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Das finde ich in der Welt des Internets so deprimierend – Frank Turner im Interview

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Vom Punker zum Schmuse-Rocker ist ein Vorwurf, den Frank Turner sich im Laufe seiner Karriere oft anhören musste. Mit „No Man’s Land“ bringt der Brite sein mittlerweile achtes Studio-Album auf den Markt und liefert auch damit Stoff für Kontroversen. Denn er erzählt die Geschichte von 13 Frauen und macht sich damit unweigerlich irgendwie zum Feministen. In unserem MusikBlog-Interview mit Frank sprechen wir aber nicht nur über Feminismus, sondern auch über Kindheitserinnerungen und Vorurteile.

MusikBlog: Dein letztes Album „Be More Kind“ ist vor gut einem Jahr erschienen. Ist die Welt seitdem ein bisschen netter geworden?

Frank Turner: (Lacht). Wahrscheinlich nicht wirklich. Diese Platte war eine sehr spezielle Antwort zu dem, was da gerade politisch in der Welt passiert ist. Das Problem bei politischen Alben ist, dass sie sehr schnell nicht mehr aktuell sein können. Aber da war ein kleiner Teil in mir, der dachte: Was wäre, wenn ich diese Platte jetzt aufnehme und alle sich einfach beruhigen? Aber ich glaube nicht, dass das passiert ist. Und selbst wenn die Welt plötzlich ein netterer Ort gewesen wäre, dann wahrscheinlich nicht wegen dieser Platte.

MusikBlog: Immerhin ist „Be More Kind“ nach wie vor aktuell.

Frank Turner: Ja, was eine gute Sache für mich, aber eher eine weniger gute Sache für die Welt ist.

MusikBlog: Dein neues Projekt hat wenig mit der Gegenwart zu tun. Du erzählst auf „No Man’s Land“ die Geschichte von 13 Frauen. Wie kamst du zu dieser Idee?

Frank Turner: Tatsächlich ist ein Großteil der Songs vor „Be More Kind“ entstanden. Aber dann ist die Welt so verrückt geworden und ich hatte das Bedürfnis darauf zu reagieren und habe deswegen „Be More Kind“ geschrieben. Der Grund, warum ich das erwähne ist, dass die beiden Alben davor – „Tape Deck Heart“ und „Positive Songs For Negative People“ – sehr autobiographisch waren und ich gerne über etwas anderes in meinen Lyrics reden wollte.

Mich hat die Idee interessiert, ein Story-Telling-Album zu schreiben, weil ich leidenschaftlicher Geschichtsfreak bin und ich dachte, vielleicht kann man diese beiden Sachen kombinieren. Am Anfang gab es gar keine Gender-Agenda; ich habe einfach nur interessante Geschichten gesucht, die noch nicht erzählt waren. Nachdem ich die ersten fünf Songs geschrieben habe, ist mir aufgefallen, dass alle von einer Frau handeln und ich dachte mir: ‚Okay, folgen wir dieser Straße bis zum Ende‘.

MusikBlog: Wie hast du die Frauen gefunden, über die du schreibst?

Frank Turner: Meistens bei irgendeiner geschichtlichen Lektüre. Ich habe zum Beispiel ein Buch über den Amerikanischen Westen gelesen und Dora Hands gesamtes Leben wurde in zwei Absätzen abgefrühstückt und ich dachte mir: ‚Was zur Hölle? Das ist die verrückteste Geschichte, die ich jemals gehört habe!‘ Ich konnte gar nicht glauben, dass bislang noch niemand einen Song darüber geschrieben hatte.

Bei „Jinny Bingham’s Ghost“ war es ein bisschen anders. Ich wollte gerne einen Song über Camden Town schreiben, weil es mein Lieblingsort ist. Und es gibt schon viele Nummern, die von der Verrücktheit und Freiheit dieses Ortes erzählen, also suchte ich nach einem anderen Blickwinkel. Und dann fand ich Jinny Bingham und habe einen Song über sie geschrieben. Aber das ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Story für mich an erster Stelle steht.

MusikBlog: Eine Zeile in dem Song lautet „No judgement for the judged“. Schaffst du es, durch‘s Leben zu gehen ohne Menschen zu verurteilen?

Frank Turner: Ich denke, das Urteilen ein notwendiger Teil unseres ethischen Lebens ist. Menschen, die schlechte Sachen machen, sollten verurteilt werden – auch von uns. Aber wenn es – wie in diesem Song – um Vorurteile geht, sehe ich das anders und würde die Frage bejahen. Ich möchte Leute nicht abschreiben, bevor ich sie kenne oder aufgrund von Dingen, über die sie keine Kontrolle haben. Außerdem finde ich es sehr wichtig, daran zu glauben, dass Menschen sich ändern können. Das finde ich in der Welt des Internets so deprimierend – dass Leuten diese Möglichkeit aberkannt wird.

MusikBlog: Wie meinst du das?

Frank Turner: Wenn man online etwas Falsches sagt, dann blockieren die Leute dich gleich komplett. Jeden Aspekt. Für mich wäre es sinnvoller, mit dieser Person ins Gespräch zu kommen und ihnen zu zeigen, wie sie rücksichtsvoller sein könnten. Man sollte Menschen die Möglichkeit geben, zu wachsen und sich zum Besseren zu verändern.

MusikBlog: Du hattest auf „No Man‘s Land“ ausschließlich weibliche Musiker, richtig?

Frank Turner: Ja, zu 90 Prozent. Mein Freund Matt, der auch in meiner Band The Sleeping Souls spielt, hat mir mit den Streicher-Arrangements geholfen. Aber davon abgesehen waren es nur Frauen.

MusikBlog: Du erwähnst grade The Sleeping Souls, die nur aus Männern besteht. War es anders, ausschließlich mit Frauen zu arbeiten?

Frank Turner: In mancher Hinsicht. Aber The Sleeping Souls hat nicht immer nur aus Männern bestanden. Am Anfang war auch eine Frau in der Band, aber die hat sich für einen anderen Karriereweg entschieden. Es ist jetzt nicht so, dass ich mir ausgesucht habe, nur mit Männern zu spielen. Ich habe auch bei diesem Album die Musiker nicht nur nach Geschlecht ausgesucht. Die musikalischen Fähigkeiten kamen schon an erster Stelle.

MusikBlog: Also ist die hohe Frauenquote reiner Zufall?

Frank Turner: Nein, das auch nicht. Vor allem bei der Wahl des Produzenten habe ich darauf geachtet. Ich dachte, dass es ein bisschen seltsam ist, wenn ich mit einem anderen Typen einen Monat lang in einem dunklen, fensterlosen Raum sitze und Songs über Frauen aufnehme. Also musste ich innerhalb dieses Rahmens jemanden finden, der ein großartiger Produzent ist.

MusikBlog: „A Perfect Wife“ handelt von Nannie Doss, die neben ihrem Mann zehn weitere Menschen umgebracht hat. Der Song an sich klingt jedoch total lieblich und unschuldig.

Frank Turner: Das war einer der letzten Songs, die ich geschrieben habe. Ich habe realisiert, dass ich eine Kollektion von Titeln geschrieben habe, die alle Charaktere über die ich spreche völlig feiern. Das kam mir sehr eindimensional vor. So nach dem Motto: ‚Checkt mal diese ganzen Engel ab‘. Das ist eine Art, mit der Männer manchmal auf Frauen zugehen, die in ihrer eigenen Art auch sexistisch ist. Es ist cartoonhaft und nicht sehr tiefgründig.

Deswegen dachte ich, ich muss noch über jemanden schreiben, den ich nicht feiere. Dann versank ich in diesem Wikipedia-Loch über weibliche Serienmörder und stolperte über Nannie Doss. Mir gefiel die Idee, ein wunderschönes Stück Musik über eine Sache zu schreiben, die eigentlich total abgefuckt ist. Klar lässt das komische Gefühle aufkommen. Aber dazu ist Kunst meiner Meinung nach da. Kunst sollte auch herausfordernd sein und dich aus deiner Komfortzone werfen.

MusikBlog: Du wechselst auf „No Man‘s Land“ die Perspektiven – mal erzählst du in der ersten, mal in der dritten Person. Wieso?

Frank Turner: In erster Linie bin ich ein Songwriter und ich versuche jeden einzelnen Song so gut zu schreiben wie ich kann. Ich habe häufig nach dem besten Ansatz gesucht, um in die Materie einzutauchen. In „Eye Of The Day“ – der Song über Mata Hari – beispielsweise habe ich die Ich-Perspektive gewählt, weil für mich der dramatischste Moment ist, wenn sie sich weigert, bei ihrer Hinrichtung eine Augenbinde zu tragen. Mir erschien dieser Fakt aus einer Ich-Perspektive erzählt am Stärksten. Aber mir ist schon bewusst, dass gerade mein Nutzen dieser Ich-Perspektive in der Welt, in der wir gerade leben ein kontroverses Thema ist.

MusikBlog: Findest du das kontrovers?

Frank Turner: Ich weiß, dass es Menschen gibt, die es kontrovers finden. Ich nicht. Für mich ist das größte Argument, dass Fiktion ein Werkzeug der Kunst ist. Springsteen schreibt ständig Songs aus der Perspektive anderer Männer und keinen kümmert das. Für mich ging es beim Überschreiten dieser persönlichen und geschlechtlichen Linie darum, den Standpunkt einer anderen Person anzunehmen, damit ich sie besser verstehen kann.

MusikBlog: War es für dich seltsam, aus der Perspektive einer Frau zu schreiben?

Frank Turner: Es war auf jeden Fall eine Herausforderung. Ich habe sehr viel darüber nachgedacht, weil ich es intelligent und subtil machen wollte. Aber es hat sich für mich nicht illegitim angefühlt. Aber ich bin sowieso niemand, der glaubt, dass es in der Kunst Regeln gibt. Kunst sollte immer ohne Regeln sein.

MusikBlog: In deinem Presse-Statement heißt es, dass du dich auf verschiedene Reaktion zu dem Projekt vorbereitet hast. Wofür hast du dich gewappnet?

Frank Turner: Mir ist bewusst, dass wir in einer Welt leben, in der viele Menschen ihren Tag damit verbringen, im Internet nach etwas zu suchen, über das sie sich aufregen könnten; was ich sehr traurig finde. Als Jemand, der aus der Punkszene kommt und auf seine eigene Art erfolgreich ist – ich will jetzt nicht arrogant klingen, aber es ist wahr – wurde ich ein Ziel für diese Kids, die mich runterreißen wollten. Etwas, das Punks eben machen, was ich auch sehr deprimierend finde.

Aber zur gleichen Zeit hatte ich auch sehr interessante Gespräche über den Ansatz, dass ein Mann ein Album über Frauen schreibt und ob das jetzt ein feministisches Projekt ist, beziehungsweise wie die Rolle eines Mannes in einer feministischen Bewegung überhaupt aussehen kann. Ich habe mich viel mit Freunden und meiner Partnerin unterhalten, als ich die Platte gemacht habe, weil ich sichergehen wollte, dass ich kein Idiot bin und die Sache richtig angehe.

MusikBlog: Was war die Quintessenz dieser Gespräche?

Frank Turner: Alle waren sich einig, dass meine Motivation eine gute ist und diese Platte etwas ist, auf das ich stolz sein kann. Sie repräsentiert ein neues Thema in meinem Katalog. Das ist mein achtes Studioalbum und für mich war es sehr wichtig, mich nicht zu wiederholen. Ich bin sehr stolz, dass ich über „No Man’s Land“ sagen kann: ‚Hört euch das an. Das ist total anders als alles, was ich bisher gemacht habe.‘

MusikBlog: „Sister Rosetta“ handelt von der Musikerin Rosetta Tharpe, die Johnny Cash oder Elvis als einen ihrer Einflüsse auflisten. Trotzdem ist sie deutlich weniger bekannt. Warum?

Frank Turner: Man kann argumentierten, dass Rock’N’Roll in erster Linie ein Marketing-Begriff ist. Als 1956 weiße Männer angefangen haben, die Musik zu spielen, die schwarze Künstler schon seit einiger Zeit spielten, hatte die Plattenindustrie endlich etwas gefunden, dass sie guten Gewissens den weißen Amerikanern vermarkten konnten. Rosetta war eine sehr komplexe Person. Man konnte sie in keine Schublade stecken. Sie war eine afro-amerikanische Frau, die wilde, kirchliche Musik mit ein bisschen Gospel auf einer E-Gitarre spielte. Das passt selbst heute noch in keine Kategorie. Wer Elvis war, lässt sich hingegen in einem Satz erklären.

MusikBlog: Ein autobiographischer Song ist aber doch auf „No Man’s Land“ zu finden. „Rosemary Jane“ handelt von deiner Mutter. Wie hat sie reagiert, als sie davon erfuhr?

Frank Turner: Ich war sehr nervös, denn ich dachte, ich brauche ihren Segen um den Song zu veröffentlichen. Aber ich hatte mehr Glück als Verstand. Denn der Tag, an dem ich ihr den Song schickte um sie zu fragen, was sie davon hält, war Muttertag, was ich natürlich nicht wusste. Sie dachte, ich hätte ihr den Song als Muttertagsgeschenk geschrieben und ich bin einfach auf den Zug aufgesprungen und meinte: ‚Ja, genau!‘ Meine beiden Schwestern waren ziemlich angepisst (lacht).

MusikBlog: Was ist das Wichtigste, das deine Mutter dir beigebracht hat?

Frank Turner: Eine meiner frühesten Erinnerungen ist eine Autofahrt. Ich war ein Kind – vielleicht so sechs Jahre alt – und ich hatte einen sehr guten Mathe-Test geschrieben. Meine Mutter fuhr mich nach Hause und ich war ziemlich stolz und ein bisschen arrogant, dass ich eine gute Note hatte. Ich erinnere mich, wie ich sie plötzlich an den Seitenstreifen gefahren ist, angehalten hat und gesagt hat: ‚Halte dich nie für etwas Besseres!‘.

Das steht bei mir bis heute im Zentrum von allem, was ich über die Welt denke. Der Song geht in gewisser Weise darauf ein, aber es ist schwer für mich, ausführlich darüber zu reden, weil es andere Leute betrifft. Aber die Beziehung meiner Eltern war keine gute. Es gab viel emotionalen Missbrauch. Der Fakt, dass meine Mutter das alles überstanden hat und meine Schwestern und ich ein gutes Leben führen, beeindruckt mich sehr.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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