlebte.

MusikBlog: Zwischen deinen drei bisherigen Alben liegen jeweils drei Jahre und auch die Veröffentlichung von „Good Advice“ passt in dieses Muster. Benötigst du diese Zeitspanne für ein neues Album?

Basia Bulat: Ich wollte unbedingt dieses Mal schneller sein, aber daraus wurde wieder nichts. Ich vergleiche den Prozess gerne mit dem Zyklus von Pflanzen, die jeden Frühling neue Blätter bekommen. Vielleicht bin ich eine Pflanzenart, die eben nur alle drei Jahre ausschlägt. Ich muss wohl akzeptieren, dass man so etwas nicht erzwingen kann. Das wäre zwar besser fürs Geschäft, aber schlecht für die Kunst. (lacht)

MusikBlog: Du hast die Zusammenarbeit mit Jim James erwähnt. Wer von euch beiden hatte denn die Idee, gemeinsam ein Album aufzunehmen?

Basia Bulat: Das war meine Idee, aber er hat sofort zugesagt und wirkte echt begeistert. Das war eine ziemliche Überraschung, sogar ein kleiner Schock für mich, weil ich mir sicher war, dass ich ihm die Idee erst irgendwie schmackhaft machen müsste.

MusikBlog: Ihr habt in Jim James‘ Heimatstadt Louisville aufgenommen. Wie sehr hat diese neue Umgebung den neuen Sound auf „Good Advice“ beeinflusst?

Basia Bulat: Ich wollte Veränderungen und wusste, dass eine neue Umgebung und neue Menschen natürlich Einfluss auf meine Songs haben würden. Es war eine tolle Erfahrung, nicht nur 600 Meilen weit weg zu fahren, sondern dort eben auch mit Musikern aus Louisville gemeinsam aufzunehmen. Und ich bin überzeugt, dass all dies die Art verändert hat, wie ich auf „Good Advice“ singe und spiele.

MusikBlog: Hattest du diesen Tapetenwechsel auch wegen all der einschneidenden Veränderungen nötig, die du erwähnt hast?

Basia Bulat: Ja, das hat zumindest geholfen. Das Album in Kentucky aufzunehmen, hat mich selbstbewusster werden lassen. Schon dieses neue Album klingt nicht so, wie ich bisher klang, und auch nicht so, wie ich es zuvor erwartet hatte. Das hat mich mutiger werden lassen und ich möchte auf meinen nächsten Alben sogar noch mehr wagen.

MusikBlog: Wie viel Zeit hast du denn überhaupt in Louisville verbracht?

Basia Bulat: Ich glaube, wir haben insgesamt ungefähr einen Monat lang aufgenommen – allerdings verteilt über mehrere Sessions.

MusikBlog: Du hast erzählt, dass das Album in einer turbulenten Phase deines Lebens entstand. Hast du deshalb den Titel „Good Advice“ gewählt, weil du gute Ratschläge gebrauchen konntest, oder im Gegenteil, weil du keine Ratschläge mehr hören wolltest?

Basia Bulat: Ich bin schon ein Mensch, der seine Probleme gerne mit anderen bespricht. Denn wenn ich darüber spreche, wird mir bewusst, was ich wirklich empfinde. Wenn ich singe, ist das ein ähnlicher Vorgang. Dennoch ist der Albumtitel sehr irreführend, weil ich keine guten Ratschläge parat habe und stattdessen ständig Fragen stelle, auf die ich keine Antwort weiß. Der Song „Good Advice“ handelt davon, dass ich keine Ratschläge und keine Vergebung von irgendjemand brauche, weil ich mein Bestes gebe, eine gute Person zu sein. Und darauf laufen ja auch die meisten guten Ratschläge hinaus: Hör auf deine innere Stimme!

MusikBlog: Im Vergleich zu deinen früheren Alben spielen Tasteninstrumente und speziell die Orgel eine größere Rolle auf „Good Advice“. Wann hast du den Klang der Orgel für dich entdeckt?

Basia Bulat: Eigentlich mochte ich den schon immer. Schon als Kind habe ich gelernt, Klavier zu spielen – das war mein erstes Instrument. Es war auch lange mein Wunsch, professionelle Pianistin zu werden. Dass ich mich von diesem Instrument dann irgendwann distanziert habe, hängt auch damit zusammen, dass ich diesen Wunsch aufgeben musste und das eine sehr schmerzhafte Erfahrung war. Vor allem mit diesem Album habe ich Tasteninstrumente wieder für mich entdeckt. Manche Menschen aus meinem Umfeld behaupten sogar, dass ich regelrecht besessen von Keyboards bin, weil ich eine ziemliche Sammlung in meiner Garage habe. Das sind alles alte Instrumente, die ich in Second-Hand-Shops gekauft habe. Für dieses Album habe ich zum ersten Mal wieder Songs am Klavier oder am Keyboard geschrieben. Vielleicht habe ich mich auf meine Wurzeln besonnen, weil sich so viel in meinem Leben verändert hat. Ein Instrument zu spielen, das mir schon so lange vertraut ist, hat mir ein Gefühl von Beständigkeit und Kraft vermittelt.

MusikBlog: Die Songs sind auch rhythmischer und deshalb tanzbarer als zuvor – zum Beispiel „La La Lie“, „Long Goodbye“ oder „Infamous“.

Basia Bulat: Ich wollte Songs schreiben, die Spaß machen, wenn man sie aufführt, wenn man mitsingt und dazu tanzt. Deshalb der Fokus auf Rhythmen.

MusikBlog: Und waren die Songs schon so tanzbar, als du sie geschrieben hast, oder geschah das erst in Louisville?

Basia Bulat: Da ich die Songs zunächst alleine am Klavier oder der Orgel geschrieben habe, klangen sie natürlich noch ganz anders. Dennoch hatte ich da bereits bestimmte Rhythmen dazu im Kopf. Ich habe dann während der Aufnahmen sehr oft und lange mit dem Schlagzeuger gesprochen, damit er die Rhythmen umsetzt, die ich im Kopf hatte.

MusikBlog: Mit „Good Advice“ hast du dich ja vom traditionellen Folk entfernt. Dafür erinnern viele Songs an alte Gospel- und Soul-Platten – zum Beispiel „In The Name Of“. Bist du mit dieser Musik aufgewachsen?

Basia Bulat: Ja, Soul und Gospel waren schon immer ein großer Einfluss. Ich liebe Dusty Springfield, viele Phil-Spector-Produktionen, The Supremes und andere Frauengruppen. Mit all diesen Sachen bin ich aufgewachsen und sie haben auch die Art geprägt, wie ich singe. Was meinen Musikgeschmack angeht, war ich schon in jungen Jahren nicht im Einklang mit meiner Generation und meiner Zeit. Ich hab Radiosender mit Oldies gehört und kannte meisten gar keine aktuellen Songs. Während der Aufnahmen zu „Good Advice“ habe ich eine Gospelkirche besucht und das war ein sehr inspirierendes Erlebnis.

MusikBlog: Auf deinem letzten Album „Tall Tall Shadow“ hast du bereits mit großen Arrangements experimentiert, „Good Advice“ klingt nun noch aufwendiger. Wie groß ist Jim James‘ Anteil an diesem Sound?

Basia Bulat: Das ist schwierig zu beantworten, weil wir beide die Idee hatten, eine druckvolle Platte zu machen. Diese Songs verlangten einfach nach einer gewissen Kraft, ohne die sie sich nicht voll entfalten konnten. Auch meine Art zu singen, musste ich deshalb anpassen.

MusikBlog: War es denn ein großer Unterschied, mit Jim James zusammenzuarbeiten, im Vergleich zur Arbeit mit Tim Kingsbury und Mark Lawson an „Tall Tall Shadow“?

Basia Bulat: Ich will das gar nicht miteinander vergleichen. Jede Erfahrung ist einzigartig, jede Albumproduktion auch. Ich würde es eher wieder mit Pflanzen vergleichen, die aus dem Boden sprießen: Der Boden in Montreal ist eben anders als der Boden in Louisville. Jim James hat es geschafft, dass ich mich zuhause fühlte, obwohl ich so weit von zuhause entfernt war. Und er hat eine Gruppe von Musikern zusammengestellt, mit denen ich über Dinge gesungen habe, über die es mir schwerfällt, zu singen. Menschen, die ich zu Beginn überhaupt nicht kannte und die am Ende gute Freunde und so etwas wie eine Familie für mich wurden.

MusikBlog: Mit jedem Album hast du bisher deinen Stil verändert und neue musikalische Richtungen erforscht. Weißt du immer schon zu Beginn, wohin dich ein Album führen wird?

Basia Bulat: Definitiv nicht. Das kommt erst, wenn ich bereits an dem Album arbeite. Deshalb war ich auch so froh, dass ich dieses Album mit Jim James aufnehmen durfte. Denn sowohl bei My Morning Jacket als auch bei seinem Soloalbum war Jim James immer sehr furchtlos, wenn es darum ging, neue Richtungen auszuprobieren. Diese Furchtlosigkeit war der Grund, warum ich ihn gefragt habe. Denn ich wusste zu dem Zeitpunkt selbst noch nicht, wie „Good Advice“ klingen würde.

MusikBlog: Meistens kann man diese stilistischen Veränderungen ja schon an deinen Albumcovern ablesen – das knallige Rot und das glitzernde Pailletten-Oberteil passen zum moderneren, poppigeren Sound.

Basia Bulat: Genau, das war auch die Idee hinter diesem Artwork.

MusikBlog: Wir haben jetzt so viel über Veränderungen gesprochen, aber kannst du dir auch vorstellen, sozusagen zu deinen Wurzeln zurückzukehren und noch einmal ein traditionelles Folkalbum im Stil von „Oh, My Darling“ aufzunehmen?

Basia Bulat: Klar, das ist möglich. Wenn ich seit meinem Debüt nur reine Folk-Alben veröffentlicht hätte, wäre das für mich und alle anderen sehr langweilig gewesen. Aber so kann ich mir gut vorstellen, irgendwann zu diesem Stil zurückzukehren.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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