Tiefschwarze Trauer, grenzenlose Wut, süße Sehnsucht, verträumte Höhenflüge durch zuckerwattrige Wolkenformationen. Was sich anhört wie die Beschreibung der emotionalen Bandbreite eines orientierungslosen, qualvollen Teenager-Daseins, trifft ebenso auf das schöpferische Gefühlsspektrum von „Lonely People With Power“, dem neuen Album von Deafheaven, zu.
„Lonely People With Power“ bildet die Sinuskurve eines Lebens mit allen Amplituden, allen Gipfeln und Tälern menschlicher Gemütszustände, allen Stimmungen und Schwankungen, meisterhaft und klanggewaltig ab.
Deafheaven liefern den Hörer*innen eine Tour de Force durch seelische Abgründe. Was die Band mit musikalischen Elementen aus Shoegaze, Post-Rock, Black-Metal und Metal scheinbar mühelos aus dem Ärmel schüttelt und dramaturgisch kongenial miteinander verknüpft, steckt Track für Track so voller Wendungen und Überraschungen, dass die Platte zu keinem Zeitpunkt monoton oder gar langweilig erscheint.
Das beste Beispiel für die Spannweite der musikalischen Kreativität von Deafheaven ist der Titel „The Marvelous Orange Tree“, der die Vielfalt und Dynamik des gesamten Albums in einem einzigen Stück vereint. Beginnend mit dem beruhigenden Plätschern eines Wasserlaufs und dem Fade-in der Leadgitarre mit verträumtem Phaser-Effekt, steigert sich der Song unvermittelt zu einem Tsunami aus brachialen Gitarrenwänden, kreischenden Vocals und einem bleischweren Beat, um sich anschließend wieder mit einer sanften Gesangsmelodie in ein stilles Gewässer zu verwandeln. Bis die Achterbahnfahrt von vorne beginnt.
„Lonely People With Power“ scheint auch die Geschichte der Band zu erzählen. Vom Frust, ohne Mittel in einer 16-köpfigen WG zu wohnen. Von der Verbitterung, seine Songs nur auf einer billigen Akustikklampfe entwickeln zu können. Von Pleiten und Erfolglosigkeit. Vom Hoffen auf eine bessere Zukunft.
Das Ärgste dürften Deafheaven hinter sich haben. „Sunbather“ (2013) wurde von der Kritik gefeiert und landete auf Platz 130 in den Billboard-Charts. „New Bermuda“ (2015) war ein ähnlicher Erfolg beschieden. „Ordinary Corrupt Human Love“ (2018) und „Infinite Granite“ (2021) erreichten bereits europäische Chartplazierungen.
Das Einzige, was man dem Sound von Deafheaven vielleicht vorwerfen könnte, sind die zeitweise etwas gleichförmig hervorgebrachten Screams von Frontmann George Clarke. Und als hätten die Produzenten es ebenfalls so gesehen, scheinen die Vocals gegenüber den Gitarren manchmal eine Nuance zu leise abgemischt. Aber das ist Jammern auf ganz hohem Niveau.
Der Ausflug in die chaotische, überbordende Gefühlswelt der Teenager hallt nach. Er hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Einen Eindruck mit einer Melange aus Wut, Hoffnung, Trauer und Träumerei. Nur ohne Teenager.
