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Turbostaat (Credit Andreas Hornoff)

Turbostaat – Uthlande

20 Jahre sind an Turbostaat vorbeigezogen. Nach der langen Geburtstagstour ist jetzt das siebte Album da. Das Ungestüme der Jugend verwandelt in abgeklärten Druck. Die Flucht ins unbekannte „Abalonia“ ist nicht allen gelungen. Jetzt sind sie wieder (oder noch) zuhause.

Direkt vor der Haustüre der eigenen Vergangenheit. „Uthlande“. Nicht nur irgendein Titel für die Platte. Inseln und Marschen vor Nordfriesland, die Herkunft der Band. Dreh- und Angelpunkt. Nostalgie mit fatalistischem Einschlag.

„Rattenlinie Nord“. Der Titel klingt nach Turbostaat pur, genauso wie die Gitarre der ersten Takte. Ist aber ein historischer Begriff für die Fluchtroute der Nazis in den Norden. Genauer nach Mürwik, Flensburg.

Das Stück ist jedoch keine historische Abhandlung, sondern dystopischer Blick nach vorne. „Und so langsam sterben die Opas; Und die Wohnungen werden frei; …; Und neue Henker ziehen ein“.

So klar in der Aussage, wie kein anderes Stück auf der Scheibe. „Und ich seh euch wieder schleichend; Auf der Rattenlinie Nord“. Desillusionierter Aufruf, genau das zu verhindern.

Konkrete Aussagen werden nach dem ersten Track spärlicher. Bilder, Assoziationen, Emotionen dominieren. Flickenteppich in bester Turbostaat Manier.

Ein schönes Blau“, fast eine Hymne. Aufwachsen in der Provinz, weit weg von jeder Stadt. Freuden. Als Single Auskopplung mit Vide in nostalgischer VHS Optik: Zwänge, Ängste. Unscharfe Bilder. Stege, Deiche, Häfen, Häuser und das Watt. Ein Video ohne greifbaren Inhalt. Voller lokaler Eindrücke. Düster, alleine in beängstigender Weite.

Die pure Existenz der alten Bäuerin nervt die modernen Bürger. „Stine“. „Und wenn Du endlich tot bist; wirst Du als Original; In die Chronik dieser Stadt eingehen“. Verlogenheit der Erinnerung auf den Punkt gebracht.

Dem Indie angehauchten Punk á la „Stadt der Angst“ und „Abalonia“ bleiben sie treu. Dazwischen prügeln sie auch mal ordentlich los „Hemmingstedt“. Die Gitarre gewohnt typisch bohrend.

Der Bass grummelt sich treibend in fast jeden Track hinein. Über 20 Jahre hinweg immer ausgefeilter, bleiben sie trotzdem konstant. Die Energie treibt einen nicht mehr gehetzt weiter, heute saugt sie. Mit noch mehr tiefgehender Kraft.

So aufwühlend der Sound zum Pogo einlädt als gäbe es keinen Morgen mehr, so düster und fatalistisch die Eindrücke. „Nachtschreck“. „Sie öffnet Ihre Augen; Sie öffnet sich noch mehr.“

Und: „Die Blicke galten nur dem Herz. Wir schauen weg. Wir schauen weg. Die Kälte steht bereit….Wie Scheiße. Am Ende bringt sie alle um“. Wer Turbostaat kennt, weiß, es wird nie ein Happy End geben.

Bezüge zum Meer, der weiten Küste und der grauen Dunkelheit noch dichter als auf den vorherigen Platten und auf den vielen Bandphotos der letzten Jahre. „Das Meer kommt und geht“, „die Schafe stehen am Deich“, „es ist kein Leuchtturm“, …. Bilder blitzen auf. Keines davon mit Sonne.

„Wir mussten hier raus“ in „Brockengeist“. Ist ihnen das gelungen, was Ton Steine Scherben in den Zeiten ihrer Jugend gepredigt haben? Echte Einsamkeit? Teenage-Angst in der Provinz an der Küste wieder aufgelebt?

„Und die meiste Zeit gehst Du auch gern allein; Und die Engel singen oben und bejubeln Deinen Gang“. Der Refrain aus dem „Brockengeist“. Wieder aufgenommen von einem Kinderchor in „Stormi“.

Der letzte Track und musikalisch der intensivste. Vermeintliche Ballade zu Beginn. Jan Windmeier spricht mehr, als dass er singt. Immer ein Ticken zu schleppend entwickelt sich ein beklemmender Druck. Alle Emotionen der letzten dreiviertel Stunde in viereinhalb Minuten komprimiert.

Ein Konzeptalbum? Irgendwie ja. Irgendwie auch nicht. Zusammengeklebte Fragmente und intensive Bilder. Kein klar greifbarer Faden, intensive Musik und Text gewordene Emotion. Man will jeden Satz mitsingen oder schreien. Egal, ob man den Kontext versteht. Man fühlt ihn.

Kein Gesamtkunstwerk wie „Abalonia“ und vermutlich keine unsterblichen Hits wie „Tut es doch weh“, „Pennen bei Glufke“ oder „Das Island Manöver“. Aber definitiv sicher eine der Platten des Jahres 2020. Das steht schon im Januar fest.

Der richtige Monat, um in die Dunkelheit des Nordens zu fahren und der romantisch „gnadenlosen“ Ernüchterung von „Uthlande“ zu frönen. „Wer den Schnee umarmt; Wird die Kälte akzeptieren“.

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