Ein Sound, der eher nach den Nullerjahren als nach 2020 klingt, ein Frontsänger, der zu absoluten Indie-Rock-Bangern ziemlich finstere Texte von sich gibt, eine Band, die Hallen ausverkauft, ohne jemals ein Album veröffentlicht zu haben – das können nur die Sea Girls sein.

Letzteres ändert sich jetzt Gott sei Dank mit deren erstem Longplayer „Open Up Your Head“. Doch der Reihe nach:

Dass der Sound der Gruppe leicht aus der Zeit gefallen wirkt, klingt kritischer, als es gemeint ist. Man kann es auch mit großer Anerkennung feststellen. Nicht umsonst führen die vier Engländer The Killers, die Arctic Monkeys und The Strokes als ihre musikalischen Helden seit Kindertagen an. Der Einfluss der frühen Platten dieser Bands ist unüberhörbar.

Die Sea Girls würden deshalb problemlos auf jeder Nostalgie-Indie-Party-Playlist unterkommen und erst mal nicht auffallen, würde man nicht gelegentlich über Details stolpern.

Zeilen wie „I’m on your news feed twice a day“ aus der vorab veröffentlichten Single „All I Want To Hear You Say“ ließen sich nur schwer in die prähistorischen Zeiten einordnen, als nicht jede*r mehrere Social-Media-Accounts besaß.

Es gibt weitere Gründe, die für die Frische und Unverbrauchtheit der Band sprechen: Bei den Shows der vier Jungs geht das Publikum immer dermaßen ab, dass man das nicht einfach nur mit der Sehnsucht nach den goldenen Jahren des Indie-Rocks erklären kann.

Vor allem liegt es daran, dass die Jungs ein fast schon übernatürliches Gespür dafür haben, wie man absolute Ohrwürmer fabriziert. Deshalb können schweißgebadete Fans der Band bei deren ausverkauften Auftritten jedes Wort mitsingen.

Und das, obwohl die Themen, mit denen sich die Sea Girls auf ihren bisherigen Singles, EPs und auch auf „Open Up Your Head“ befassen, manchmal ganz schön weit von der Party-Stimmung entfernt sind, in die die Songs verpackt wurden.

Sie sind Meister darin, auch düstere Gedanken in ein anstachelndes, mitreißendes Erlebnis zu verwandeln. Jeder der Songs hat auch eine beklemmende, persönliche Facette – allerdings wird diese den Hörern mit so einer Wucht entgegengeschleudert, dass nicht eine Sekunde das Gefühl von Mitleid aufkommt.

Dass die Band auch andere Töne drauf hat, zeigt sie auf dem Stück „You Over Anyone“, einer verhältnismäßig zurückhaltenden Ballade, die eindrücklich anders klingt als der Rest des Albums. Das überrascht beim Hören, macht aber auch Bock auf mehr Tracks in diese Richtung.

So gelingt den Sea Girls mit „Open Up Your Head“ etwas, das zwar offensichtlich stark von den Helden der Band beeinflusst wurde, das der bekannten Materie aber einen eigenen Anstrich verpasst.

Je nachdem, wie man’s betrachten will – und beides hat seine Berechtigung – kann man im Album eine kurzweilige, gut gemachte Mitgröhl-Platte sehen. Oder man fokussiert sich auf die ambitionierteren Details, die die Sea Girls im Laufe ihrer vielversprechenden Karriere bestimmt noch ausbauen werden.

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