Seit mittlerweile zehn Jahren sendet die nordafrikanische Tuareg-Rock-Combo Imarhan musikalische Grüße aus der algerischen Wüste in die weite Welt hinaus. Im Jubiläumsjahr vereinen Gitarrist und Sänger Iyad Moussa Ben Abderahmane (Sadam), Bassist Tahar Khaldi, die beiden Gitarristen Hicham Bouhasse und Abdelkader Ourzig, sowie Perkussionist Haiballah Akhamouk alte Poesie und traditionelle Rhythmen mit funkigen Vibes. Auf ihrem neuen Studioalbum „Essam“ wirkte auch Britpop-Ikone Damon Albarn (Blur, Gorillaz) mit. Kurz vor der Veröffentlichung ihres vierten Longplayers trafen wir uns mit Mastermind Iyad Moussa Ben Abderahmane alias Sadam zum Interview und sprachen über neue Klangfarben, Alltagsbilder voller Leid und spannende Kollaborationen.
MusikBlog: Sadam, euer neues Studioalbum trägt den Titel „Essam“, was frei übersetzt so viel wie „Blitze“ bedeutet. Wie kam es dazu? Welche Geschichte steckt hinter dem Begriff?
Sadam: Wir haben für dieses Album zum ersten Mal mit elektronischen Elementen gearbeitet. Der Titel greift auf, was die Zuhörer*innen im Verlauf des Albums erwartet.
MusikBlog: Wann habt ihr mit den Arbeiten an „Essam“ begonnen?
Sadam: Unser letztes Album „Aboogi“ erschien Anfang 2022, aufgenommen hatten wir es aber schon viel früher. Wegen der Pandemie hat sich damals alles ein bisschen verschoben und auch die neuen Songs sind bereits im Laufe der letzten fünf Jahre entstanden. Es war ein ziemlich langer Prozess.
MusikBlog: Du hast die neuen elektronischen Sounds bereits erwähnt. Was oder wer hat euch diesbezüglich beeinflusst und inspiriert?
Sadam: Wir haben bisher immer nur auf uns und unsere Traditionen geschaut. Wenn wir Songs schreiben, dann fokussieren wir uns eigentlich nur auf den Moment und das, was in uns steckt. Diesmal haben wir uns aber geöffnet und andere Einflüsse mit einbezogen. Wir haben befreundete Künstler und Musiker am Produktionsprozess teilhaben lassen, die sich mehr mit elektronischer Musik beschäftigen. So haben wir etwas ganz Neues kennengelernt. Es entstanden kontinuierliche Sessions, in denen wir versuchten, die traditionellen Ansätze mit den elektronischen Einflüssen von außen zu verbinden. Das hat sehr gut funktioniert. Am Ende sind viele dieser entstandenen Vibes mit auf dem Album gelandet.
MusikBlog: Sadam, du bist für die Texte verantwortlich. Was war diesmal besonders wichtig?
Sadam: Die Songs sind alle unterschiedlich alt. Es gibt Lieder auf dem Album, die ich vor vielen Jahren geschrieben habe und andere, die noch nicht so alt sind. Die Themen sind entsprechend vielfältig und immer auch mit der jeweiligen Zeit verbunden, in der der jeweilige Song geschrieben wurde.
MusikBlog: Du beschäftigst dich auch mit den jüngsten Erschütterungen in der Sahara, den intensiven und anstrengenden Covid-Jahren und der Flüchtlingsproblematik an der algerisch-malischen Grenze.
Sadam: Ja, die Flüchtlingssituation ist wirklich sehr angespannt. Und das macht uns natürlich alle sehr traurig. Das Leid ist allgegenwärtig.
MusikBlog: Die ganze Welt schaut gerade nach Gaza und Kiew. Würdest du dir mehr globale Aufmerksamkeit wünschen?
Sadam: Auf jeden Fall. Die Grundsituation ist doch überall sehr ähnlich, egal ob in Gaza, Kiew oder bei uns. Aber das mediale Interesse ist sehr ungleich verteilt. Wenn man sieht, wie die malische Armee mit den Zivilisten umgeht, dann macht das einfach nur wütend und traurig. Leider bekommt der Rest Welt davon nur wenig davon mit.
MusikBlog: Ihr habt euch in den vergangenen Jahren ein eigenes Studio aufgebaut. Ihr betont immer wieder, wie wichtig euch dieser Ort des kreativen Schaffens ist. Was macht das Studio so besonders für euch?
Sadam: Wir waren in den ersten Jahren viel unterwegs, wenn es um Aufnahmeprozesse ging. Das war immer mit viel Stress und Abhängigkeiten verbunden. Mit dem Bau des Studios haben wir uns eine gewisse Freiheit geschaffen, die Dinge so umzusetzen, wie wir es wollen. Das Studio ist unsere musikalische Heimat geworden. Wir haben dort alles, was wir brauchen. Hinzu kommt, dass das Studio mittlerweile auch für viele befreundete Bands und Musiker ein Anlaufpunkt geworden ist. So kann man sich permanent austauschen und weiterentwickeln. Wir sind sehr froh und glücklich, dass wir unabhängig und ohne Druck und Stress arbeiten können.
MusikBlog: Wo fühlst du dich wohler: im Studio oder auf der Bühne?
Sadam: Beides ist sehr wertvoll, nachhaltig und inspirierend. Die Zeit im Studio, wenn man kreativ ist und neue Dinge ausprobiert, ist immer wieder aufs Neue spannend. Aber es ist auch toll, wenn man die entstandene Arbeit mit einem Publikum teilen kann.
MusikBlog: Mit Damon Albarn habt ihr einen ganz besonderen Gast auf dem neuen Album. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Sadam: Wir kennen Damon seit der Zusammenarbeit für das Projekt „Africa Express“. Vor ein paar Jahren waren wir dafür zusammen in Mexiko und haben dort einige Sachen aufgenommen. Wir waren dann immer im Kontakt. Vor nicht allzu langer Zeit trafen wir uns dann wieder. Das lief dann ziemlich spontan. Ich spielte etwas auf der Gitarre und Damon stieg ganz spontan am Piano mit ein. So entstand die Idee zu einer reduzierten Version des Songs „Derhan N’Oulhine“.
MusikBlog: Der Song macht auf jeden Fall Lust auf mehr. Gibt es schon Pläne für weitere Kooperationen?
Sadam: Ich würde mich sehr darüber freuen. Damon und ich sind gute Freunde geworden und wir haben uns schon oft über weitere Projekte und Songs unterhalten. Man muss einfach schauen, wie man das in Zukunft zeitlich und organisatorisch vereinbaren kann. Aber ich wäre sofort wieder mit dabei.
MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.
