Wenn man Musik zum Träumen sucht, um damit das eigene Kopfkino zu unterlegen, würde man in der Regel nicht bei Digitalism mit der Suche beginnen. Das Duo aus Hamburg, das mit seinem Debütalbum „Idealism“ und Hits wie „Zdarlight“ oder „Pogo“ Rock mit Rave vermählte, ist schließlich eher für schweißtreibende Tanzflächenfüller bekannt. Und obwohl sich solche auch auf dem dritten Album von Digitalism finden, überraschen sie auf „Mirage“ mit zum Teil sehr melodischen, beinahe schwelgerischen Stücken wie dem zweiteiligen Titeltrack, der den Hörer für zwölf Minuten mit auf Reise nimmt. Wir sprachen mit Digitalism Mastermind Ismail “Isi” Tüfekçi über diese melodische Seite von „Mirage“, die visuelle Arbeitsweise der Band und die Entwicklung der Indie- und Elektro-Szene.

MusikBlog: Nach eurem letzten Album „I Love You Dude“ ist Jens Moelle nach London gezogen, während du immer noch in Hamburg lebst. Hat sich dadurch euer Aufnahmeprozess geändert?

Ismail Tüfekçi: Jens hat in London für sich gearbeitet und ich in Hamburg. Anschließend haben wir die besten Ideen genommen und die dann zusammengeschnürt. Ich bin dann für ein Woche rüber geflogen, die Woche darauf wieder. Und so haben wir dann sehr effektiv und intensiv in wenigen Tagen Ideen ausgearbeitet, die uns beiden gefallen haben. Wir haben uns zunächst gegenseitig besucht, hin und her im Ping-Pong-Prinzip, dann aber natürlich komplett die Zeit zusammen verbracht, in der wir das Album endgültig produziert haben. Dieser Austausch von Ideen über eine größere Entfernung hinweg war für uns neu. Normalerweise sitzen wir immer zusammen im Studio und arbeiten an neuen Tracks.

MusikBlog: Und wisst ihr dabei schon früh, ob dieser neue Track Gesang haben wird oder instrumental bleibt?

Ismail Tüfekçi: Nein, das ergibt sich oft erst im Lauf der Zeit. Bestes Beispiel ist „Blink“. Als wir an „Blink“ gearbeitet haben, merkten wir irgendwann: Hey, da fehlen aber Vocals! Das ist eher so eine Bauchentscheidung, das kann man vorab nicht entscheiden oder planen. Nach dem Motto: Wir schreiben jetzt einen Vocals-Track! So funktioniert das nicht.

MusikBlog: Ihr seid beide große Fans von Filmkomponisten wie Ennio Morricone oder John Williams. Bei Stücken wie dem ersten Teil des Titelsongs oder „Utopia“ hatte ich diese Score-Assoziation. Ist das der Soundtrack für das innere Kopfkino?

Ismail Tüfekçi: Das trifft es gut. Tatsächlich passt das zu unserer Arbeitsweise. Wenn wir an Tracks arbeiten, sehen wir Bilder vor uns. Frag bitte nicht, was für Bilder. Die entstehen einfach und dann sprechen wir darüber. So sehen wir zum Beispiel einen Song-Aufbau. Bei „Mirage“ war das Material so gut, dass wir zwei Parts gemacht haben. Da steckt auch eine Dramaturgie drin, eine Entwicklung. Aber diese Soundtrack-Assoziation passt wunderbar, weil wir wirklich immer mit Bildern arbeiten, wenn wir Songs schreiben.

MusikBlog: Diese Bilder entstehen also in euren Köpfen. Gleichzeitig seid ihr ja auch ständig von visuellen Reizen wie Landschaften oder Architektur umgeben, wenn ihr durch die Welt tourt. Beeinflussen diese ebenfalls die Musik?

Ismail Tüfekçi: Auf jeden Fall! Das Album heißt ja „Mirage“ und das bedeutet nicht nur Fata Morgana, sondern meint ja auch die Lichtspiegelungen, die du manchmal wahrnimmst. Das ist unser großes Glück, dass wir so viel von der Welt sehen – Pyramiden und all diesen faszinierenden Kram. Diese Eindrücke saugen wir auf und das beeinflusst natürlich die Musik. Die vielen Reisen, ununterbrochen unterwegs zu sein, ohne die Möglichkeit, das alles sofort zu verarbeiten. Wenn du dann im Studio oder so zur Ruhe kommst, merkst du, was du alles erlebt hast und lässt all das noch mal Revue passieren.

MusikBlog: Und ist es dann umgekehrt wichtig, dass ihr in eurem Bunker in Hamburg während der Arbeit von diesen Einflüssen isoliert seid?

Ismail Tüfekçi: Unser Bunker ist noch aus dem zweiten Weltkrieg, da gibt es in Hamburg ja noch ziemlich viele. Die haben selbstverständlich keine Fenster, du weißt also nicht, was draußen vor sich geht, wenn du erst mal drin bist. Außerdem ist es dunkel in unserem Studio, wir sagen immer Nachtarbeit dazu. Du hast darin nie Tageslicht, weißt nicht, ob es gerade stürmt, regnet oder die Sonne scheint.

MusikBlog: Ihr seid ja dafür bekannt, euch im Grenzgebiet zwischen Indie und elektronischer Tanzmusik zu bewegen – dieses Mal kommt mit „Ism“ noch Hip-Hop dazu. Ist das wirklich euer Busfahrer, der da rappt?

Ismail Tüfekçi: Das glaubt uns natürlich niemand. Die Geschichte lief so: Tony – genauer gesagt Tennessee-Tony, weil er aus Tennessee kommt – war unser Busfahrer. Und im Bus meinte er immer: Ich liebe es, zu rappen. Und wie das auf Tour so ist, macht man eben auch immer seine Späßchen. Am letzten Tag hatten wir noch eine Radio-Show in LA und ich sagte zu Tony: Du hast jetzt zwei Minuten, um einen Rap zu machen, weil dann musst du los fahren und wir haben die Radio-Show. Und dann hat er wirklich diesen Rap rausgehauen. Ich habe das als Sprach-Memo mit dem Handy aufgenommen. Auf dem Album hört man auch tatsächlich diese Handy-Aufnahme. Wir hatten die schon wieder komplett vergessen, bis ich irgendwann noch mal die Aufnahmen auf meinem Handy durchgesehen habe. Wir fanden das so großartig, dass wir es zunächst als Interlude nutzen wollten, weil er da ja auch über uns und unsere Crew rappt und das alles auf Tour passiert ist.

MusikBlog: Also hattet ihr erst den Acappella-Freestyle und habt dann nachträglich den Beat dazu komponiert.

Ismail Tüfekçi: Genau. Es ist bei uns üblich, dass wir immer wieder unterwegs oder am Strand Sachen aufnehmen. Wenn wir dann wieder im Studio sind, gehen wir dann unsere Sprach-Memos durch und schauen, ob wir da etwas verwenden können. In diesem Fall, fanden wir den Text des Raps so cool, dass uns sofort etwas eingefallen ist. „Ism“ hat auch höchstens einen Tag gedauert, so leicht fiel uns der Track.

MusikBlog: Wenn euch das so leicht fiel: Könntet ihr euch vorstellen, in Zukunft öfter mit MCs zusammen zu arbeiten?

Ismail Tüfekçi: Nein, das glaube ich nicht. Das Album ist ja so entstanden, dass wir dieses Mal fast alles alleine gemacht haben und Jens – abgesehen von Anthony Rossomando bei „Battlecry“ – auch wieder alles selbst eingesungen hat. Bei vielen Sachen denken die Leute jetzt, dass es ein Sample wäre, dabei haben wir das selbst eingespielt. Ich habe das Gefühl, dass diese Feature-Arbeit mit anderen Künstlern uns nicht ganz so gut liegt, weil es später auf der Bühne auch seltsam ist, wenn man live performen will, aber die Vocals dann nicht von uns kommen, sondern vom Band.

MusikBlog: Aber habt ihr bei „Destination Breakdown“ nicht noch ein weiteres Feature mit Youngblood Hawke?

Ismail Tüfekçi: Nein, das denke viele, aber das stimmt nicht. Youngblood Hawke haben diesen „Breakdown, Breakdown“-Chor geschrieben, aber das Stück stammt komplett von Jens und mir. Wir haben eben lediglich diesen Chor verwendet, aber sonst alles selbst geschrieben. Man könnte es höchstens ein Minimal-Feature nennen. Wir haben dieses Mal nämlich wirklich Wert darauf gelegt, dass alles von uns kommt, weil wir da richtig Lust drauf hatten.

MusikBlog: Mit Youngblood Hawke habt ihr ja auch „Wolves“ geschrieben, der wohl euer melodischster und poppigster Song war. Das neue Album geht auch wieder in diese eher melodische Richtung mit Songs wie „Indigo Skies“, „Blink“ oder eben „Destination Breakdown“. Wolltet ihr mit „Mirage“ bewusst diese Seite eurer Sounds weiter erkunden?

Ismail Tüfekçi: Ich denke auch, dass unser drittes Album sehr melodisch ist. Ich glaube, dass wir damit zumindest unterbewusst ein kleines Statement setzen wollten: Hey, es geht auch alles melodischer! Wenn man dann zum Beispiel bei „Destination Breakdown“ oder auch bei „Blink“ genauer hinhört, erkennt man auch das Raue, Düstere im Sound.

MusikBlog: Gleichzeitig habt ihr ja vor dem Album mit „Roller“ eine sehr brachiale und wenig melodische Single veröffentlicht und Tracks wie „Dynamo“ oder „Power Station“ gehen wieder in diese Richtung. Machen diese Gegensätze für euch den Reiz von Digitalism aus?

Ismail Tüfekçi: Das bringt es ganz gut auf den Punkt. Für uns ist es nämlich sehr wichtig, dass man uns nicht in eine bestimmte Schublade stecken kann. Was Jens und ich zusammen machen, ist eben sehr vielseitig. Wir haben zum Beispiel mit „Jupiter Room“ mal einen Techno-Track gemacht, den Techno-DJs wie Sven Väth oder Laurent Garnier rauf und runter gespielt haben. Beim zweiten Album war es dann eher so ein Band-Sound. Dieses Mal war es uns wichtig zu zeigen, dass wir eben in verschieden Welten zuhause sind und deshalb einerseits Tracks wie „Power Station“, aber eben auch solche wie „Indigo Skies“ auf dem Album landen. So klingen wir eben. Wenn wir nur in einer Schublade denken und produzieren würden, wäre das für uns auf Dauer derbe langweilig.

MusikBlog: Die musikalische Bewegung um euch und Gruppen wie Justice oder Simian Mobile Disco zeichnete sich ja immer dadurch aus, dass sie Indiekids in Technoschuppen lockte und umgekehrt elektronische Tanzmusik in die Indiedisco brachte.

Ismail Tüfekçi: Genau, das war damals wirklich so. Wenn man das heute reflektiert, merkt man, dass das auch wieder verschwunden ist. Heute spielen wir auf einem EDM-Festival oder einer Techno-Party, aber so große Indie-Bewegungen gibt es zurzeit nicht. Es fühlt sich ein wenig an, als sei die Musik stehen geblieben oder habe sich sogar zurück entwickelt, weil man wieder nur das eine oder das andere sein kann. Der Graben zwischen Indie und Electro scheint wieder größer geworden zu sein. Dabei finde ich es großartig, dass man einen Digitalism-Song auf einer Indie-Party, aber eben auch einer Techno-Party hören kann.

MusikBlog: Trotz dieser Gegensätze in eurem Sound gab es in eurer Diskographie nie richtige Brüche. Ihr bemüht euch ja dennoch um einen Trademark-Sound.

Ismail Tüfekçi: Klar, das ist uns wichtig. Ich glaube wirklich, dass man einen Digitalism-Track sofort als Digitalism-Track erkennt, obwohl wir vielseitig unterwegs sind. Trotzdem ist es eben wichtig, dass man dabei nicht stehen bleibt, sondern sich weiterentwickelt. Dass man den Sound auffrischt, neue Ideen einbringt.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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