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Björk – Live in der Quarterback Immobilien Arena, Leipzig

Dass The Sugarcubes früher oder später auf ihre Frontfrau verzichten müssen, war wohl allen Indie-Freund*innen klar, die in den Spätachzigern ihren Hit „Birthday“ zum Ehrentag zu hören bekamen, zu groß war das Charisma von Björk Guðmundsdóttir, um sich langfristig im Bandrahmen der Isländer verwirklichen zu können.

Anfang der Neunziger schlug sie Solopfade ein, produzierte mit damaligen Szenegrößen ihr „Debut“, schickte medienwirksam einen Igel auf der Suche nach „Human Behaviour“ durch MTV, blieb daneben mit Beziehungen zu Trip-Hop Pionier Tricky und Drum-and-Bass-Ikone Goldie im Fokus der Yellow-Press.

Auf genre-übergreifenden Alben versuchte Björk sich stets an einer – auch während des Konzerts am gestrigen Freitag propagierten – sinnvollen Koexistenz von Organischem und Technik. So waren ihre Verbundenheit zur Natur und der Erhalt unserer Lebensgrundlagen prägende Themen, die zusammen mit ihrer Musik immer mehr in multimediale Gesamtkonzepte eingebunden wurden.

Für „Cornucopia“ wurde die musikalische Melange der letzten beiden Platten „Utopia“ und „Fossora“ zu einem audiovisuelles Spektakel vereint, nur zwei Deutschland-Termine waren für die Show angesetzt, folgerichtig gefüllt war die bestuhlte Leipziger Arena, in der ein Orchester aus Vogelstimmen die Besucher zu ihren Plätzen begleitete.

Kurz nach 20:00 Uhr ging das Licht aus, ein Avatar der Protagonistin bewegte sich über den semi-transparenten Vorhang, hinter dem Björk mit „The Gate“ ihr „digitales Theater“ eröffnete, die Zuschauer*innen zu einem auf Silberfäden projizieren Exkurs durch die Wunder der Biologie einlud, einem Kaleidoskop aus Werden und Vergehen, begleitet von einem atmosphärischen Soundtrack.

Im einer Robe, einem Hybrid aus geplatzter Haselnussschale und Kostüm aus Takechi`s Castle anmutend, hat sie der Akustik, die eine Mehrzweckhalle dieser Größe bieten kann, Stimmgewalt entgegen gesetzt, dazu mit dem Faun-Gewandeten Multiinstrumental-Septett Viibra eine atemberaubende Choreographie angeboten.

Der ständige Bildwechsel und das Ausgefeilte der Arrangements verdichteten die Inszenierung, die in ihrer Dramaturgie auf die bekanntesten Tracks aus ihrem Lebenswerk weitestgehend verzichtete, eine „Venus As A Boy“-Adaption wurde dabei von einer einsamen Flöte begleitet: „He believes in a beauty“ – alle im Saal glaubten just an die Schönheit dieses Abends.

Querflöten und Klarinetten spielten traumartige Klangsequenzen, Katie Buckley strich dazu die Harfe, Manu Delago taktete mit diversen Schlagwerkzeugen von Vibraphon bis Wassertrommel präzise durch eine von „Musikdirektor“ Bergur Þórisson an den technischen Klangerzeugern, partiell auch an der Posaune, ausgesteuerten Veranstaltung, in der ein mitunter brüchiger Charme der Melodien viel, die Symbiose aller eingesetzten Medien alles bedeutete.

Ob bei „Isobel“ direkt vor dem Publikum oder in der Resonanzkapsel auf der Bühne: Björk fesselte ohne konventionelle Songstrukturen, führte das Publikum nach Greta Thunbergs eingespielter, so bekannter wie ungehörter, Brandrede zum Klimawandel, durch die dystopische Rhythmik von „Victimhood“, kokettierte zu „Sue Me“ beinahe mädchenhaften vor ihm.

Nach „Tabula Rasa“ folgten erste Worte zum Auditorium, einem „Dankeschön“ folgte ein Kleiderwechsel, die Zugabe erfolgte in Gestalt eines Eisköniginnen-Baums, stellte die 58-Jährige in deren Verlauf ihre Mitstreiter*innen vor, um mit dem letzten Song offensiv zum Tanz aufzufordern.

Vor der Bühne wurde es voll, die Gelegenheit, sich zu „Notget“ durchzuschütteln, wurde dankend vom Publikum angenommen. Die Eindrücke der denkwürdigen 90 Konzert-Minuten setzen zu lassen, wird weit länger dauern.

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