Für diese Website registrieren

17 − 7 =

Mit der Registrierung stimmst du den MusikBlog Nutzungsbedingungen zu.

Bitte gib deine E-Mail-Adresse hier ein. Du bekommst eine E-Mail zugesandt, mit deren Hilfe du ein neues Passwort erstellen kannst.

Entdecke neue Musik

Empfiehl deinen Freunden neue Alben oder Konzerte deiner Lieblingskünstler, erstelle deine persönlichen Album-Charts oder gewinne Konzertkarten und mehr bei unseren Gewinnspielen.

Vorwärts ist zu einfach – Unknown Mortal Orchestra im Interview

Registriere dich, um es deinen Charts hinzuzufügen oder deinen Freunden zu empfehlen.

Drei Jahre nach „Multi-Love“ veröffentlichen Unknown Mortal Orchestra nun mit „Sex & Food“ ihr mittlerweile viertes Studioalbum. Für die Entstehung der Platte traf sich Sänger Ruban Nielson mit seinen Bandmitgliedern an verschiedenen Orten auf der Welt, darunter Korea, Vietnam, Island, Mexiko und Neuseeland. Welche Erfahrungen der Frontmann auf seinen Reisen machte, inwiefern die Erlebnisse sich in den Songs widerspiegeln und warum er sich ausgerechnet diese Ziele ausgesucht hat, erzählte uns Ruban im MusikBlog Interview.

Ruban Nielson: Hey, wie geht’s dir? Ziemlich kalt heute, oder?

MusikBlog: Ja etwas. Ich habe gehört, dass du heute aber auch schon spazieren warst – trotz der Temperaturen!

Ruban Nielson: Ja! (lacht) Es ist ziemlich kalt, aber auch gut. Ansonsten würde ich ja nur im Hotel feststecken. Ein bisschen Training schadet nicht.

MusikBlog: Bist du denn eher der Kaltwetter- oder Warmwetter-Typ?

Ruban Nielson: Ich bin vermutlich eher der Warmwetter-Typ, wobei Portland jetzt auch nicht ganz so warm ist. Im Sommer kann es ziemlich heiß werden, aber sonst relativ kühl. Allerdings wird es auch nie so kalt wie hier in Deutschland. Mein Spaziergang war schon sehr kalt! Ich muss aber zugeben, dass ich auch etwas masochistisch veranlagt bin. Ich mag unangenehme oder schwierige Situationen! (lacht)

MusikBlog: „Sex & Food“ hört sich aber nicht so nach unangenehmer Situation an.

Ruban Nielson: Das stimmt, das war Absicht! Ich wollte, dass der erste Eindruck des Albums ein sehr einfacher ist und die Leute den Titel direkt mit guten Dingen assoziieren. Eigentlich heißt es vollständig „Sex, Food and Music”, aber die Musik spiegelt sich ja in den Songs wider, also nur „Sex & Food“. Kein einziger Song handelt von Sex oder Essen, aber für mich sind das einfach drei gute Dinge, die zusammengehören und direkt ein gutes Gefühl vermitteln.

MusikBlog: Stand deshalb der Titel direkt am Anfang schon fest?

Ruban Nielson: Ja. Ich habe beim letzten Album auch mit dem Titel angefangen und da hat es genauso gut geklappt. Ich setze mir gern Erwartungen, die ich dann erfülle, das ist manchmal einfacher. Es ist wirklich lustig, ich habe auf die Deadline des Albums hingearbeitet, wie zu meinen Zeiten am College. Ich wurde zwar nicht früher fertig, aber habe auch keinen Tag länger gebraucht.

MusikBlog: Ist der Druck aber nicht größer, wenn man Erwartungen hat?

Ruban Nielson: Ja schon, aber ich brauche diesen Druck. Immerhin bin ich mein eigener Boss und könnte alles Mögliche machen. Wenn ich keine Erwartungen habe, dann hat das keiner. Ich habe ja niemanden über mir der mir sagt, was ich zu tun habe. Aus diesem Grund tue ich immer so, als wäre ich zwei verschiedene Personen – eine, die die Regeln macht und eine andere, die sie befolgt.

MusikBlog: Und wie ist die regelmachende Person diesmal drauf gekommen, rückwärts zu arbeiten?

Ruban Nielson: Weil vorwärts zu einfach ist! (lacht) Naja, immerhin ist das hier jetzt schon die vierte UMO Platte und ich war schon in zwei Bands. Die Idee, einmal rückwärts anzufangen hat mich schon immer irgendwie gereizt, deshalb habe ich diesmal mit dem Titel und dem Cover angefangen. Ich habe dann das Cover angeschaut und versucht mir bei dem Anblick vorzustellen, wie das Album klingen könnte. Fast so, als wäre ich nicht in der Band, sondern ein Fan der Band. Ich habe versucht mich in die Leute hineinzuversetzen und mir vorzustellen, was sie erwarten werden, wenn sie das Cover sehen. Macht das irgendwie Sinn?

MusikBlog: Klar. Und wie bist du darauf gekommen, so viel zu reisen und das Album an verschiedenen Orten aufzunehmen?

Ruban Nielson: Ich bin in den letzten sieben Jahren sehr viel gereist, es fühlt sich nicht so an, als hätte ich einen speziellen Heimatstandort oder so. Reisen ist für mich etwas ganz Natürliches geworden. Dazu kommt, dass ich bereits zwei Alben in meinem Keller aufgenommen habe. Jetzt wieder ein halbes oder sogar ganzes Jahr dort zu verbringen, ist ziemlich einsam. Deshalb habe ich einfach Pläne gemacht, um meine Bandmitglieder an verschiedenen Orten zu treffen.

MusikBlog: Gibt es einen Track, der von den Reisen am meisten beeinflusst wurde?

Ruban Nielson: Ja, „Chronos Feasts on His Children“! Dieser Song handelt wirklich nur von einer bestimmten Woche, die ich in Vietnam verbracht habe. Wir haben in einem Studio traditionelle Musiker aus Vietnam getroffen und haben uns mit einem davon besonders angefreundet. Sein Name ist Minh Nguyen. Wir haben zusammen mit ihm an neuem Material gearbeitet, genug für ein Album. Vielleicht veröffentlichen wir es auch noch dieses Jahr.

Auf jeden Fall hat Minh uns zu einem seiner Konzerte eingeladen, bei dem er zusammen mit anderen Songwritern performte. Eine Sängerin erklärte uns zwischen den Auftritten, dass die Lieder eine Art Protestsongs gegen die vietnamesische Regierung sind. Während dem Konzert tauchte die Polizei auf und hielt uns alle fest. Am Ende ließen sie uns zwar gehen, die Musiker mussten allerdings dort bleiben. Ich fand schließlich heraus, dass ein Freund von ihnen es geschafft hat, sie freizukaufen. Aber auch nur, weil er das Geld hatte. Also habe ich in „Chronos Feasts on His Children“ über diesen Protestsong geschrieben. Es ist ziemlich schwer zu beschreiben, weißt du, was ich meine?

MusikBlog: Ich bin Vietnamesin, also weiß ich ziemlich gut, was du meinst. Von solchen Situationen habe ich auch schon öfters gehört.

Ruban Nielson: Was, ehrlich? Wie verrückt ist das denn, wirklich interessant.

MusikBlog: Wie bist du denn darauf gekommen, nach Vietnam zu gehen?

Ruban Nielson: Ich habe in letzter Zeit oft über Jimmi Hendrix nachgedacht, über die Musik mit der ich aufgewachsen bin und die mich beeinflusst hat. Auf Vietnam bin ich gekommen nachdem ich im Fernsehen etwas zum Vietnamkrieg gesehen habe. Je mehr ich darüber nachdachte, desto begeisterter war ich von diesem Land, weil mir bewusst wurde, dass es, glaube ich, das einzige Land ist, dass die Vereinigten Staaten militärisch besiegt hat.

Mit der aktuellen politischen Situation in Amerika, hatte ich das Bedürfnis dem Ganzen hier für eine Weile zu entfliehen und habe mich für Vietnam entschieden, weil es ein Ort ist, das die amerikanische Kultur vermutlich eher fernhält. Dazu kam, dass ich schon immer mal in einem kommunistischen Land arbeiten wollte, einfach um ein Gefühl dafür zu bekommen, was das heißt. Weißt du, ich bin ziemlich interessiert in Marxismus und so, war aber noch nie irgendwo, wo es kommunistisch ist.

MusikBlog: Und was ist nun dein Fazit?

Ruban Nielson: Es ist ein wirklich inspirierender Ort, weil man einfach gemischte Gefühle hat. Es war so interessant die Einschränkungen, die die Leute dort bezüglich Kreativität haben, zu sehen. Das ist eines der Dinge, die ich wirklich schwer verständlich fan. Ein anderer Punkt ist, dass ich nicht wirklich viel Werbung gesehen habe, keine großen Plakate oder so. Ich finde, das hatte ein bisschen Einfluss darauf, wie ich mich gefühlt habe, während der Zeit. Und nicht zu vergessen: Die Leute! Ich möchte nicht naiv klingen über eine Kultur, die ich nicht wirklich kenne, aber ich finde, dass die Leute in Vietnam etwas haben, das Amerikanern fehlt. Weißt du, was ich meine? Macht das Sinn?

MusikBlog: Ich habe bereits in beiden Ländern eine Zeit lang gelebt und glaube zu wissen, was du meinst. Es ist sehr schwer zu beschreiben.

Ruban Nielson: Ist es tatsächlich! Ich glaube, der einzige Weg es zu beschreiben, ist, dass ich Musik darüber mache!

MusikBlog: Der Song „American Guilt“ wurde in Hanoi aufgenommen. Sprichst du über eine bestimmte Schuld?

Ruban Nielson: Ich glaube, ich habe mit „American Guilt“ versucht, ein Gefühl zu beschreiben, das ich immer mehr und mehr habe. Weißt du, ich lebe mittlerweile seit knapp 10 Jahren hier – meine Mutter ist aus Hawaii – und dieses Gefühl von dem ich spreche, hat sich mit den Jahren entwickelt, je mehr ich angefangen habe, die Kultur zu verstehen. Es gibt zum Beispiel diese Schuld, die du hast, egal welche politische Einstellung du hast oder was deine Absichten sind. Ich spreche von den Steuern.

Fast die Hälfte von dem, was du an Steuern abgibst, wird dazu verwendet Kriegsmaschinen zu finanzieren. Grundsätzlich ist es eine ziemlich kranke Gesellschaft in vieler Hinsicht. Ich zeige nicht mit dem Finger auf jemanden, ich kritisiere eher mich selbst und verarbeite damit das Gefühl, was ich über die Jahre entwickelt habe. Natürlich kann ich nicht beeinflussen, wie andere Menschen den Song deuten, aber wenn jemand sich das Lied anhört und wütend wird, dann ist mir das egal.

MusikBlog: Interessant, dass es in einem Song mit solch einem Titel „Viva la Mexico“ beinhaltet.

Ruban Nielson: Stimmt! (lacht) Dabei habe ich es gar nicht deswegen gemacht. Es ist so: Ich habe die Instrumente in Hanoi aufgenommen und den Gesang in Mexiko City zusammen mit Jacob. Wir waren auf dem Weg ins Studio und hatten uns eben Tacos zum Frühstück geholt, da gab es ein großes Erdbeben. Nach dem Erdbeben lag die Stadt in Trümmern, alle Bankautomaten waren außer Betrieb und die Geschäfte waren geschlossen. Es gab also keinen Zugang zu Essen und die Stadt war in Chaos.

Jacob und ich gingen in einen nahe gelegenen Park, weil wir nicht wussten, wo wir sonst hin sollten. Wir konnten weder zurück in unser Airbnb noch ins Studio. Der Park erschien uns sicher, nachdem viele Gebäuden eingestürzt sind. Wir blieben da eine ganze Weile und halfen den Leuten. Mit der Zeit wurde es dunkel und die Menschen etwas panisch, da es auch schon lange her war, dass wir gegessen und getrunken hatten. Als dann ein LKW mit Verpflegung kam schrie einer der Männer „Viva la Mexico“ und alle jubelten und freuten sich. Es war ein fröhlicher Moment, deswegen habe ich es in den Song getan, um mich selbst an den Tag zu erinnern.

MusikBlog: Eine der langsameren Lieder ist „The Internet of Love“. Von was für einer Liebe sprechen wir hier?

Ruban Nielson: Gute Frage! (lacht) Ich habe eines Tages einfach aus dem Nichts den Vers „Awoke with long fingernails in the internet of love“ und fand es irgendwie lustig und seltsam zugleich. Deshalb habe ich den gesamten Song drum herum gebaut. Eigentlich geht es darum, dass Teile einer Beziehung niemals ersetzt werden können. Wenn man zum Beispiel über Beziehungen von früher nachdenkt, wird es immer etwas geben, was man nie wieder so erleben wird, weil man nie wieder mit der gleichen Person in einer Beziehung sein wird.

MusikBlog: Apropos Internet. Was hältst du denn von dem ganzen digitalen Overflow heutzutage?

Ruban Nielson: Das ist das aller seltsamste für mich! Die Art, wie wir unsere Handys anschauen…ich habe das Gefühl, dass wir irgendwie weg müssen von diesem Format. Ich weiß nicht, wie es bei euch in Deutschland ist, aber wenn du in den Staaten in ein Restaurant gehst, ist es häufig so, dass du eine Gruppe von sechs Leuten am Tisch siehst, die alle ihre Telefone anstarren. Vielleicht werden wir mal auf diese Zeit zurückschauen und darüber lachen. Das Internet wird kaum verschwinden, es wird sogar immer mehr werden. Aber es wäre gut, wenn wir einen Weg fänden, damit die Menschen nicht alles am Bildschirm machen müssten.

MusikBlog: Stichwort immer mehr: Es gibt neuerdings sogar ein neues Facebook!

Ruban Nielson: Oh, du meinst sicher Vero! Ich muss zugeben, ich mag das ziemlich gern! (lacht) Ich poste da Bücher, die ich gelesen habe. Es fühlt sich komisch an, das auf anderen Plattformen zu veröffentlichen, also mache ich es da.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

Registriere dich, um es deinen Charts hinzuzufügen oder deinen Freunden zu empfehlen.