Sie sind die gefühlten Götter der melancholischen Filmmusik, obwohl sie noch keinen Soundtrack-Song veröffentlicht haben – The Slow Show. Die vierköpfige Indie-Pop-Band aus Manchester schafft es seit 2010 immer wieder, minimalistisch-atmosphärische Musik aus dem Ärmel zu zaubern und die Musikwelt zu begeistern.

“Still Life” heißt ihr viertes Album, welches eine völlig eigene Klangwelt bedient. Wie die Vorgänger “Lust And Learn” (2019) und “Dream Darling” (2016) ist auch der neue Longplayer voll von Atmosphäre, Langsamkeit und wunderschöner Melancholie.

Insgesamt haben The Slow Show 11 neu Songs für “Still Life” aufgenommen – pandemiebedingt aus der Ferne. Rob Goodwin sang die Vocals in seiner Wahlheimat Düsseldorf ein, der Rest der Band arbeitete von Großbritannien aus.

Dass dies gut funktionieren kann, zeigen Songs wie “Anybody Else Inside”, “Rare Bird” und “Blue Nights”. Allgemein strotzen die neuen Lieder nur so vor Emotionen, epischer Atmosphäre und Ehrfurcht vor den bedeutenden Beziehungen, denen wir im Leben begegnen.

Vergleiche mit Bands wie The National, Elbow oder Tindersticks kommen auch hier nicht von ungefähr, stellen aber nie die Individualität ihres Sounds in Frage. Einen Beweis dafür lieferten The Slow Show schon im letzten Jahr mit der Single “Blinking”, die sie als “Eine Ode an die Liebe und Loyalität” beschrieben. Der Song ist ein trotziges Versprechen, die Menschen, die man liebt, niemals aufzugeben.

Auch “Mountbatten”, welches direkt nach “Lust And Learn” erschien und auf “Still Life” als Opener dient, macht die musikalische Entwicklung The Slow Shows deutlich. Am Anfang hört man nur die Klänge eines klassischen Klaviers. Eine Geige setzt dann mit ein und unterstützt die tiefe und ruhige Stimme Goodwins, der gewohnt poetisch über Leid und Heilung singt.

Nach und nach kommen immer mehr elektronische Klänge dazu. Beinahe unruhig, und nur, um dann zu einem Ort der Ruhe zurückzukehren. Es geht um den Verlust eines Kindes, aber auch um die Bindung einer Mutter zu ihrem Sohn. Inspiriert wurde Rob Goodwin zu “Mountbatten” durch viele Spaziergänge an einem Fluss mit seiner Mutter.

Die oft sehr persönlichen Songs wie das träumerische “Hey Lover” oder das folk-lastige “Who Knows” werden nur durch “Breathe” ausgeglichen. Dieser Song beschäftigt sich mit den Ereignissen im Jahr 2020, als George Floyd tragisch zu Tode kam und Millionen Menschen rund um den Globus um eine gerechtere Welt kämpften.

Der Text für “Breathe” besteht fast ausschließlich aus Auszügen der emotionalen Protestrede des Schauspielers John Boyega vom 3. Juni 2020 im Londoner Hyde Park. “You were scared I am too / This isn’t new this isn’t fair / The heavy-handed men are brutal here / I don’t know where it’s likely to go any better / If earth’s the right place for love / We waited we heard nothing”.

“Still Life” strotzt nur so vor Emotionen, epischer Atmosphäre und Ehrfurcht vor den bedeutenden Beziehungen, denen wir im Leben begegnen. So markiert es mit seinen friedvollen und gedankenversunkenen Liedern eine neue Entwicklungsstufe einer Band, die nie versucht hat, in Schubladen zu passen.

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