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All Diese Gewalt (Credit Bettina Theuerkauf)

All Diese Gewalt – ANDERE

Max Rieger ist so etwas wie ein Fixstern der alternativen Musik in (Süd-) Deutschland. Wohl am Bekanntesten ist er als Sänger und Gitarrist der Post-Punk-Band Die Nerven. Und mag es gar nicht, wenn sie als Post-Punk bezeichnet werden. Neben der eigenen Musik hat er wichtige Platten wie z.B. das Debütalbum von Friends Of Gas produziert. In der letzten Zeit vermehrt junge Nachwuchs-Künstler wie Mia Morgan oder Jungstötter.

Künstlerisch viel komplexer und tiefer als Die Nerven, sein Soloprojekt All Diese Gewalt. Mit der zweiten Scheibe „Welt In Klammern“ hat er vor vier Jahren ein Werk veröffentlicht, das an Dichte und Tiefe seinesgleichen sucht.

Die Nachfolge nennt er „ANDERE“, die Vorfreude ist groß. Und wird schon vor dem Hören auf die Probe gestellt. Das ästhetisch sehr ansprechende Cover irritiert und ist bei aller starken Symbolik sehr schwer zu interpretieren. Unter romantisch fliegenden roten Stoffbahnen hält er ein Sturmgewehr in die Kamera.

Die wirkliche Probe kommt dann beim ersten Hören. Anstatt der erwarteten Dichte unendlich vieler Spuren dominiert reduzierte Ruhe. „Ich weiß ich bin allein; und werd es immer sein; ist schon OK“. Verletzt und seicht, mit kurzem Aufbäumen.

„Erfolgreiche Life“ bringt etwas mehr Dichte aber nicht weniger Dramatik.

„Dein“ wieder deutlich reduzierter. Der Gesang dramatisch mit Hintergrundgesang. Schon fast schmalzig. Dichte wird ersetzt durch Ruhe und Piano. „Und jetzt liegen wir zu zweit; zu zweit und doch allein“. So weichgespült der Refrain daher kommt, so stark beginnt die Tristesse zu saugen.

„Etwas Passiert“ die konsequente Folge. Der musikalische Dramatiklevel bleibt hoch. Der emotionale Sog nimmt nicht ab. Würde der Refrain akustisch doch nicht ganz so abgeschmackt klingen. „Die Welt wie wir sie kennen; schmal orchestriert; und alle die ich kannte; sind längst nicht mehr hier“. Lyrics viel prägnanter als abgehoben abstrakt.

„Maria In Blau“ abgelöst durch desillusionierte Ernüchterung im echten Hier und Jetzt.

„Grenzen“ bringt die musikalische Intensität zurück. Die Stimme erobert die gewohnte Spannung zurück und zieht in einen unendlichen Tunnel. Die Brücke zum Vorgänger ist geschlagen, dieses Stück könnte auch von der alten Platte stammen.

Nach dem vierten Hören die Frage – ist das per se besser?

„Gift“ korrigiert diesen Gedanken. Weiterentwicklung ist Fortschritt. Verzögert treibender elektronischer Beat. Der Tonfall Ausdruck absoluter Resignation.

„Wohin soll ich damit; nein ich will das hier nicht“. Der Teppich wird immer fetter, der Beat immer treibender, der Sog immer unwiderstehlicher. Der Gesang steht auf, rebelliert gegen die Kapitulation.

„Ich will das hier nicht !!! Nein ich will das hier nicht !!!“. Gleicher Text, ganz andere Bedeutung. „Gift“, eines der besten Stücke seit Bestehen des Projekts verbindet All Diese Gewalt mit dem latenten Aufbegehren von Die Nerven.

„Sich Ergeben“ hält die vielschichtig düstere Tiefe und verstärkt sie mit minimalem Glockenspiel.

„Blind“ ein akustischer Ausreißer. Rio Reiser lässt Ton Steine Scherben wiederaufleben? „Wieso klingt alles aus meinem Mund; so unvorstellbar dumm“. Die abgeklärte Ernüchterung bleibt die Konstante.

Der Titeltrack „Andere“ beschließt das Album mit isländisch-sphärischem Auftakt. Melancholisch schreibt er alle starken Eigenschaften „Anderen“ zu. Im Gegensatz zum Video geht musikalisch jedoch sukzessive die Sonne auf. Um in einer monumental klingenden Klimax aufzugehen.

Kein lineares Nachfolgewerk für „Welt In Klammern“, man muss um eine Biegung mitgehen. Verletzlichkeit und Ernüchterung. Zum Glück mit einer ordentlichen Portion Aufbegehren.

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