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Eine neue Weltordnung des Rock – Torres im Interview

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Wo wahrhaftigere Wirklichkeit erst im Clarendon-Filter entsteht und Mensch wie Maus zu giftiger Anpassungspflicht getrieben werden, ist Mackenzie Ruth Scott alias Torres vor allem eines: sie selbst. Und nur sie selbst. Von ihrem Ex-Label 4AD wegen ausbleibendem Erfolg (lies: kommerziellem Misserfolg) verabschiedet, haut die Singer-Songwriter-Partisanin mit „Silver Tongue“ umstandslosen Rock – nichts als das – raus, der sich einerseits nicht an Verkaufszahlen messen muss (lies: sollte) und andererseits eine Glaubwürdigkeit schafft, die dem Gesuch nach massenkompatiblen (lies: kapitalerträglichen) Label-Aushängeschildern eine längst überfällige Authentizität entgegensetzt, die da sagt: „Ich liebe, weil ich leide – und leide mit Sicherheit nicht, weil ihr (lies: ihr korrumpierten Wichser) daraus Kohle zu schlagen gedenkt.“

Obwohl sie dieses Geständnis – welches ich mir im Nachgang unseres Interviews vielleicht auch einbilden will – niemandem schuldig wäre, verursacht das Close-Listening ihres nunmehr vierten Albums eine frostige Ohnmacht, an mancher Stelle aber auch eine wohl beschattete Intimität, die das unkonkrete Körper-Lust-Begehren des Vorgängers „Three Futures“ in ein Narrativ häuslicher Sehnsüchte, dem Wunsch nach Sicherheit, letztlich dem völlig nachvollziehbaren Verlangen nach einzig sich selbst verpflichteter Integrität überführt.

Eine trotzige Folge auf den gescheiterten Versuch, ihr Talent musikindustriell kalkulier- und nutzbar zu machen? Ein Mittelfinger gegenüber dem jämmerlichen Vorsatz, das Kapitalrad der immer weniger Freiraum gewährenden Labelindustrie am Laufen zu halten? Na hoffentlich! Wir haben uns mit der Adoptivtocher und – man wird es verstehen, wenn man ihrer Musik Gehör schenkt – naturgemäßen Rebellennatur südstaatlicher Baptisten-Eltern über altbackene Körpervorstellungen, ihre ermächtigende Selbstinitiation, Liebe und den verschrumpelten Pimmel des Rock unterhalten.

MusikBlog: Mackenzie, dem Titel  zufolge ist auf „Silver Tongue“ besondere Sprachgewandtheit zu erwarten.

Mackenzie Scott: Stimmt. Die Fähigkeit, andere Menschen mit Eloquenz zu überzeugen, konnte ich im Erwachsenenalter weiter ausreifen.

MusikBlog: „Good Scare“ war die erste Auskopplung. Im Song geht‘s deiner Aussage nach darum, dass Liebe einer Alles-oder-nichts-Entscheidung gleicht, wie etwa beim Klettern an einer Felswand: Entweder man erwischt das nächste, vorspringende Geröllstück oder man fällt in den Abgrund. Macht diese Absolutheit Liebe begehrenswert oder eher furchteinflößend?

Mackenzie Scott: Seit jeher begehre ich die Liebe. Angst gehört für mich jedoch gleichermaßen dazu. Byron Katie (Autorin und Begründerin der The-Work-Methode) bringt es auf den Punkt: „Angst hat zwei Ursachen: Erstens der Gedanke, etwas verlieren zu können und zweitens die Befürchtung, nicht das zu bekommen, was man ersehnt.“

MusikBlog: „Silver Tongue“ ist das erste Album, das du selbst produziert hast. War diese Selbstermächtigung umso notwendiger, nachdem dich 4AD vor die Tür gesetzt hat?

Mackenzie Scott: Die Produktion für meine Musik wollte ich schon seit Längerem selbst in die Hand nehmen. Die Umstände, die du da ansprichst, haben natürlich ihr Übriges getan.

MusikBlog: Dass du und die rigorosen Mechanismen der Musikindustrie ein sehr zwiespältiges Verhältnis zueinander habt, ist ja kein Geheimnis. Ich frage mich dann: Was hält jemand wie du vom unaufhaltsamen Aufstieg des Streamings? Zerstört das beliebige Binge-Listening nicht die ganzheitliche Erfahrung eines Albums in voller Länge, letzten Endes also auch die Rezeption dessen, womit du dein täglich Brot machst?

Mackenzie Scott: Wenn ich ein Album mache, denke ich gar nicht so viel darüber nach. Und dennoch geht es auch für mich darum, neue Wege zu finden, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Streaming ist großartig, weil sich durch die uneingeschränkte Verfügbarkeit eben auch gigantische Entdeckungsmöglichkeiten auftun – meine Rechnungen bezahlen sie jedoch nicht.

Natürlich muss ich mich gewissermaßen darauf einstellen. An meiner Herangehensweise bei der Albumproduktion ändert sich deshalb aber nichts. Dafür fühle ich mich dem Album als ein für sich stehendes Kunstformat zu sehr verpflichtet.

MusikBlog: Klingt romantisch, ein bisschen verletzlich, für mich aber auch – no offence – ziemlich verklärt. Geht denn aus Verletzlichkeit eine ungeahnte Stärke hervor, wenn man sie zugibt? Ist es Verletzlichkeit, die ein Album erst zu etwas Besonderem macht?

Mackenzie Scott: Ich bin überzeugt, dass in unser aller Verletzlichkeit ungemeine Kräfte schlummern. Davor habe ich mich nie verschlossen.

MusikBlog: Auf deinem letzten Album „Three Futures“ hatte ich den Eindruck, es geht im Wesentlichen um schwer zu greifende Begierden, wohingegen „Silver Tongue“ sehr konkrete Gefühle intimer Zweisamkeit adressiert. Siehst du das auch so?

Mackenzie Scott: Ja.

MusikBlog: Du bist eine Künstlerin, die sozial-konstruierte Körperideale infrage stellt. Ist es da nicht frustrierend, dass meinungsformende Plattformen à la Instagram Arbeiten wie die deiner Cover-Gestalterin @jennagribbon zensieren? Gerade, wo sie sich gleichermaßen dafür einsetzt, traditionelle Wahrnehmungsroutinen zu zerstören?

Mackenzie Scott: Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr es mich abfuckt. Es ist so frustrierend. Ihre Arbeit zu zensieren ist schlichtweg frauenfeindlich, obendrein homophob. Die Richtlinien von Instagram sagen sogar, malerische Nacktheit sei erlaubt. Es ist diese inkonsequente Willkür, die mich am allermeisten aufregt.

MusikBlog: Nochmal zum Album: „Gracious Day“ wurde von dir bereits veröffentlicht, da hatte man dich bei 4AD gerade rausgeworfen. Warum war es für dich wichtig, diesen Song mit aufs neue Release zu packen?

Mackenzie Scott: Die ursprüngliche Version war ja nur ein Demo-Take. Ich bin sehr stolz auf den Song, also dachte ich, er verdiene ein professionelleres Recording – und einen LP-Slot.

MusikBlog: Die Kritik, weithin auch die feuil­le­to­nis­tische, lobt deine Musik seit jeher als eine Kunstform, die sich offenbar mit allen Sinnen erfahren lässt. Spannend. Selbst hast du mal behauptet, sie sei Dalís „Der große Masturbator“, wäre sie ein Gemälde. Wonach würde deine Musik wohl riechen, wäre sie ein Duft?

Mackenzie Scott: Die Frage gefällt mir richtig gut! Wahrscheinlich riecht meine Musik auf jedem Album anders. Was könnte wohl der Geruch von „Silver Tongue“ sein? Ich denke, es ist eine Mischung aus Kiefern, Gin und Borretsch.

MusikBlog: Auf „Dressing America“ sind die Referenzen zu deinen Singer/Songwriter-Ursprüngen unüberhörbar. Tatsächlich kommt der Song für mich aber auch einem gewitzten Update von Nico And The Velvet Underground gleich – auf sowas warten elitäre Nischen-Geeks gerne ihr ganzes Leben. Welche musikalischen Einflüsse sind auf „Silver Tongue“ zu hören? Gibt es denn überhaupt welche?

Mackenzie Scott: Ich wollte eine ätherische Country-Platte aufnehmen. So, als würde Enya über Pick-up-Trucks und Liebe zu Frauen singen. Schräg. Mir war aber auch wichtig, dass jeder einzelne Song einen ganz und gar signifikanten Groove hat, weshalb ich mich bei den MPC-Beats an klassischen Hip-Hop-Patterns bedient habe.

MusikBlog: Apropos Hip-Hop: Er löst Rock als meist rezipierte, meiner Meinung nach auch gesellschaft-transformierende Musikform ab. In den letzten Jahren hat das Renommee des Rock ohnehin krass gelitten, insbesondere weil Hörer*innen die Schnauze voll von testosterongeschwängerten Männerglorifizierungen haben, in denen mackermäßiger, vor allem aber längst auserzählter Bullshit das Kernthema geblieben ist. Ist es nicht ärgerlich, diese Musik aus einem antiquierten Geist heraus zu produzieren, dessen verklärte Helden (#dontwannanameasingleone) dem Genre ein Grab geschaufelt haben?

Mackenzie Scott: Weißt du, die Absage an veraltete Männerstereotype hat die Tür für queerere Narrative in der Rockmusik richtig weit geöffnet. Mir scheint es, als wäre man endlich bereit für eine neue Weltordnung des Rock – eine Weltordnung, an der ich mich als Frau mit richtigen Überzeugungen beteiligen kann. Soll ich dir was sagen? Das ist ziemlich geil!

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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