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Alice im Underland – Alice Phoebe Lou im Interview

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Alice Phoebe Lou ist das, was man im finanzkräftigen Popkosmos als one of a kind bezeichnet. Nicht nur, dass sie sich nach kometenhaftem Aufstieg von Zeit zu Zeit immer noch als bescheidene Straßenmusikerin versteht. Um sich selbst treu zu bleiben, so betont sie selbst immer wieder, verzichtet die Südafrikanerin – zahlreichen Anfragen zum Trotz – auch auf lukrative Major-Label-Verträge.

Obwohl sie sich während unseres Telefonats in hektischer Eile auf dem Weg zum Flughafen befand, hatte die charmante und in ihrer Zerstreutheit maximal sympathische Südafrikanerin ein paar clevere Antworten parat. Im Zuge ihres zweiten Studioalbums „Paper Castles“ sprach MusikBlog mit ihr unter anderem über den Niedergang des popjournalistischen Printmediums, den Berliner Underground, Joints und luzide Bewusstseinszustände.

MusikBlog: Hey Alice, mich würd’s interessieren wie du als ausgiebig diskutierte und durchweg positiv rezipierte Künstlerin das Sterben der Printmagazine im Pop-Journalismus siehst.

Alice Phoebe Lou: Hab’ ich gar nicht mitbekommen.

MusikBlog: Echt nicht? Der NME oder die in deiner Wahlheimat ansässige und für deutschen Pop-Journalismus essentielle Spex, just to name a few, mussten ihre Printausgaben einstellen. Hier hat man den digitalen Anzeigenmarkt hauptverantwortlich gemacht, der für Labels natürlich lukrativer als der analoge ist. Ich dachte, das kümmert dich vielleicht.

Alice Phoebe Lou: Jetzt, wo ich’s höre, tut es das auch. Ich denke, dass diese Entwicklung auf längere Sicht mit anderen physischen Datenträgern wie der Vinyl vergleichbar wird. Mir ist aufgefallen, dass durch den Siegeszug der Streamingportale der Platte als Prestigeobjekt eine komplett neue Bedeutung zuteil wurde. Diese Art Comeback traue ich Printmagazinen auch zu.

MusikBlog: Ich, ehrlich gesagt, nicht.

Alice Phoebe Lou: Selbst, wenn’s nicht so käme, wäre das auch okay. Die Digitalisierung, die mir in dem Kontext übrigens gar keine Sorgen bereitet, betrifft ja vor allem die großen Magazine. Menschen, die sich lieber mit analogen Formaten beschäftigen, ob nun in der Fotografie, im Journalismus oder sonst wo, werden das auch wieder selbst in die Hand nehmen. So wiederum können sich durch Zines und neue Ideen auch wieder neue Perspektiven auf und für den Pop-Journalismus entwickeln.

MusikBlog: Ich habe letztens einen Artikel gelesen, in dem es auch um Berlin ging. Der Autor meinte, dass viele Künstler*innen nur noch dort ansiedeln, um sich mit der städtischen Aura zu schmücken. Ist Berlin bloß noch Fetisch?

Alice Phoebe Lou: Berlin ist überragend! Ich bin dieser Stadt sehr dankbar, weil auch ich erst einmal ziemlich kämpfen musste, um als Künstlerin Fuß zu fassen. Hier wurde mir alles möglich gemacht. Ich komme aus Kapstadt, einem Ort mit einer der höchsten Kriminalitätsraten weltweit, in der auch die Musikszene nicht so gigantisch ausgebildet ist.

Am Ende des Tages weiß ich ganz genau, was für einen unglaublichen Einfluss Berlin auf mich hat. Die Berichterstattung, die meint, die Stadt tauge für viele Künstler*innen bloß als symbolischer Fetisch, ist oft auch ziemlich ketzerisch. Der Underground z.B. verändert sich permanent, bewegt sich in diverse Richtungen, bezieht immer diversere Menschen mit ein.

Das kann natürlich nicht über die offensichtlichen Negativentwicklungen hinwegtäuschen, die ich hier in den letzten fünf Jahren auch miterlebt habe. Stichwort Gentrifizierung. Aber da halte ich es genau wie mit deiner Frage zum Printjournalismus: Man darf sich nicht davon unterkriegen lassen, sondern sollte versuchen, am Puls der Zeit zu bleiben, selbst wenn man danach noch spezieller suchen muss. 

MusikBlog: In deinem neuen Song „Skin Crawl“ beschäftigst du dich mit sexueller Belästigung und verarbeitest im Speziellen einen Vorfall, der sich in New York zutrug und bei dem du unter K.O.- Tropfen gesetzt wurdest. Die Reaktionen waren enorm. Welchen Auftrag hat Popmusik bezüglich dieses Themas?

Alice Phoebe Lou: Mir ist es wichtig, sich solchen Themen musikalisch nähern zu können. Kunst kann, muss vielleicht sogar ein Ausdruck dessen sein, was ohnehin vielerorts gedacht wird. Ich hab schon von vielen Seiten gehört, dass Musiker*innen sich darum bemühen sollten, ihren Output nicht in solche Diskurse einfließen zu lassen. Das sehe ich komplett anders.

Niemand sollte sich dazu verpflichtet fühlen. Wer aber für seine persönlichen Überzeugen einstehen will, der / die sollte Musik dazu auf jeden Fall als Sprachrohr nutzen können. Letztlich hat doch jede*r ihre / seine politische oder soziale Agenda. Das Gefühl zu bekommen, man müsse Musik da raushalten, ist in meinen Augen absoluter bullshit.

MusikBlog: Deine Agenda wird im dazugehörigen Video ja auch ziemlich deutlich, wenn du das bekannte Objektifizierungsnarrativ Frauen gegenüber einfach umkehrst. Männer übernehmen im Clip ja buchstäblich die Rolle materieller Objekte, wenn sie als Tische, Fitnessgeräte und sogar Aschenbecher inszeniert werden.

Alice Phoebe Lou: Die Sache ist die: Leute sehen das Video und denken: „Oh, jetzt will sie Männer objektifizieren.“

MusikBlog: Ich wollte den Clip auch nicht überinterpretieren, hielt das jedoch für eine sparsame Erklärung. Letztlich werden die Schauspieler, übrigens alles Freunde von dir, ja als Objekte dargestellt.

Alice Phoebe Lou: Schon richtig, aber die Handlung ist eben auch fiktiv. Dahinter steckt vor allem der künstlerische Ausdruck einer losen Idee, eines Gedankenspiels sozusagen. Meine Absicht war es nicht, wie eine wütende Frau zu wirken, die nun den Spieß umdreht und Männer wie Objekte behandelt. Die eigentliche Absicht war es, eine Idee auf witzige Art umzusetzen, dabei Spaß mit meinen Freunden zu haben und vielleicht die ein oder anderen Betrachter*innen herauszufordern. 

MusikBlog: Und die Sache mit dem Joint?

Alice Phoebe Lou: (lacht) Was ist mit dem Joint?

MusikBlog: Den drückst du in einer Hand aus, die sonst voll mit Kippenstümmeln ist. Eine Art persönliche Legalisierungskampagne?

Alice Phoebe Lou: Ich hoffe, dass die Leute hier ihre ganz persönliche Interpretation finden. Deine ist auf jeden Fall denkbar!

MusikBlog: Ich hab mich bloß gewundert, warum es ausgerechnet ein Joint sein musste, obwohl sich ja sonst nur Zigaretten in dem Aschenbecher befinden. Für mich ist das schon ein Statement.

Alice Phoebe Lou: Ich rauche keine Zigaretten, Joints hingegen schon. Abgesehen davon wollte ich auf keinen Fall den Eindruck vermitteln, Zigaretten rauchen sei cool. Also dachte ich mir einfach: „Okay, dann rolle ich mir eben einen Joint.“

MusikBlog: Während der Produktion deines neuen Albums hast du gesagt, dass du sehr viel authentischer geworden bist. Was meinst du genau?

Alice Phoebe Lou: Ich habe in meiner jungen Karriere schon mit so vielen Menschen zusammen gearbeitet und mich dabei natürlich auch immer gerne Verbesserungsvorschlägen angenommen. Nun ist es einfach so, dass ich mir mehr und mehr als Meinungshoheit meiner Kunst vertraue.

Ich bin ja erst relativ spät zur Musik gekommen, da fehlte mir natürlich vieles an technischem Know-how und so weiter. Es fiel mir schon schwer, das ausreichende Selbstvertrauen zu entwickeln, um absolute Autorität in Bezug auf meine Musik zu beanspruchen.

Das ist nun komplett anders. Sicherlich auch deshalb, weil ich mit Leuten und einem Produzenten gearbeitet habe, der zu keinem Zeitpunkt versucht hat, dem Album seinen Stempel aufzudrücken.

MusikBlog: Alice, weißt du was Hypnagogie ist?

Alice Phoebe Lou: Keine Ahnung!

MusikBlog: Das ist der lose Bewusstseinsmoment, in dem der Verstand allmählich in den Schlaf abdriftet. Ich finde, dass deine hallenden Vocals, die smoothen Wurlitzer-Keys, diese kosmischen Theremins und das entschleunigte Tempo das auf „Paper Castles“ irgendwie hörbar machen.

Alice Phoebe Lou: Freut mich zu hören! Tatsächlich wollte ich mit diesem Album eine Stimmung kreieren, die es den Hörer*innen erlaubt, einfach mal abzuschalten. Als Musikerin möchte man die Leute ja immer berühren, sei es auf eine melancholische Weise oder sonst wie.

MusikBlog: Vor einiger Zeit hast du ja auch ein paar Gigs in Planetarien gespielt. „Paper Castles“ wäre ein passender Soundtrack, um sich einem derart symbiotischen Klang-Raum-Konzept anzunehmen. Ist es nicht denkbar, dass sich der Inhalt eines Musikstücks durch spezielle Umgebungen beeinflussen beziehungsweise ausdehnen lässt?

Alice Phoebe Lou: Hundertprozentig. Das ist etwas, was mich seit Jahren fasziniert. Ich spiele ja auch nach wie vor viele Street Gigs, weil sich innerhalb der Musik immer wieder neue Bedeutungsinhalte offenbaren, wenn man sie aus ihrem gewohnten Kontext raus zerrt.

Ich bin immer auf der Suche! Ich hab auch mal in einem Krematorium gespielt. Meine Songs haben dadurch völlig andere Energien, weil natürlich auch das Publikum in solchen Umgebungen völlig anders reagieren muss.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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