Bands mit Männern werden anders behandelt – Steiner Und Madlaina im Interview

Schon seit ihrer Schulzeit machen Nora Steiner und Madlaina Pollina gemeinsam Musik. Unter dem Namen Steiner & Madlaina bringen die beiden Schweizerinnen mit „Wünsch mir Glück“ ihr zweites Studioalbum auf den Markt, auf dem sie ihre pointierten Texte in Indie-Folk verpacken, der mal wütend, mal bluesig schmusend daherkommt. Warum „Wünsch mir Glück“ ausschließlich deutsche Songs enthält, wieso es sich als Band besser arbeitet als als Solo-Künstler, und wie erschreckend oft einem als weibliche Künstlerin im Joballtag Sexismus begegnet, erzählten uns die beiden im Interview.

MusikBlog: Eure neue Platte heißt: “Wünsch mir Glück”. Wann habt ihr zum letzten Mal jemandem Glück gewünscht?

Nora Steiner: Ich habe tatsächlich gestern meiner Mitbewohnerin Glück gewünscht, weil sie die Führerscheinprüfung hatte. Und sie hat sie bestanden.

Madlaina Pollina: Ich wünsche in letzter Zeit regelmäßig Leuten Glück. Was bleibt einem anderes übrig in der derzeitigen Situation? Aber auch uns wurde in letzter Zeit viel Glück gewünscht. So nach dem Motto: Ihr seid ja Musikerinnen, ihr braucht sicher im Moment ein bisschen Glück. Manches davon wirkte aber auch schon fast ironisch oder resigniert (lacht).

MusikBlog: Auf eurem Debütalbum wart ihr noch mehrsprachig unterwegs. Auf „Wünsch mir Glück“ singt ihr ausschließlich auf Deutsch. Wieso?

Nora Steiner: Das war nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung. Wir haben viele Songs geschrieben und gesammelt. In diesem Repertoire waren viele deutsche Songs und die haben wir dann zu einem Album zusammengepackt. Das liegt sicher auch daran, dass wir 2019 fast nur im deutschsprachigen Raum unterwegs waren und dementsprechend nur Deutsch gesprochen und gedacht haben.

MusikBlog: Wie entscheidet ihr, in welcher Sprache ihr einen Song schreibt?

Madlaina Pollina: Bei uns beiden wächst ein Song ganz oft aus einer ersten Zeile. Diese erste Zeile, die kommt aus irgendeinem Sprachraum und in dieser Sprache ist dann auch der Song. Tatsächlich ist es jedoch einmal passiert, dass wir die Sprache geändert haben. „Das schöne Leben“ war ursprünglich auf Englisch. Ich habe es dann auf Deutsch umgeschrieben, weil es sinniger war und ich auf Englisch nicht mehr weiterkam.

MusikBlog: Woher kommen diese Zeilen in euren Köpfen?

Madlaina Pollina: Ich habe tatsächlich immer ein kleines Notizbuch dabei. Mit dem Handy kann ich das nicht, da habe ich zu viel Ablenkung. Da schreibe ich mir das tatsächlich lieber auf die Hand. Das sind meistens Sachen, die man auf der Straße hört oder man sieht irgendwas, das man in seinem Kopf zu einem Satz formt. Ganz oft tatsächlich auch Missverständnisse. Wenn jemand etwas sagt, das ich falsch verstanden habe und ich genau weiß, dass ich das nicht richtig verstanden habe, aber die falsche Version lustiger oder ambivalenter ist als die echte.

Nora Steiner: Bei mir ist das genauso. Oder man hat etwas, das raus muss, weil es einen beschäftigt.

MusikBlog: Ihr habt schon in der Schulzeit mit dem Musikmachen angefangen.

Nora Steiner: Genau. Tatsächlich wurde bei uns an der Schule Kreativität sehr gefördert, da wir ein musisches Profil hatten. Das heißt, alle haben ein Instrument gespielt oder sich kreativ betätigt. Das inspiriert natürlich. Die Lehrer*innen haben das auch gefördert. Wir hatten beispielsweise eine sehr strenge Deutschlehrerin, die uns in Sachen Schreiben sehr unterstützt und weitergebracht haben.

Madlaina Pollina: Dort hatten wir auch unseren ersten Proberaum. Der war natürlich total sauber und musste nach jeder Probe wieder aufgeräumt werden. Das war nicht so sexy, wie man sich das als Teenager vorstellt, aber es gab uns trotzdem die erste Möglichkeit, eine Band zu gründen, zu proben und so herauszufinden, ob das überhaupt etwas für uns ist.

MusikBlog: Ihr schreibt eure Songs getrennt voneinander. Warum arbeitet ihr trotzdem als Band?

Beide: Da gibt es viele Gründe.

Nora Steiner: Ein wichtiger Grund ist, dass es deutlich einfacher ist, wenn man nicht alles in diesem Musikbusiness alleine machen muss. Ich bin sehr froh jemanden zu haben, der mir Rückhalt gibt und mit dem ich meine Freude teilen kann. Wenn man unterwegs ist, kann das Musikerdasein sehr einsam sein. So hat man immer jemanden zur Seite und muss im Hotel nicht alleine rumhängen.

Madlaina Pollina: Ein anderer Grund ist, dass das Schreiben eines Songs nicht aufhört, wenn der Text und die Melodie fertig sind. Das, was danach kommt, das passiert immer mit allen zusammen. Erst mit Nora und dann mit der Band. Unser Sound ist Steiner & Madlaina. Das ist nicht mehr der Song von Nora oder von Madlaina. Den Song so fertigzustellen, wie wir ihn uns vorstellen, das kriegen wir nur so hin und nicht alleine. Gerade wenn einer von uns mit einem Song nicht weiterkommt, helfen wir uns gegenseitig oft weiter.    

MusikBlog: „Wenn ich ein Junge wäre (ich will nicht lächeln)“ beschäftigt sich mit Sexismus. Habt ihr ein konkretes Beispiel, wo ihr wegen eures Geschlechts weniger ernst genommen wurdet?

Nora Steiner: Leider einige. Im Alltag merkt man das, aber auch gerade im Job. Deswegen ist es auch kein Zufall, dass von uns beiden ein solcher Song auf dem Album ist. Von mir „Wenn ich ein Junge wäre (ich will nicht lächeln)“ und von Madlaina „Ciao Bella“. Das ist nicht, weil wir dachten: „Wir machen jetzt einen feministischen Song“, sondern weil wir so viel gearbeitet haben 2019 und uns das massiv aufgefallen ist. Vor allen Dingen, wenn du merkst, dass andere Bands mit Männern anders behandelt werden.

MusikBlog: Inwiefern?

Madlaina Pollina: Bands mit Jungs, die noch nicht unbedingt so weit sind wie wir, wird mehr durchgehen gelassen. Wenn sie unpünktlich oder unorganisiert sind, dann ist das in Ordnung. Wenn bei uns etwas nicht stimmt, dann wird es oft auf das Frausein geschoben und es heißt sofort. „Ihr seid nicht professionell“.

Nora Steiner: Oder man wird als Dramaqueen abgestempelt. Ein Klassiker ist, wenn es um Technik geht. Ich stelle meinen Monitor ein und dann kommt ein Techniker und sagt mir, wie ich meinen Monitor eingestellt haben sollte. Dann bitte ich nett darum, etwas lauter zu haben und bekomme dann Antworten wie: „Nein, ich mache das nicht lauter. Keine Lust“. Dann kriegt man noch eine väterliche Hand auf die Schulter mit dem Kommentar: „Geh mal zur Seite und lass mich das machen“. Oder man wird angemotzt, weil man sein Mikrofon auf den Amp machen will. Dann kommt noch ein Spruch: „Ihr könnt das doch gar nicht“. Und ich habe auch immer das Gefühl, wenn wir uns verspielen ist das schlimmer. Denn bei einem Typen ist doch klar, dass der Gitarre spielen kann. Dann ist das Verspielen charmant. Aber, dass wir Gitarre spielen können ist eben nicht klar, das ist die Ausnahme.      

MusikBlog: Wie reagiert ihr bei solchen Konfrontationen?

Madlaina Pollina: Wir sind sehr gut darin geworden, Grenzen zu setzen und den Leuten zu sagen: „Das ist mein Beruf, lass‘ mich den bitte machen“. Aber trotzdem kostet es viel Energie, weil solche Sachen uns wirklich wütend machen. Aber es passieren auch erfreuliche Dinge. Nach einem Konzert ist beispielsweise mal ein Organisator zu mir gekommen und meinte: „Ich fand‘ es sehr interessant, dass ihr so unverblümt über dieses Thema sprecht, denn ich habe noch nie darüber nachgedacht und bin mir jetzt viel bewusster, worauf ich achten muss“. Das ist natürlich schön. 

MusikBlog: Ihr sagt, der Song „Wenn ich ein Junge wäre“ soll auch dazu einladen, selbst zu überlegen, inwieweit man Teil des Problems ist.

Nora Steiner: Ich glaube viele Frauen – und da schließen wir uns auf keinen Fall aus – kreieren diese klassischen Rollenbilder unterbewusst teilweise selbst. Man ist meistens auch Teil des Problems und sollte die Selbstreflexion nicht vergessen.

Madlaina Pollina: Wir wollen versuchen, uns in dieser Diskussion nicht zu vergessen, sondern immer zu betrachten, inwieweit man die Fehler auch selbst macht.

Nora Steiner: Wir sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der es noch keine Gleichberechtigung gibt. Das heißt, wir verhalten uns in gewissen Situationen immer noch in gesellschaftlichen Mustern, die sich daran orientieren. Ich sage auch nicht immer, wenn ich über etwas rede „*innen“, sondern das generische Maskulinum. Aber dessen bin ich mir bewusst und ich versuche, das zu ändern.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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