Ich kann einfach nicht still sitzen – Tiga im Interview

DJ, Produzent, Clubbetreiber, Radiomoderator und Labelchef: Tiga ist ein Workaholic. Wenn der Kanadier nichts zu tun hat, dann geht’s ihm nicht gut. Er hat aber viel zu tun. Die Folge: Es geht ihm sogar sehr gut. So zumindest der Anschein, wenn man sich mit seinem neuen Album “No Fantasy Required” beschäftigt. Das sprüht nämlich förmlich über vor Positivität. Natürlich nur unterschwellig, versteht sich. Anyway, wir wollten Näheres zum aktuellen Stand der Dinge erfahren und trafen uns mit dem Ahorn-DJ zum Vieraugengespräch.

MusikBlog: Tiga, arbeitest du, um zu leben? Oder lebst du, um zu arbeiten?

Tiga: Das ist eine gute Frage. (lacht) Ich kann einfach nicht still sitzen. Ich muss in Bewegung sein und mich kreativ austoben. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, in welchem Bereich ich tätig bin. Hauptsache ich bin beschäftigt.

MusikBlog: Keine Angst vor einem Burnout?

Tiga: Nein, nicht wirklich. Natürlich kann Arbeit bisweilen auch anstrengend sein. Aber normalerweise beschäftige ich mich nur mit Dingen, die mir auch Freude bereiten. Da merkt man die Anstrengung nicht so. Würde ich irgendwo in einer Fabrik arbeiten, wäre es sicherlich etwas anderes. Aber ich bin den ganzen Tag mit Musik beschäftigt. Das ist meine Leidenschaft.

MusikBlog: Leute, die dich nicht so auf dem Schirm haben, könnten dieser Tage allerdings denken, dass du eher ein Musiker bist, der lieber eine ruhige Kugel schiebt. Dein neues Album “No Fantasy Required” ist schließlich das erste Studio-Lebenszeichen unter eigenem Namen nach sieben Jahren.

Tiga: Ja, das stimmt. Man könnte meinen, ich liege gerne auf der faulen Haut. Aber dem ist natürlich nicht so. Leute, die mich kennen, wissen das auch. Ich beschäftige mich ja nicht nur mit meiner eigenen Musik.

MusikBlog: Sie ist dir aber dein liebstes “Baby”, oder?

Tiga: Naja, nicht immer. (lacht)

MusikBlog: Bitte?

Tiga: Nun, manchmal ist es schon ein Kampf. Vielleicht hat die Veröffentlichung des neuen Albums auch deshalb so lange gedauert. Ich weiß es gar nicht mehr so genau. Weißt du, es fühlt sich eigentlich gar nicht so an, als wären schon wieder sieben Jahre ins Land gezogen. Vielleicht drei oder vier. Ich habe die letzten Jahre viel produziert, hatte Label-Sachen auf dem Schirm und war mit meinem Club beschäftigt. Meist ist der Tag viel zu kurz für mich.

MusikBlog: Dein neues Album klingt unheimlich verspielt. Hat sich einfach so ergeben? Oder steckt da eine Geschichte dahinter?

Tiga: Das hat sich eher so ergeben. Sicher, man hat immer einen gewissen Sound-Plan im Hinterkopf wenn man sich an ein neues Album macht. Aber man sollte sich auch nicht zu sehr festlegen. Der Songwriting-Prozess hat immer auch etwas Magisches an sich. Man muss die Dinge dann einfach laufen lassen. Dann kommt man zum besten Ergebnis. Zu viel konzeptionelles Denken schadet nur. Man sollte vieles aus dem Bauch heraus entscheiden. Das habe ich auch getan.

MusikBlog: Gemeinsam mit Hudson Mohawke und Jake Shears.

Tiga: Genau.

MusikBlog: Wie lief die Zusammenarbeit?

Tiga: Jake kenne ich schon sehr lange. Wir sind gute Freunde und haben schon öfters zusammen gearbeitet. Ich hab ihm einfach einen Track geschickt. Und er hat dann seine Vocals aufgenommen. Ganz unkompliziert. Wir haben auch noch mehr Sachen aufgenommen, die nicht auf dem Album sind. Mal sehen, was wir damit in Zukunft noch anstellen werden. Mit Hudson wollte ich schon immer mal etwas zusammen machen. Ich finde seine Alben toll, und ihn als Künstler unheimlich faszinierend. Wir haben uns dann irgendwann in Europa auf einigen Festivals näher kennengelernt. Daraus wurde schließlich eine Freundschaft. Und so griff dann ein Rädchen ins andere. Plötzlich standen wir gemeinsam in London im Studio. That’s it.

MusikBlog: Deine Songs pendeln immer gekonnt zwischen klassischen Techno-Elementen und poppigen Sequenzen. Eine Mixtur, an der sich mittlerweile viele Elektro-Künstler versuchen. Woran liegt das?

Tiga: Das kann ich gar nicht genau sagen. Bei mir ist es einfach so, dass ich mich schon immer mit beiden Seiten beschäftigt habe. Ich liebe elektronische Musik. Ich liebe Techno. Ich steh aber auch auf Pop. Dabei geht es aber weniger um bestimmte Songs, oder um das, was man heutzutage in den Charts hört. Ich meine damit eher die Essenz des Genres, das Spielen mit Harmonien und das Verlangen etwas zu kreieren, das so viele Menschen wie möglich an einen Tisch bringt.

MusikBlog: Demnächst stehen wieder jede Menge Konzerte an. Nicht jeder Künstler im Elektro-Bereich setzt in so einer Situation zu Freudensprüngen an. Viele bevorzugen eher das Tüfteln an neuen Songs im stillen Kämmerlein. Wie sieht es dahingehend bei dir aus?

Tiga: Bei mir ist es so, dass ich manchmal gar nicht mehr genau weiß, wann ich das letzte Mal zuhause war. Wenn es entspannt läuft, habe ich vielleicht drei oder vier Wochenenden im Jahr für mich. Ich bin schon so lange dabei. Und weiß Gott: Mein Kalender ist immer voll. Eigentlich bin ich ständig auf Tour. Daher ist das Spannendste im Jahr für mich die Zeit, wenn ich mal nichts zu tun habe, und einfach nur daheim bin. Das mag komisch klingen. Aber so ist es. Ich geh dann in Montreal spazieren. Ich treffe Freunde. Ich gehe essen. Das sind für mich ganz exquisite Momente, auf die ich mich immer total freue. Aber um deine Frage zu beantworten: Ich bin gerne auf Tour. Ich spiele gerne live. Auch wenn ich vor Auftritten immer noch nervös und zittrig bin. Ich kann mich noch erinnern, wie ich das erste Mal in Berlin in der Panorama-Bar gespielt habe. Da war ich extrem nervös. Mein ganzer Körper hat vor dem Auftritt gezittert. Aber das gehört dazu. Es ist eine gesunde Nervosität.

MusikBlog: Du hast eingangs deine ganzen Betätigungsfelder erwähnt. In welchem fühlst du dich eigentlich am wohlsten?

Tiga: Ich liebe sie alle. (lacht) Hauptsache, ich bin mit Musik zu Gange. Nur das zählt. Dann bin ich glücklich.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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