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Anna Calvi – Hunter

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Rot bedeutet für Anna Calvi „Fleisch, Blut und Gefahr“. Bei ihr immer schon als grundständiges Element von Make-up und Kleidung präsent, dominierte diese Farbe das Vorab-Videos von „Don’t Beat The Girl Out Of My Boy“, illustriert das Album-Cover, findet sich außerdem in den Zeilen des Titeltracks und steht sinnbildlich für ein aufreibendes Gefühlsleben zwischen den Polen.

Nach der Tour zu „One Breath“, ihrem 2013 veröffentlichten letzten Longplayer, begann für Anna Calvi eine Zeit des privaten Umbruchs. Das Ende einer Beziehung, der Beginn einer neuen, Besinnung im Straßburger Exil, dem stillen Rückzugsort, wo sie unerkannt Gedanken nachgehen konnte.

Fünf Jahre lang entwickelte die Ausnahmekünstlerin das neue Album, welches die Entschlossenheit der beiden Vorgänger in Sachen Musik und Lebensmodell-Vertonung noch konsequenter formuliert, dabei der Antipathie gegenüber dem Jagen nach Geschlechteridentität freien Lauf lässt.

Von „As A Man“ bis zum Umgang mit dem XY-Chromosom belegten „Alpha“-Begriff im gleichnamigen Song, sucht die Engländerin auf „Hunter“ ihren Platz inner- und außerhalb von feminin und maskulin. Jenen Platz, an dem sie sich abseits aller Gender-Theorien zu Hause fühlt.

Die Andersartigkeit ihrer Musik kann so roh klingen, wie sie in der Lage ist, zu sedieren. Mit viel Gespür für große Dramen wird Pop-Taugliches mit Sperrigem kombiniert, wechseln ruppige Passagen mit melodiösen Abschnitten, greift die Saitensäge schwelgerische Synthies oder satte Orchestrierungen an.

Über das Album hinweg ist nie sicher, welche Akkord-Attacke hinter der nächsten Track-Ecke lauert. Unterlegt ist das selbstbewusste Auftreten beständig mit einem melancholischer Unterton.

An manchen Stellen geraten die Arrangements spartanisch, woanders so, als wären Arcade Fire mit voller Familienstärke angetreten. „Swimming Pool“ plätschert so sanft vor sich hin wie „Indies Or Paradise“ vor Kraft strotzt.

Anna Calvis Musik bleibt fordernd, provoziert mit Disharmonien und Frank-Zappa-Ausbrüchen, wobei ihr Gitarrenspiel einmal mehr unterstreicht, dass die studierte Violinistin auf diesem Instrument handwerklich über jeden Zweifel erhaben ist.

Übergreifend beeindruckt wieder ihre markante Stimme, die vom fiebrigen Flüstern bis zum opernhaus-tauglichen Volumen variiert, es aber auch schafft, Zerbrechlichkeit physisch spürbar zu machen.

Episch, kraftvoll, verletzlich, widersprüchlich. Ein Album so außergewöhnlich wie seine Urheberin.

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