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So trickse ich mich selbst aus – Ariel Pink im Interview

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Es ist kein Zufall, dass „Dedicated To Bobby Jameson“ mit einem Song über Wiedergeburt beginnt. Denn der Sänger Bobby Jameson, dem das neue Album von Ariel Pink gewidmet ist, meldete sich 2007 mit einem eigenen Blog zurück, nachdem die ganze Welt ihn bereits seit Jahrzehnten für tot hielt. Oder ihn ganz vergessen hatte.

In den Sechzigern galt der Sänger aus Los Angeles als der nächste große Star, wurde von seinem Manager Tony Alamo in einer großen Werbekampagne in Musikzeitschriften als „The Star Of The Century“ und „The World’s Next Phenomenon“ angepriesen. Nach nur einem Album, das nicht einmal unter seinem richtigen Namen erschien, war der Hype jedoch vorbei, sein Manager machte sich mit dem Geld aus dem Staub und gründete eine christliche Sekte. Bobby Jameson verschwand von der Bildfläche – bis er 2007 damit begann, seine kuriose Lebensgeschichte auf einem Blog zu erzählen.

Zu den Lesern dieses Blogs gehörte auch Ariel Pink, der von der Geschichte so ergriffen war, dass er den Nachfolger von „Pom Pom“ dem gescheiterten Sänger widmete und ihm so mit „Dedicated To Bobby Jameson“ ein Denkmal setzt. Wir sprachen mit dem Musiker aus Los Angeles über Parallelen zwischen seinem Leben und dem von Bobby Jameson, die vielen Kollaborationen mit anderen Musikern und darüber, wie er sich selbst beim Schreiben von Songtexten austrickst.

MusikBlog: Kanntest du seine Musik bereits, bevor Bobby Jameson 2007 begann, seine Lebensgeschichte auf seinem Blog zu erzählen?

Ariel Pink: Nein, ich lernte ihn und seine Musik erst durch seine Blogbeiträge kennen. Er hat parallel zu seinen Einträgen auch seine gesamte Musik nach und nach bei YouTube hochgeladen, man konnte zu jeder Phase seines Lebens also auch seine Musik aus dieser Zeit hören. Das erzeugte bei mir das Gefühl, dass ich hier eine völlig fremde Person plötzlich in ihrer Gesamtheit kennen lerne – also sowohl ihr Leben als auch ihre Musik.

MusikBlog: Seine Lebensgeschichte hat dich aber stärker inspiriert als seine Musik.

Ariel Pink: Das stimmt. Wenn man den Blog liest, merkt man sofort, dass dort kein professioneller Autor schreibt. Aber gerade deshalb klingt die Geschichte so erfrischend anders, weil hier jemand eine Geschichte erzählen muss, obwohl er eigentlich kein Autor ist. Und obwohl er sicherlich nie vorhatte, mal ein Buch oder eine solche Geschichte zu schreiben.

Er musste seine Geschichte erzählen, weil sie sonst für immer verloren gegangen wäre, weil niemand sonst sie erzählt hätte. Und danach ist er gestorben. Obwohl er eine Geschichte seines Scheiterns erzählt, ist dieser Blog ein letzter kleiner Triumph, weil Bobby seine Version der Geschichte noch vor seinem Tod erzählen konnte. Mich hat seine Lebensgeschichte aber auch deshalb mehr inspiriert als seine Musik, weil ich seinen Frust über die Musikindustrie sehr gut nachvollziehen kann und ich gewisse Parallelen zwischen seiner und meiner eigenen Geschichte erkennen kann.

MusikBlog: Wie sehen diese Parallelen aus?

Ariel Pink: Ich glaube, dass es nicht nur Parallelen zu meinem Leben gibt, sondern dass jeder das Dilemma von Jamesons Leben kennt. Wir werden unbekannt geboren und wir sterben irgendwann unbekannt. Vielleicht hatten wir dazwischen unsere 15 Minuten Ruhm, aber wahrscheinlich verenden wir irgendwann in irgendeinem Badezimmer – ohne Freunde oder irgendeine andere Person, die uns beisteht.

Deshalb träumen wir alle – vor allem in unsere Jugend – von Ruhm und Aufmerksamkeit. Doch diese Jagd nach Ruhm ist heimtückisch,  das kann man an Bobby Jamesons Geschichte sehr schön sehen. Er war sich sicher, dass er Talent hat, weil Menschen ihm versicherten, dass er Talent hat. Deshalb war er so überzeugt davon, dass er eines Tages ein Rockstar sein werde, und deshalb war es so hart für ihn, dass er nie die Person sein durfte, die er glaubte zu sein.

Und in gewisser Weise empfinde ich das auch so, dass ich nie die Person sein durfte, die ich eigentlich bin. Ich wollte nicht unbedingt berühmt sein, auch wenn ich als Schüler bereits davon geredet habe, aber ich wollte eine bestimmte Anerkennung erfahren. Und als ich diese Anerkennung erhielt, stand ich plötzlich da und wusste nicht mehr, wie es weitergehen soll. Plötzlich fehlte mir der Antrieb, um neue Songs schreiben zu können. Schließlich war mein Wunsch nach Anerkennung mein einziger Antrieb gewesen.

Ich musste lernen, auch aus anderen Gründen Songs zu schreiben, meine Inspiration aus anderen Quellen zu schöpfen. Und es hat geklappt, zumindest ab und zu fühle ich mich inspiriert genug, um neue Songs zu schreiben. Aber den größten Teil meiner Karriere verbringe ich damit, diesen Funken erneut zu entfachen, der mich einmal zur Musik gebracht hat. Denn ich möchte nicht einfach nur Musik machen, um damit mein Geld zu verdienen.

Aber genau so ist es, denn viele Dinge, die zu meinem Job gehören, machen mir keinen Spaß. Ich tue sie jedoch, weil ich damit mein Geld verdiene. Deshalb bin ich jedes Mal dankbar, wenn meine Inspiration für eine kurze Zeit zurückkehrt.

MusikBlog: Du hast gerade erwähnt, dass du nie berühmt sein wolltest, aber Bobby Jameson schreibt auf seinem Blog, dass sein Wunsch nach Berühmtheit seine stärkste Sucht gewesen sei – stärker als sein Alkoholismus und seine Rauschmittelsucht. Kannst du das nachvollziehen?

Ariel Pink: Ja, weil ich glaube, dass es egal ist, wonach du süchtig bist. Es können Drogen sein, aber es gibt auch Menschen, die süchtig nach Yoga sind. Und viele tauschen nur eine Sucht gegen eine andere, wenn sie ihre Abhängigkeit bekämpfen. Es gibt Menschen, die jeden Abend auf AA-Treffen erzählen müssen, dass sie keinen Alkohol mehr trinken, damit sie es nicht tun. Ich möchte damit nicht die Anonymen Alkoholiker diskreditieren, aber in gewisser Weise tauschen Menschen dabei eine Suchte gegen eine andere.

Deshalb kann jeder Jamesons Geschichte nachvollziehen, der schon einmal süchtig war. Das Besondere an Jamesons Geschichte ist aber, dass hier ein Mensch, den alle schon für tot hielten, am Ende seines Lebens geschafft hat, aus seinem alten Leben auszusteigen, mit seiner Jagd nach Erfolg abzuschließen. Er führte ein ganz normales Leben, besiegte seine Süchte, ging zur Arbeit und niemand auf seiner Arbeit wusste, dass er einmal beinahe ein Star war. Und niemand, der ihn von früher kannte, wusste, dass er noch am Leben war.

MusikBlog: Hast du schon bei der ersten Lektüre des Blogs entschieden, dass du dein nächstes Album Bobby Jameson widmen und es auch „Dedicated To Bobby Jameson“ nennen wirst?

Ariel Pink: Als ich seine Geschichte zum ersten Mal las, wusste ich schon, dass Bobby Jamesons Geschichte in irgendeiner Form mein nächstes Album beeinflussen wird, weil mich seine Biographie sehr berührt hat. Während der Arbeit an dem Album habe ich die Idee dann aber wieder verworfen, allerdings fiel mir kein besserer Titel ein.

Das ist auch der Grund, warum ein Song des Albums ebenfalls so heißt, obwohl es darin nicht wirklich um Bobby Jameson geht und er auch nicht erwähnt wird. Mir fiel einfach kein besserer Songtitel ein. Während der ersten Interviews zu diesem Album erkannte ich, dass ich das Album unbewusst so genannt habe, damit ich in Interviews mehr über Bobby Jameson und weniger über mich selbst sprechen kann. Ich bin nämlich eine sehr normale und langweilige Person, über die es nicht viel zu erzählen gibt. Schenkt mir keine Aufmerksamkeit.

MusikBlog: Wenn ich „Dedicated To Bobby Jameson“ mit deinem letzten Album vergleiche, wirkt der Ton auf deinem neuen Album ernster als auf „Pom Pom“. Siehst du das auch so?

Ariel Pink: Überhaupt nicht. Ich nehme meine Musik immer ernst und ich versuche nie, witzig zu klingen. Deshalb steckt in meinem letzten Album genau so wenig Humor wie in meinem neuen. Vielleicht denken Leute immer wieder, dass meine Musik lustig wäre, weil ich sie sogar ein wenig zu ernst nehme.

MusikBlog: Zusammen mit Weyes Blood hast du in diesem Jahr bereits die EP „Myths 002“ veröffentlicht. Entstanden die vier Songs der EP zur selben Zeit wie „Dedicated To Bobby Jameson“?

Ariel Pink: Die vier Songs für die EP entstanden in gerade einmal vier Tagen. Mein Label hatte die Idee, mich mit Weyes Blood (Natalie Mering) in ein Studio zu schicken, damit wir in vier Tagen ein paar Songs zusammen aufnehmen. Ich kannte Natalie bereits, weil sie an einem meiner früheren Alben mitgewirkt hatte. Deshalb sagte ich zu. Ich fand die Idee des Labels zwar bescheuert, uns nur so ein kurzes Zeitfenster zur Verfügung zu stellen und uns in ein Studio mitten im Nirgendwo einzusperren, aber im Endeffekt hat es gut funktioniert.

Den größten Teil meines neuen Albums habe ich dagegen in einem Monat geschrieben und aufgenommen. Anschließend habe ich vermutlich noch einmal sechs oder sieben Monate an den Feinheiten gearbeitet, manche Songs aufpoliert, andere ein wenig umgebaut. Aber der Großteil des Albums entstand sehr schnell, in einer sehr kurzen Zeitspanne.

Denn wie ich zu Beginn des Gesprächs schon einmal gesagt habe, fühle ich mich nicht mehr so häufig inspiriert genug, um zu schreiben. Ich spüre nicht mehr den Drang in mir, jeden Tag einen neuen Song zu schreiben. Ich kann mittlerweile warten, bis sich der Moment richtig anfühlt. Wenn mein Label sich entschlossen hätte, dieses Album nicht zu veröffentlichen, wäre ich auch glücklich gewesen. Da ist nicht mehr dieses Gefühl in mir, dass meine Songs unbedingt raus in die Welt müssen.

MusikBlog: Du hast in den letzten Jahren nicht nur mit Weyes Blood, sondern auch mit Miley Cyrus, Dâm-Funk, Theophilus London, Drugdealer und vielen weiteren Künstlern zusammengearbeitet. Reizen dich Kollaborationen heute mehr als früher?

Ariel Pink: Nein, aber in den ersten Jahren meiner Karriere waren nur wenige Musiker interessiert daran, mit mir zusammen Musik zu machen. Es ist also genau umgekehrt. Ich wollte schon immer mit anderen Künstlern kollaborieren, aber erst in den letzten Jahren sind auch viele andere Musiker bereit dazu. Es macht mich sehr glücklich, dass heute so viele talentierte Menschen meine Arbeit schätzen und deshalb mit mir zusammenarbeiten möchten.

Wenn Menschen, die ich bewundere, meine Musik mögen, geben sie mir damit das Gefühl, dass das, was ich mache, wirklich hörenswert ist. Auch bei diesem Album haben wieder zahllose Menschen mitgewirkt und selbst, wenn ihr Beitrag nicht auf der finalen Version des Albums zu hören ist, habe ich jeden einzelnen Namen in den Liner Notes aufgelistet, weil sie trotzdem ihren Beitrag zum Album geleistet haben.

MusikBlog: Einige Songs auf „Dedicated To Bobby Jameson“ setzen sich aus vielen sehr unterschiedlichen Elementen zusammen, klingen deshalb beinahe wie eine Collage – zum Beispiel der Song „Time To Live“.

Ariel Pink: Aber dennoch ist der Song ja komplett live eingespielt, basiert wie alle anderen Songs auf dem Album nicht auf Samples. Deshalb kann man nicht von einer Collage sprechen.

MusikBlog: Ich meinte damit, dass der Song klingt, als hättest du ihn beim Schreiben aus sehr unterschiedlichen, kleinen Ideen zusammengesetzt – ähnlich wie eine Collage aus kleinen Schnipsel zusammengefügt wird.

Ariel Pink: Mir wird häufig erzählt, dass meine Musik so klingt, als würde man mit einem Radio zwischen verschiedenen Sendern hin und her springen. Dass ich also sehr schnell und abrupt das Genre wechsle. Das Gleiche beschreibst du ja auch, wenn du den Song als Collage bezeichnest. Aber ich kann das nie wirklich nachvollziehen, weil ich nicht in solchen Kategorien oder Genres denke. Selbstverständlich gefallen mir unterschiedliche Genres und deshalb bewege ich mich als Künstler auch nicht nur in einem Genre. Aber ich denke während des Schreibens nie über Genres nach. Das überlasse ich lieber anderen Menschen.

MusikBlog: Aber würdest du zumindest zustimmen, dass Songs bei dir nicht aus Strophen und einem Chorus bestehen, sondern aus vielen sehr unterschiedlichen Elementen?

Ariel Pink: Das stimmt auf jeden Fall. Ein Song setzt sich bei mir meist aus sehr vielen einzelnen Parts zusammen, die irgendeine Verbindung haben. Auf den ersten Blick könnte man sie für verschiedene Songs halten, aber sie gehören doch zusammen. Wenn ich einen Song schreibe, habe ich zunächst nur diese kleinen Einzelteile, mit denen ich dann herumexperimentiere. Es ist wie beim Spielen mit Lego-Bausteinen. Manchmal dauert es sehr lange, bis ich herausfinde, was die einzelnen Teile zusammenhält. Aber wenn ich das geschafft habe, fügt sich alles zu einem Song. Der letzte Schritt besteht dann darin, dass ich mir in allerletzter Minute die Lyrics ausdenke und sie darüber singe. Dann ist der Song fertig.

MusikBlog: Sind die Songtexte also für dich der unwichtigste Teil deiner Musik?

Ariel Pink: Nein, aber der Teil meiner Musik, der mir am schwersten fällt. Deshalb zögere ich diesen Teil der Arbeit immer bis zur letzten Sekunde hinaus. Erst wenn alle Songs geschrieben und auch bereits aufgenommen sind, setze ich mich hin und schreibe die Lyrics. So habe ich dann auch keine Zeit, lange über meine Texte nachzudenken. Wenn ich die Texte allerdings als erstes schreiben würde, hätte ich bis zur Aufnahme bestimmt den größten Teil bereits verworfen. So trickse ich mich selbst aus, indem ich mir gar keine Zeit lasse, um meine Texte noch einmal zu überdenken.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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