Vor rund 3.500 Zuschauern zelebrieren Idles beim Zeltfestival den Klassenkampf von unten. „My mother worked 15 hours, 5 days a week, my mother worked 16 hours, 6 days a week, my mother worked 17 hours, 7 days a week”.
Joe Talbot überspitzt in vielen seiner Zeilen, nicht nur im bissigen „Mother“. Er trifft damit von Beginn einem Publikum voller Bewegungsdrang ins Tanzbein, das trotz infernaler Hitze vor und im Palastzelt nie um noch einen Circle Pit mehr verlegen ist.
Und das obwohl schon drei Acts davor ihr Bestes getan haben, um die heiße Luft zu schneiden. Es ist hierzulande die exklusive Headlineshow von Idles, zu der die angepissten Briten mit Genesis Owusu, SALÒ und Heartworms drei ihrer Lieblingsbands eingeladen haben.
Das Energielevel ist aber erst ab 20:30 Uhr auf dem Zenit. Die Parolen gegen das Establishment aus dem Herzen der linken Arbeiterklasse sowieso. Talbot spuckt Gift und Galle, schreit „Fuck the king“ und „Viva Palestine“ und kündigt seine Stücke mehrfach mit „The next song is an antifascist song“ an.
Dabei toben die beiden Gitarristen, Mark Bowen im Kleid und Lee Kiernan mit fliegenden Haaren, von links nach rechts und zurück. Colin Webster am Barritonsaxofon verleiht dem ohnehin tieftönenden Post-Punk der Band live nochmals ein breiteres Fundament.
„Can I get halleluja“, fragt Talbot in „The Wheel“. Er bekommt eines aus Bierbechern, Schweiß und gereckten Fäusten zurück. Doch so bretthart sich der Sound von Idles ausnimmt – wo die Gitarren gerne mal schneiden wie bei einem Noisekonzert und die Drums beschleunigen wie auf einer Punksause – so weich und dankbar zeigt sich die Band zwischen den Songs.
Mehrfach betont der Frontmann, dass das alles nur wegen „euch“ möglich ist. „We are nothing without you, thanks for making this happen for several years now.” Man spürt, dass es ihm ernst ist und nie zu Floskel verkommt.
Erst recht, wenn er dabei betont, dass Musik die eine universelle Sprache ist und damit auch seiner Band die Brücke zu den neueren, elektronisch geprägteren Stücken von „Tankg“ (2024) baut. Es ist erstaunlich, wie nahtlos Idles diese Songs in ihr Set neben den Störfeueren ihres programmatischen betitelten Debütalbums „Brutalism“ integrieren, ohne aus dem Takt zu kommen.
Dass Hits wie „I’m Scum“ nach einem weiteren „Free free Palestine“ von alleine laufen und die Crowd nochmals verdichten, wenn etwa der ein oder andere an den Zeltschleusen nach Luft hechelnden Besucher von außen zielstrebig den Circle Pit im Zentrum anläuft, war abzusehen.
Dass aber auch „Pop Pop Pop“ und „Dancer“ live einschlagen, wie ein mit Molotowcocktail verschicktes Pamphlet, überrascht durchweg positiv.
Ein weiteres „The next song is an antifascisct song“ später gelangen Idles bei ihrem Loblied auf die Zuwanderung an. In „Danny Nedelko“ zählt Joe Talbot namhafte Briten mit Migrationshintergrunde auf – von Freddie Mercury bis zum Doppel-Olympiasieger Sir Mohamed „Mo“ Farah. Der gute Launesong steht nicht nur exemplarisch für die klasklare Haltung der Band, er macht obendrein auch einen Riesenspaß.
Unter diesen Voraussetzungen lässt sich die gesamte, exklusive Idles-Show am besten mit ihrem eigenen Albumtitel von 2018 überschreiben: „Joy As An Act Of Resistance„. Nicht mehr und nicht weniger!








