Dagobert – Jäger

Einsamkeit, Kontaktsperre, Selbstisolation. Unsere aktuellen Begleiter sollten für Lukas Jäger alias Dagobert kein Problem sein, hauste er doch der Legende nach für Monate eingeschneit in der Abgeschiedenheit der Alpen.

Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit seiner Wahlheimat Berlin war auf Dauer vermutlich selbst dem erfahrenen Eremit zu viel, es zog es ihn zurück in die Weite der heimatlichen Bergwelt, um dort als „Jäger“ die Melodien für sein viertes Album zu entwerfen.

Erzählte Dagobert im Single-Appetizer aus dem Familiären, begegnet man in seinen neuen Titeln, neben dem bekannten Substrat aus dramatischer Liebe, sowohl dem dystopischen Schweifen hin zum Kommenden, wie dem eigenen Ableben im Jahr „2070“, als auch dem Streben hin zu Unerforschten und sei dies so fern wie „Aldebaran“, dem roten Auge im Sternbild „Stier“.

Auf dem „Welt-Ohne-Zeit“-Nachfolger überrascht der Unvergleichliche neben inhaltlich erweitertem Portfolio auch mit neuer musikalischer Vielfalt, liegt der Fokus nicht länger mehrheitlich auf der schwermütigen Melancholie der schlager-affinen Ballade.

Zwar gibt es auch dato mit „Ich Will Nochmal“ das klavier-getragenene Drama, wird diese Auflage seiner Lieder jedoch gleichwertig auf einem flott arrangierten Noten-Bukett serviert, dessen Arrangements mit Leichtfüßigkeit den kommenden Frühling ahnen lassen. Deren Sound – dem Produzent Konrad Betcher wieder den letzten Schliff verpasste – touchieren jedoch selbst die Pet Shop Boys.

Als hätte Walzerkönig Johann Strauß persönlich beim Komponieren Pate gestanden, dreht „For The Love Of Marie“ voll schwelgender Streicher seine Runden, „Nie Wieder Arbeiten“ und „Der Heilige Gral“ setzen auf kühle 80er Synthie-Ästhetik. Es schleicht „Im Wald“ gefährlich um den Opferstock, grüßt der Erlösungschor „Das Mädchen Aus Der Schönen Welt“.

Die Worte der Weisheit sprechen aus den Texten des Schweizers: Philosophische Exkurse, deren Abgründe sich so spät hinter gefälligen Klängen demaskieren, wie dies einst beim verehrten Stephen Jones auf den Babybird-Platten „Ugly Beautiful“ oder „There`s Something Going On“ üblich war. Was den Barden allerdings wirklich umtreibt, ist im Selbstporträt „Für Dagobert“ nachzuhören.

Nachdem der Live-Evergreen „Wunderwerk Der Natur“ nun auch seinen Platz auf einem Album gefunden hat, bleibt zu hoffen, dass der Kreator-Gürtel tragende, Stage-divende Berg-Beau 2021 – wie angekündigt – live zu erleben sein wird.

Einen großartigeren Start in das Musikjahr als mit „Jäger“ kann es kaum geben!

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