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Dry Cleaning – Live im Molotow, Hamburg

Es wird Frühling. Das erste Mal Anstehen in der Sonne vor dem Molotow. Schon Ende letzten Jahres ausverkauft. Nun der Nachholtermin für Dry Cleaning. Natürlich auch wegen Corona verschoben, immerhin nicht auf den späten Herbst wie so viele andere Konzerte.

Zunächst startet der Support mit Maria Somerville aus Irland. Dichter Nebel umwabert Gitarrenloops. Schwarz und düster. Maria Somerville haucht dazu mit leichter Stimme. Eine Gitarre und ein Pult mit Effekten. Fertig ist der perfekte Soundtrack für eine laue Nacht mit Mondfinsternis. Langsam mischt sie elektronische Beats zwischen die Loops. „All My People“ zum Ende weckt nostalgische Erinnerungen an analogen Industrial der späten 90er.

Langer schwarzer Rock, hohe Absätze, schwarze Lippen zwischen den langen Haaren. Fast transparent erscheint Florence Shaw von Dry Cleaning als erste auf der Bühne. Neofolk oder düsterer Black Metal als erste optische Assoziation.

Leichte Elektronik setzt ein. Nicht aus dem Computer, sondern vom Tape. „Leafy“. Der einsetzende Bass beendet die Leichtigkeit, es wird sehr gewichtig. Florence fängt an zu erzählen. Noch etwas steif, doch ihre Mimik blitzt schon auf.

„Unsmart Lady“, „Strong Feelings“, „Her Hippo”. Erstmal das Debütalbum “New Long Leg” vorstellen. Die kurzen Tracks rauschen nur so vorbei. Das Spiel auf der Bühne zieht genauso in den Bann wie die Musik. Kräftig, treibend, abwechslungsreich, düster, psychedelisch. Alle haben ihren Auftritt. Unterhaltsame Soli unaufgeregt selbstverständlich eingebaut.

Florence ist jetzt wach. Ihre Mimik, expressives Spiel mit den Fingern und den Haaren. Herrlich ironisch überzogene Ernsthaftigkeit. Jeder Blick und jede Geste konterkariert auf den Punkt die sinnbefreiten Lyrics. Wüsste man es nicht besser, würde man glauben, sie vermittelt hochkomplexe Inhalte mit tiefer Bedeutung.

Das Spiel mit der Rassel kann eine religiös esoterische Anmutung bekommen. Ganz zu schweigen vom Wechsel eines Tapes im Player. Eine nahezu spirituell erotische Handlung. „Da da da daaa. Da da da daaa“ gesungen mit intellektueller Inbrunst.

Es geht in die älteren EPs. „Sit Down Meal“. Warum singt sie jetzt? Oder eher – versucht sie zu singen? Als Entschädigung kommt der Track mit ordentlich Knalleffekt. Deutlich übertroffen noch vom Live-Highlight „Magic Of Meghan“.

Hibbelig locken Dry Cleaning alle aufgestaute Energie aus dem Publikum heraus. Gleichauf „Tony Speaks“. Die Band rumpelt, der verzerrte Bass manifestiert sich nahezu körperlich im Raum. Der Sound treibt nicht mehr, er saugt einen förmlich mit.

Mit „Scratchcard Lanyard“ nochmal ein fröhlicher Hüpfer vom Album, bevor sich die Zugabe „Conversation“ wie eine stoische Dampf-Eisenbahn durch die Bäuche stampft. Für die abschließenden Feedbacks darf das verblüffte Publikum die Gitarre übernehmen.

Inhomogener als die Vier kann sich eine Band optisch fast nicht präsentieren. An der Gitarre ein Pirat mit kurz geschorenen Haaren. Idealkandidat für den Bad Boy auf dem Junggesellinnen-Abschied. Der Bassist scheinbar aus den späten 80ern, als Slayer noch lange Haare und Schnauzbärte hatten. Ein Sunnyboy am Schlagzeug. Und vorne in der Mitte eine durchscheinend düstere Schönheit als entrückte Märchen-Oma aus dem Gruselkabinett.

Vordergründig gemeinsam ist ihnen nur die augenzwinkernder Selbstironie. Ernsthaftes “Christmas Tree Recycling Point” die Liedzeile des Abends. Total homogen dagegen ihr Spiel als Band. Unzählige Anleihen von Metal, Rock, Blues, … blitzen auf. Um sofort wieder über psychedelische Wände hinweg zu schnarrendem Post-Punk dekonstruiert zu werden.

Ein Hoch auf den Karaoke-Abend, an dem sich Dry Cleaning das erste Mal begegnet sind.

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