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Man muss auch Haltung zeigen – Joris im Interview

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Joris hat 2015 mit seinem Debütalbum „Hoffnungslos Hoffnungsvoll“ offenbar vieles richtig gemacht. Nachdem er für sein Erstlingswerk mit drei Echos ausgezeichnet wurde, stand der in Vlotho bei Herford in NRW aufgewachsene Sänger erstmal fast jeden Tag auf der Bühne und spielte knapp 300 Konzerte insgesamt.

Nach so viel Rummel war es 2017 dann an der Zeit, auf die Pause-Taste zu drücken: Joris zog sich zurück, ging alleine auf Reisen und schrieb die ersten Songs für ein neues Album. Drei Jahre nach „Hoffnungslos Hoffnungsvoll“ erscheint mit „Schrei es raus“ nun dessen Nachfolger, auf dem Joris das Leben von allen Seiten besingt. Wir haben uns mit dem 28-jährigen Sänger zum Interview getroffen und unterhielten uns über das Feststecken im Alltagstrott, Musik als ständiger Wegbegleiter und das wichtigste Instrument der Kommunikation.

MusikBlog: Joris, „Hoffnungslos Hoffnungsvoll“ ist vor drei Jahren ziemlich gut angekommen. So gut, dass du erstmal eine Pause gebraucht hast?

Joris: Ich habe ja davor schon sehr lange Musik gemacht, um genau zu sein, ganze 19,5 Jahre! (lacht) Zwar hat es mir davor schon viel Spaß gemacht, mit dem Debütalbum ist nur auf einmal sehr viel für mich losgegangen. Über zweieinhalb Jahre stand ich fast jeden Abend auf einer Bühne und durfte tolle Konzerte spielen. Irgendwann kam für mich aber dann die Zeit, mich auch mal auf neue Musik und ein neues Album zu konzentrieren.

MusikBlog: Du bist aber zuerst mal auf Reisen gegangen.

Joris: Ja, ich war einen Monat lang alleine in Italien, habe da meine ganzen Skizzen rausgepackt und auch ein bisschen geschrieben. Danach war ich vier Monate mit vielen Freunden, Familie und Band in Spanien und habe an den ersten Stücken rumprobiert, bevor wir dann neun Monate lang im Studio waren. Es war mir wichtig, dass wir uns da so viel Zeit gelassen haben, damit ich mich komplett darin verlieren konnte. Ich habe in der Zeit auch keine Konzerte gespielt oder Interviews gegeben, damit ich einfach wirklich Zeit für neue Musik hatte.

MusikBlog: Hast du einen Erwartungsdruck gespürt?

Joris: Wenn man anfängt zu schreiben, dann gibt es viele Dinge, die man schaffen oder besser machen möchte. Erwartungen sind aber nie ein guter Wegbegleiter für Kreativität. Zum Glück habe ich für mich relativ schnell einen guten Weg gefunden, damit umzugehen. Am Ende war es mir wichtig, dass ich das gemacht habe, was ich mir gewünscht habe, egal wie es nachher ausgehen wird, egal welche Dinge passieren oder eben auch nicht passieren werden.

MusikBlog: Wie wichtig war das alleine reisen, nachdem du immer von vielen Menschen umgeben warst?

Joris: Das war erstmal eine ganz ungewohnte Situation! Wie du eben schon gesagt hast, es ist ja immer etwas los gewesen! Plötzlich hatte ich Zeit, jeden Tag so zu gestalten, wie ich gerade Lust hatte. Oft saß ich einfach nur mittags auf irgendwelchen Marktplätzen, habe gegessen und einen Espresso getrunken. Dabei habe ich geschaut, was so los ist, habe neue Leute getroffen und ein bisschen Italienisch gelernt.

Es war neu, in einem ganz anderen Rahmen auch mal Zeit für mich selbst zu haben; keiner kannte mich. Das hat mir einerseits zwar gutgetan, aber gleichzeitig hat es sich auch komisch angefühlt. Um acht Uhr abends wurde ich manchmal ganz unruhig und wollte wieder auf die Bühne – nur, dann ist nichts passiert! (lacht)

MusikBlog: Dafür passiert jetzt wieder alles auf einmal.

Joris: Aber das ist sehr erfüllend! Denn neun Monate im Studio sind natürlich auch neun Monate ohne großartiges Feedback. Da gibt es keinen Applaus, keine Leute, die mitsingen. Selbstverständlich hatte ich mit meinem Keyboarder Constantin, Willy – der das Ganze mitproduziert hat – und Ingo, ein super gutes Team. Aber ich muss auch ehrlich sein: Es wurde definitiv Zeit, dass wir rausgehen, damit die Leute unsere neue Musik hören können!

MusikBlog: Neue Musik, aber immer noch auf Deutsch.

Joris: Meine Geschichte ist ja so, dass ich quasi seitdem ich 10 bin, immer englische Musik gehört habe und deshalb bis zu meinem 23. Lebensjahr ausschließlich auf Englisch geschrieben habe. Zu Zeiten meines Studiums in Mannheim habe ich aber dann einen Song geschrieben mit dem Titel „Im Schneckenhaus“. Das war mein erster deutscher Text und da habe ich eben gemerkt, dass mir das total viel gibt.

Ich habe die Möglichkeit, dass Leute nicht nur zu meiner Musik tanzen und singen, sondern, dass sie es im wahrsten Sinne des Wortes verstehen. Das ist eine Ebene, die von unfassbarem Wert für mich ist. Ich kenne es, auf Englisch zu singen, aber ich bin froh darum, dass ich die Möglichkeit habe, es auf Deutsch zu tun, damit die Leute mich mit jedem Wort verstehen können.

MusikBlog: Bei deinem Debütalbum hast du im MusikBlog Interview noch gesagt, dass du „ein Paket liefern möchtest“ statt viele Vorabsingles. Diesmal ist zum Albumrelease schon die halbe Platte bekannt – warum das?

Joris: Das war kein Sinneswandel oder so; „Glück auf“ ist tatsächlich die erste richtige Single! (lacht) Aber dadurch, dass sich die Zeit ein bisschen verändert hat und man eben keine Maxi-CDs mehr braucht, um Musik einzeln zu veröffentlichen, war es für mich eine superschöne Sache, einige Nummern freizugänglich zum Streamen anzubieten, um das Album quasi so schon einmal ein bisschen in seinen Facetten vorzustellen. Auf diese Weise konnte ich den Liedern, die vor „Glück auf“ rausgekommen sind, ein bisschen Platz geben.

MusikBlog: Einer dieser ersten Lieder ist „Signal“, in dem es heißt „so viele Träume vergehen mit der Zeit“. Sind wir zu beschäftigt zum Träumen?

Joris: Ich glaube, dass viele von uns vielleicht in einen gewissen Alltagstrott reinkommen und dadurch vergessen, wofür sie mal gebrannt haben, was der eigentliche Traum war, den sie mal leben wollten. Man denkt zudem viel zu oft darüber nach, was irgendwann mal ist oder sein könnte. Deshalb gibt es aber auch den Vers „an irgendeinem Tag wird das enden“ – das heißt, an irgendeinem Tag wird man sterben, aber an allen anderen nicht. Jeder einzelne andere Tag ist es definitiv wert, für seine Träume zu kämpfen. Dieses Signal möchte ich mit dem Song in die Welt schicken.

MusikBlog: Eine schöne Botschaft.

Joris: „Glück auf“ steht einfach für sehr, sehr vieles, was ich vor allem in der heutigen Zeit ein bisschen vermisse. So viele Menschen fühlen sich manchmal alleine, wenn sie in schweren Zeiten sind. Dabei glaube ich, dass es für fast jeden Menschen nichts Schöneres gibt, als für andere Leute da zu sein und ein bisschen Licht zu spenden.

MusikBlog: An wen wendest denn du dich, wenn „gerade alles ohne Ausweg scheint“?

Joris: An die Leute, die ich in den letzten Jahren viel zu selten gesehen habe und denen ich viel zu selten die Stange gehalten habe! (lacht) Wenn ich mal einen Ruhepol brauche oder irgendwie Luft holen muss, dann sind Freunde und Familie die Leute, die immer für mich da sind. Sie kommen mich auch sehr oft auf Tour besuchen; in Spanien waren sie auch da.

Natürlich höre ich schon oft, dass ich zu wenig Zeit für sie habe, vor allem von meiner Familie. Ich sehe sie hauptsächlich zu Weihnachten, wenn ich zwei, drei Tage mal nach Hause fahre. Aber das Schöne ist, dass sie eben verstehen, dass ich sehr glücklich bin mit dem, was ich mache. Es erfüllt mich, dass ich so viel unterwegs sein darf und das macht sie wiederum auch glücklich, glaube ich.

MusikBlog: Denn „was kommt, das wird schon gut“?

Joris: Ja! (lacht) „Kommt schon gut“ war einer der ersten Songs, die ich aus meinem Festival-Gefühl für das Album geschrieben habe und erzählt von meinen Erfahrungen der letzten Jahre. Wenn man einen Weg vor sich hat, den man gehen möchte, dann hat man natürlich ganz viele Sorgen davor, was einem alles passieren könnte oder eben auch vor dem, was alles nicht eintreten könnte. Ich habe aber gelernt, dass man am Ende sowieso auf jeden Fall woanders ankommt, als man es sich erträumt hat.

MusikBlog: Wenn es also immer anders kommt, wolltest du dann nie Musiker werden?

Joris: Ich hatte für mich ursprünglich viele, viele Dinge im Kopf! Zum Beispiel habe ich schon immer ein Gerechtigkeitsbedürfnis gehabt und habe mich deshalb nach dem Abi in Hamburg für Rechtswissenschaften eingeschrieben; ich hätte mir aber auch vorstellen können, Medizin zu studieren. Für Musik habe ich mich in Berlin nur aus Spaß nebenher beworben.

Musik war etwas, das ich schon immer um mich herum hatte, seitdem ich fünf war. Während dann alle auf das Abi gelernt haben, habe ich viel Musik gemacht. Trotzdem war das nie so mein Urinstinkt. Als kleines Kind oder als Jugendlicher habe ich nie davon geträumt, irgendwann mal Musiker zu werden. Musik war einfach mein ewiger Wegbegleiter, den ich aber erst nach dem Abi als solchen gesehen habe.

MusikBlog: Was ist die schönste Entstehungsgeschichte, die du diesmal bei einem Song hattest?

Joris: Das Schöne an einem Album ist, dass es ein Kunstwerk ist, und man als Künstler den Freiraum hat, ein paar Nummern extrovertierter zu leben. „Rom“ ist zum Beispiel knapp sieben Minuten lang und war schon vor dem ersten Album fertig.  Leider hat es nicht so gut zu „Hoffnungslos Hoffnungsvoll“ gepasst, so dass ich es erst jetzt mitaufnehmen konnte. Manchmal ist es wichtig für mich, erstmal in eine Welt einzutauchen, bevor es richtig losgeht. Am Ende brauche ich eventuell dann auch noch einen musikalischen Abschluss.

Es gibt viele Song-Skizzen, die wie „Rom“ ganz lange rumgelegen sind, aber auch Songs, die sehr spontan geschrieben wurden, wie zum Beispiel „Du“: Ich habe auf einem Festival mit Clueso zusammen gespielt und danach zu meinem Kumpel gesagt, der dabei war und eigentlich gar nichts mit Musik zu tun hatte, dass ich eine Ode an das Leben schreiben möchte. Daraufhin haben wir uns hingesetzt und den Song innerhalb von nur drei Stunden geschrieben.

MusikBlog: Dieser Freund verdient eine Widmung!

Joris: Auf jeden Fall! Genauso wie viele andere Menschen, die mich auf diesem Weg begleitet haben! Constantin (Keyboarder) zum Beispiel, der mit mir zusammen das Album produziert hat. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und sogar eine WG in Berlin geteilt. An einem Tag bin ich auf ein Bierchen rausgegangen und er ist zu Hause geblieben, weil er diese Idee hatte. Als ich zurückkam, hatte er das Klavierstück von „Signal“ geschrieben.

Ich erinnere mich noch genau daran: Wir haben die nächsten vier Nächte so gut wie gar nicht geschlafen, weil wir einfach in diesem Fieber waren, den Song zu schreiben. Es gibt die schönsten Geschichten, wie Songs manchmal entstehen! Genauso wie es Geschichten über Songs gibt, die es nicht auf das Album schaffen, weil die Dinge nicht so schön zusammenkommen. Ich habe so viele Ideen, bei den ganzen Skizzen müsste ich vermutlich ein Vierfach-Album rausbringen! (lacht)

MusikBlog: Die Platte umfasst letztendlich 13 Songs und heißt „Schrei es raus“ – dein Mund ist auf dem Albumcover aber bedeckt!

Joris: Sehr gut beobachtet! Das ganze Album ist für mich in der visuellen Kampagne super schön geworden; diese Reduzierung auf ein in weiß eingefärbtes Objekt pro Song mit einem Teil in einer Farbe, die das Lied für mich ausmacht. Bei „Signal“ ist es zum Beispiel das kaputte Funkgerät mit dem eingefärbten Schmetterling, der für die Hoffnung steht, dass man eben nicht aufgeben soll, einander zu verstehen. Bei „Rom“ ist es die bunte Kompassnadel, die eigentlich den Weg aufzeigen soll, aber aus dem weißen Kompass „ausgebüxt“ ist.

Dieser Gedanke geht weiter bis hin zum Albumcover, wo ich selber weiß eingefärbt bin und zusätzlich den Mund versperrt bekommen habe, so dass ich nicht rausschreien kann. Farbig ist aber das, was für mich eigentlich am wichtigsten für die Kommunikation ist – die Augen. Die sind nämlich bunt, in allen Farben der 13 Songs getränkt. Man hat also, selbst wenn man etwas vor dem Mund hat, immer noch die Möglichkeit, über die Augen zu kommunizieren.

MusikBlog: Also eher nicht Schreien, sondern im Stillen vermitteln?

Joris: „Schrei es raus“ ist als Symbolik gedacht. Es gibt im Leben Situationen, da ist es wichtig, Dinge beim Namen zu nennen. Auf welche Art und Weise man das macht, das ist immer verschieden. Heutzutage gibt es zum Beispiel auch die politische Sicht, die durch die letzten Wochen super aktuell geworden ist. Es reicht nicht mehr aus, für sich selbst eine Meinung zu haben, man muss auch Haltung zeigen und für Toleranz und Werte einstehen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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