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Es ist eine Anklage, ein Vorwurf – Maximo Park im Interview

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Maxïmo Park wollen mit ihrem neuen Album „Risk To Exist“ beweisen, dass man sich auch nach 17 Jahren noch als Band weiterentwickeln kann. Mit dem Titeltrack zeigten die Briten bereits, dass sie sich nicht mehr wie bisher politisch zurückhalten wollen. Was der Auslöser hierfür war, an welchem Punkt der Karriere die Band an sich gezweifelt hat und weshalb Soloprojekte Maxïmo Park am Leben erhalten, erzählte uns Frontmann Paul Smith im Interview.

MusikBlog: Künstler kommen und gehen, ihr seid nach fast zwei Jahrzehnten immer noch da! Wie das?

Paul Smith: Ich glaube, manchmal bleiben Bands in einem kreativen Loch stecken und kommen einfach nicht mehr raus oder sind wie bei The Smiths eifersüchtig auf Bandkollegen, wenn die etwas Neues versuchen…

MusikBlog: Du sprichst von Nebenprojekten?

Paul Smith: Genau. Ich erinnere mich irgendwo gelesen zu haben, dass Morrissey eifersüchtig auf Johnny Marr war, weil der etwas außerhalb von The Smiths gemacht hat und deshalb ist die Band auseinandergegangen. Ob das nun wahr ist, weiß ich nicht, aber ich könnte es mir gut vorstellen. Wir machen hingegen alle verschiedene Sachen neben Maximo Park: Ich bringe Soloplatten raus, Duncan bringt Soloplatten raus, dann arbeite ich wieder mit meinem guten Freund Peter Brewis von Field Music zusammen. Wenn man dann zurück zur Band kommt, fühlt man sich viel frischer und voller neuer Energie, die man mit einbringen kann. Ich glaube, das ist unser Geheimrezept.

MusikBlog: Kommt es aber auch vor, dass mal zu viel Soloarbeit eingebracht wird?

Paul Smith: Tatsächlich erst vor kurzem! Es ist witzig, ich habe ein paar Songs für unser neues Album vorgeschlagen, die von den anderen abgelehnt wurden. Wir haben es zwar versucht und sie zusammen eingespielt, aber letztendlich hieß es dann „Nee, bring das mal lieber auf deiner Soloplatte!“ (lacht) Vielleicht werde ich nie wieder was für Maximo Park schreiben…

MusikBlog: Was?!

Paul Smith: Nein, nur ein Scherz! (lacht) Meistens werden die Songs aus einem verständlichen Grund abgelehnt. Wir sind alle Entscheidungsträger. Wenn Tom etwas im Studio anzweifelt, dann sagen wir nicht „Ach, das ist nur der Schlagzeuger!“, sondern wir hören es uns an. Er hat auch die Textzeile in unserem neuen Song „The Hero“ geschrieben, die es ganz gut zusammenfasst: “Sometimes you have to give in but you better not make a habit of it. Compromise is not a sin, but you better not make a habit of it.”

MusikBlog: Ein großer Pluspunkt, wenn in einer Band alle gleichberechtigt sind.

Paul Smith: Das ist aber auch das große Problem bei Maximo Park! Wir haben diesmal zum Beispiel zwar nur drei Wochen gebraucht, um das Album aufzunehmen, aber ganze eineinhalb Monate, um es zu mischen, weil keiner sich entscheiden konnte! Dann passt das nicht und das nicht, wie bei meinen Songs. Aber dadurch, dass ich sie trotzdem auf eine gewisse Weise veröffentlichen kann, bin ich relativ gelassen und nicht verbittert, wenn die anderen dagegen stimmen, weil es sich nicht nach uns anhört.

MusikBlog: Also stand der Sound schon immer fest?

Paul Smith: Für mich stand zumindest immer eines fest: Ich wollte nie einer dieser typischen Sänger einer Indie-Rock Band sein, die zu unseren Anfangszeiten in Newcastle rumgelaufen sind. Diese arroganten Leute, die dachten, sie wären Oasis und sich so aufführten! Ich komme von einem Background, bei dem Musik einfach Kunst ist, auch Pop-Musik. Ich liebe es, hohe Kunst in die scheinbar einfache Pop-Musik einzubauen. Als mich die Jungs fragten, ob ich einsteigen möchte, weil sie mich für einen guten Frontmann hielten, stand direkt fest: Wir wollen nicht das Klischee sein.

MusikBlog: Diese Entscheidung war anscheinend die richtige.

Paul Smith: Ja, wir hatten wirklich das Glück, dass unser erstes Album ganz ok angekommen ist, und dass wir bei WARP sind. Es gibt immerhin auch solche Bands, die vom Label fallen gelassen werden, weil sie nicht genug verkaufen. Wir hatten bei WARP aber vom ersten Kontakt an das Gefühl, dass es das Richtige für uns ist. Sie hatten zu der Zeit Bands wie Gravenhurst unter Vertrag, die vom Sound her total anders waren als die restlichen Künstler, die sie vertraten.

Das war das Zeichen für uns, dass Steve Beckett es ehrlich meinte, als er sagte „Ich habe Vertrauen in euch. Macht, was ihr möchtet.“ Ich glaube, aus diesem Grund haben wir relativ schnell das Bewusstsein entwickeln, dass es immer Leute geben wird, die unsere Musik vielleicht nicht mögen, aber dass wir das einfach nicht ändern können.

MusikBlog: Es ist immer gut, wenn man keine Zweifel hat…

Paul Smith: Um ehrlich zu sein, wir hatten schon einen Punkt, an dem wir gezweifelt haben. Ich glaube, es war beim dritten oder vierten Album, als wir plötzlich anfingen, Fragen zu stellen: Was für eine Band sind wir? Was wollen wir tun? Wie können wir uns abheben?

Die Band weiterzuentwickeln ist für uns sehr wichtig. Wir sind uns aber auch bewusst, dass die Menschen uns aus einem bestimmten Grund mögen. Wir sind anders, weil wir eben nicht diese typische Rock ‘n‘ Roll Band mit den ganzen Klischees und bluesartigen Riffs sind. Davon sollten wir uns nicht allzu sehr entfernen. Es sollte sich immer noch nach uns anhören.

Und genau um diese Zeit des dritten, vierten Albums wurde es uns klar. Wir können neue Sachen ausprobieren, aber bestimmte Aspekte unserer Musik sollten wir immer beibehalten. Wir bringen keine Alben raus, weil es unser Job ist, sondern weil wir an die Macht der Musik glauben. Die Macht, den Leuten ihren vielleicht bereits guten Tag noch besser zu machen.

MusikBlog: Ist das der Grund dafür, dass auf „Too Much Information“ Songs wie „Brain Cells“ oder „Leave This Island“ zu finden sind?

Paul Smith: Genau! Wir wollten uns mit diesem elektronischen Sound neu ausprobieren. Meine Stimme klang auch etwas anders. Obwohl die Leute vielleicht dachten „Sind das immer noch die gleichen Kerle?“, hatten wir definitiv das Gefühl, dass es sich noch nach uns angehört hat. Ich glaube schon, dass das letzte Album überzeugt hat. Aber ich bin auch zuversichtlich gegenüber der neuen Platte. Sie ist einfach viel selbstbewusster.

MusikBlog: In welcher Hinsicht?

Paul Smith: Zum Beispiel der politische Aspekt. Bisher haben wir eher versucht, unsere Texte mehrdeutig zu halten, damit sich die Zuhörer selbst ein Bild machen können. Beispielsweise „The National Health“ vom gleichnamigen Album. Der Song hat bestimmt nicht vom Gesundheitssystem gesprochen, wobei der Titel es impliziert.

Oder auch das Lied „Girls Who Play Guitar“, wenn man weiter zurückdenkt. Der Track war unsere Reaktion auf die Zeitungsartikel im ganzen Land, die Frauen angriffen, weil sie ausgingen. Wir wollten diese Frauen verteidigen, weil Männer zum Beispiel dafür gefeiert werden, dass sie weggehen und sich betrinken. Aber im Prinzip haben wir nur von Frauen gesungen, die Gitarre spielen. Das haben wir auf „Risk To Exist“ jetzt geändert, wir sprechen Sachen direkter aus, wie im Titeltrack.

MusikBlog: „What did we do to you to deserve this?”

Paul Smith: Richtig, es ist eine Anklage, ein Vorwurf. Wir sind ganz deutlich. Und so ist das gesamte Album aufgebaut. Wir thematisieren offen die Flüchtlingskrise. Immerhin können wir dem Ganzen nicht entfliehen. Es ist einfach nicht richtig, was dort passiert!

MusikBlog: „Es“?

Paul Smith: Die Geschichte hinter dem Song „Risk To Exist“. Ich war wirklich geschockt, als ich eine Reportage im Fernsehen gesehen habe, die über Flüchtlinge berichtete, die sich auf Boote begaben, die du nicht mal Boote nennen konntest. Diese Leute waren so verzweifelt, dass sie ihr Leben riskierten.

Und das Einzige, was bei uns in den Medien dazu gesagt wurde war: „Wir sollten diese Leute nicht retten. Es würde die anderen nur ermutigen zu kommen.“ Ernsthaft? Im Endeffekt haben sie damit gesagt „Wir lassen gerne Menschen sterben”, und das ist nicht richtig. Menschenleben sind kostbar, jedes einzelne! Ich habe direkt danach die Worte „Risk To Exist“ in mein Notizbuch geschrieben, weil ich es unbedingt thematisieren wollte.

MusikBlog: Euer Engagement geht aber noch weiter…

Paul Smith: Wir spenden alle Einnahmen aus der Single an MOAS – das ist eine Organisation, die genau diese Menschen rettet – weil wir keinen Profit aus dieser Story schlagen wollen. Wir wollen helfen, sind aber nur eine Pop-Band und können deshalb nicht rausgehen und Leben retten, weil wir nicht dafür ausgerüstet sind. Wenn Organisationen wie MOAS es aber tun, ist das eine sehr noble Geste und für uns selbstverständlich, dass wir helfen. Man muss sich wirklich die Frage stellen, wie es zu dieser fehlenden Menschlichkeit kommt.

MusikBlog: Ihr zweifelt mit solchen Themen die Regierung oder die Gesellschaftsstruktur an.

Paul Smith: Wir hatten bereits diese Zeiten, in denen es nicht erlaubt war Fragen zu stellen, besonders gegenüber der Regierung. Aber sind diese geschichtlichen Ereignisse gut geendet? Wir wollen mit unseren Fragen nicht den Frieden oder das Glück zerstören, sondern sicherstellen, dass die Menschen in Machtpositionen ihren Job richtig machen.

Im Endeffekt thematisieren wir nur Sachen, die wir lesen, sehen oder selbst miterleben. Wir sagen aber zum Beispiel nicht, dass Krieg schlecht ist oder dass die Regierung schlecht ist. Ersteres ist klar, sowas muss man nicht noch aussprechen. Und bezüglich der Regierung, glaube ich, dass Leute, die gewählt werden, um auf andere Menschen aufzupassen, im Prinzip keine bösen Absichten haben.

Aber es gibt nun mal schwarze Schafe da draußen. Wenn man es zulässt, dass rechtsorientierte Tendenzen zum Mainstream werden, dann passieren grausame Dinge. Wir sind alle Teil einer Globalisierung und können dem nicht entfliehen. Nur weil wir Probleme ignorieren, heißt es nicht, dass wir uns früher oder später nicht damit auseinandersetzen müssen.

MusikBlog: Wieso dann immer noch diese groovy, upbeat Melodien bei solch ernsten Themen?

Paul Smith: Aber genau das ist es doch! Wir stellen uns nicht hin und erzählen, wie die Welt zu sein hat. Wir nutzen nur unsere Stimme, um auf Sachen aufmerksam zu machen. Musik soll immer noch Spaß machen! Man kann sich die Songs anhören und darüber nachdenken oder man kann sie einfach genießen und dazu tanzen. Ich glaube, hätten wir so etwas in unseren Anfangszeiten probiert, wäre es nicht richtig geworden. Wir trauen es uns jetzt nur, weil wir schon so viel hinter uns haben und wissen, dass wir in dem Ganzen unterstützt werden.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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