MusikBlog - Entdecke neue Musik

The 1975 – Live im Palladium, Köln

Musik verbindet. Was klingt wie eine abgedroschene Phrase wird an diesem gestrigen Abend beim Konzert von The 1975 Realität. Fremde liegen sich in den Armen, feiern sich gegenseitig ab, grölen gemeinsam textsicher jede einzelne Zeile mit, während sie ihre Hände in die Luft reißen und sich anschließend ganz ungefragt gegenseitig Drinks spendieren.

Allein für den Beweis, welche Macht Musik haben kann und wie sehr sie in schwierigen Zeiten Brücken bildet, lohnt sich ein Besuch der The-1975-Show. Wobei das längst nicht der einzige Grund ist.

Seine Tour „Still…at their very best“ zu nennen, passt perfekt zu dem prätentiösen Auftreten, mit dem Skandalkönig Matt Healy immer wieder spielt. Bei einem Festival in Malaysia drückte er als Zeichen der Unterstützung für die LGBTQ+-Community seinem Bassisten einen Kuss auf, worauf das Festival sofort abgebrochen wurde.

Nicht nur damit sorgte er für Schlagzeilen, sondern auch mit einer angeblichen Affäre zu Taylor Swift. Zu den Prominenten, die – abgesehen von ein paar schnellen Klicks – nichts mehr zu liefern haben, zählt Matthew Healy aber nicht, wie er am letzten Deutschlandtermin mit seiner Band The 1975 beweist.

Die Briten haben als Bühnenbild den wahrgewordenen Traum eines jeden Großstädters im Gepäck. Die perfekt eingerichtete Wohnung, inklusive Wendeltreppe, massiver Bücherregale, Wanduhr und stilvollen Lampenschirmen, die den Spagat zwischen Retro und Cool perfektionieren. Okay, die vielen Röhrenfernseher würde sich wahrscheinlich heutzutage, selbst aus Stilgründen, niemand mehr in die Wohnung stellen, sie nehmen auch viel zu viel Platz weg.

Das Gekreisch, als die Musiker nach und nach die Bühne betreten, ist ohrenbetäubend und soll den kompletten Abend lang nicht abreißen. Die Fans sind on fire, viele sind extra angereist und auch morgen beim Tourabschluss in Amsterdam wieder dabei.

Schon während des ersten Songs „The City“ zündet sich Healy lässig eine Zigarette an. Der Sound ist überraschend gut und differenziert. Das zeigt sich beispielsweise bei „You“, wo das auf den Punkt gespielte Schlagzeug glasklar aus dem atmosphärischen Soundteppich raussticht.

Mit „Oh Caroline“, das eine Spur langsamer als auf Platte daherkommt, gibt es nach einigen Songs die erste Nummer des aktuellen Albums „Being Funny In A Foreign Language“. In Sachen Setlist haben The 1975 damit heute Abend eine Überraschung parat, begannen doch die Deutschlandkonzerte in den Tagen zuvor ausschließlich mit dieser Platte.

Aber heute scheint ein besonderer Abend zu sein, denn der sonst so wortkarge Matty Healy lässt sich sogar zu einer kleinen Ansage hinreißen: „Heute Abend ist die vorletzte Show. Der ganze Kram hier wird recycelt oder für einen guten Zweck versteigert. Wir werden uns eine Zeit lang vom Touren verabschieden und neue Musik schreiben.“ Dieses Versprechen wird mit lautem Jubel gefeiert.

Wahrscheinlich hat Healy eine Tourpause auch nötig, denn als er anschließend zu „A Change Of Heart“ während des Gitarrensolos mehr stolpert als geht, hat man kurz Angst, er könnte beim Aufstieg zum hinteren Bühnenrand, wo er eine Flasche aufsetzt und anschließend kurz den Kopf schüttelt, das Gleichgewicht verlieren.

In der restlichen Show ist von Schlenkern dieser Art allerdings nichts zu merken. Nicht nur gesanglich sitzt jeder Ton, auch der Rest der Band liefert in Perfektion ab. Besonders Saxofonist John Waugh sorgt mit seinen Soli für den ein oder anderen Gänsehautmoment.

Nach einem ausufernden Instrumental, währenddessen die Bühne hektisch von einigen Männern in weißen Kitteln umgebaut wird, performt Healy allein an der Akustik-Gitarre „Then Because She Goes“ und bringt spätestens bei „Jesus Christ 2005 God Bless America” im Duett mit Polly Money alle Herzen zum Schmelzen.

Der letzte Block der Show besteht aus einem gelungen Querschnitt der The-1975-Diskographie und endet mit dem formidablen Trio „Love It If We Made It“, „Sex“ und „Give Yourself A Try“.

Eine Zugabe gibt es keine, aber das würde auch nicht zum durchgestylten Konzept dieser Show passen. Und außerdem, was sollte nach diesem grandiosen Finale auch noch kommen?

Schreibe einen Kommentar

Das könnte dir auch gefallen

Album

Sam Morton – Daffodils And Dirt

Album

Kneecap – Fine Art

MusikBlog Newcomer

ShizoAngel – Future – Debütsingle

Login

Erlaube Benachrichtigungen OK Nein, danke