Warum My Morning Jacket sich ausgerechnet im 23. Jahr ihrer Karriere dazu entscheiden, ein Album nach sich selbst zu benennen? Sind dem Quintett schlichtweg die Ideen für Titel ausgegangen? Könnte man vermuten, hießen doch die letzten beiden Platten schlicht „The Waterfall“ und „The Waterfall II“.

Wie auch immer. Zumindest in Sachen Musik scheint der Kreativitätstank eher halbvoll als halbleer zu sein. Obwohl – an dieser Stelle könnte man sicher in einen sprachphilosophischen Diskurs darüber ausschweifen, ob die eigentliche Bedeutung des Wortes „kreativ“ auch dann noch zutrifft, wenn man sich musikalisch im immer gleichen Fahrwasser bewegt, ohne dass dort jemals Platz wäre für Delfine, die gen Sonnenuntergang springen oder sich im nächsten Ölteppich die Flossen verkleben.

Aber warum auch ändern, was funktioniert. Auch auf ihrem selbstbetitelten Album machen My Morning Jacket irgendwas zwischen Indie-Folk und Rock, dessen bester Freund häufig eskalierende Gitarren-Soli sind, bevor er sich kurze Zeit später auf fluffigen Klangteppichen seinen psychedelischen Träumen hingibt. Und das machen sie eben verdammt gut.

Ganz vorzüglich lässt sich das beispielsweise genau so in „In Color“ hören. Knappe siebeneinhalb Minuten lassen sich My Morning Jacket Zeit, um die akustische Gitarrenballade, die sich mit leichten Harmonien zunächst als unauffällige Singer/Songwriter-Nummer tarnt, nur um sich zwischenzeitlich in ein sperriges Ungetüm zu verwandeln, dessen geplagte Seele von Gitarren-Soli zerrissen wird, wieder zurück zu ihren introvertierten Anfangsklängen zu führen.

Wenn Jim James dann versöhnlich singt: „You gotta admit / It looks better in color“ könnte man nicht nur meinen, es wäre nichts gewesen, sondern will auch auf gar keinen Fall widersprechen.

Denn mit der geforderten Farbe trösten My Morning Jacket nicht nur über die grauen Herbsttage hinweg, sondern zeigen gleichzeitig eine Problematik in der Gesellschaft auf. In Zeiten von stetig zunehmender Spaltung könnte so mancher Diskurs statt simplen schwarz und weiß nochmal ein bisschen Farbe gebrauchen.

Auch auf „Regularly Scheduled Programming“ sinniert Jim James über pluckernden Beats und dissonanten Synthie-Einwürfen über Themen, die längst realer sind, als viele wahr haben möchten: „Programming to drown out how we feel / Fresh fiction rewriting how we think / Screen time addiction replacing real life and love“.

Wenn James anschließend fragt: „Had enough?”, ist das doch ein schöner Anlass, das Handy für die nächste Stunde mal zur Seite zu legen und sich stattdessen in „My Morning Jacket“ zu vertiefen.

Facebook
Twitter

Schreibe einen Kommentar

Login