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Reeperbahn Festival 2019

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Und schon wieder ein Jahr vorbei, der Kiez rund um die Reeperbahn erblüht in musikalischem Treben für das Reeperbahn Festival 2019.

Das Festival Village dank Baustelle am Heiligengeistfeld recht weit weg, schon fast beim Bunker. Etwas reduzierter als letztes Jahr, ein paar Ausstellungen rund um die Fritz! Bühne.

Mittwoch, 18. September

Spielbudenplatz, gewohntes Bild. Minimal umsortiert, aber sonst alles wie gehabt. Amilli schon am Nachmittag im N-JOY Reeperbus. Wider die Kälte unscheinbar in grauen Mantel gewickelt. Gar nicht unscheinbar die Stimme. Keine Frage, warum sie im Programm der Wunderkinder gefördert und exportiert wird.

Bazookas wieder in der Mitte des Geschehens. Der Bus wackelt, was die Federn hergeben. Die Schlange für American Authors schon am späten Nachmittag so lang wie letztes Jahr für Muse.

Mathea im Häkken. Der halbe Club voll mit Gästen vom vorhergehenden Empfang. Rücksichtslos, desinteressiert laut bis zum Ende. Währenddessen stehen unten Leute in der Kälte Schlange, die den Gig gerne sehen würden. Optimierungspotential für die Organisation.

Die junge, raketengleich aufsteigende Wahl-Wienerin erobert die Bühne trotzdem in Sekunden. Direkt, glaubwürdig, persönlich, mitreißend.

So singt, schreit, rappt sie ihren modernen Coming-Of-Age-Pop druckvoll ins Publikum. Die ganze Spirale der Beziehungswelt, einmal rauf und wieder runter. Wir werden das letzte Mal für die kommenden Tage rosa auf der Bühne sehen.

Im Molotow danach schon alles rappelvoll. Fast ein Festival im Festival. Mattiel trotzt der Temperatur in dicker Daunenjacke im platzenden Backyard.

Wien ganz anders. Culk. Nicht viel älter als Mathea, aber unterschiedlicher geht es kaum. In der Mitte Sophie Löw ganz in weiß. Lebensbejahende Optik im Gegensatz zum Sound.

Ihre in Sound gepackten Gedichte thematisieren Geschlechterrollen, Machtverhältnisse, Machtmissbrauch. Eindringlich, komplex, nachdenklich. Alle Stücke ihres genialen Debütalbums, ergänzt um drei weitere. Zwei davon taufrisch und noch nicht abgeschliffen.

Neben dem Gesang beherrscht Sophie alles. Ihr Keyboard, die Gitarre und vor allem das Publikum. Von dunklen Drownes hin zum ekstatischen Noise-Gewitter von „Velvet Morning“. Mindestens genauso fesselnd wie die Platte.

Während AYO im Sommersalon angenehm tanzbaren Pop mit trance-artingen Einschlägen liefert, transportieren Jealous ihr Equipment in Windeseile vom Molotow in die Hanseplatte. Drei genial wahnsinnige Damen. Vom überfüllten Backyard in den kleinen Laden zwischen Klamotten und Schallplatten-Regalen.

Wenig Platz, kaum Licht, kaum PA. Empfinden sie das als Abstieg – man merkt ihnen nichts an. Schwarz geschminkt und rüpelig geben sie alles. Arrhythmisch komplexer Garagen-Psychedelic-Noise-Punk. Mit zufriedenem Piepen im Ohr beenden sie den ersten Tag mit fulminanter Gewalt.

Donnerstag, 19. September

Julielle im Sommersalon. Heller Sonnenschein fällt durch die großen Fenster. Helle Stimme schwebt auf der Bühne. Leicht getragen über rollenden Elektro-Beats. Anspruchsvoller Elektro-Indie mit Band. Mit knackigem Drum- und Piano-Solo zeigen alle, dass sie was zu Sagen haben. Julielle selber erträgt das lange instrumentale Ende im Schneidersitz.

Drahla im Nochtspeicher. Die breite Bühne bietet genug Raum zur Entfaltung. Leichte Distortions/Verzerrungen wabern durch den kaum beleuchteten Nebel. Die braven Zöpfchen von Luciel Brown täuschen nur kurz.

Krasser Gegensatz zu den Klängen/Geräuschen, die sie ihrer Gitarre entlockt. Eine wahre Erweiterung des Spektrums dieses Instruments. Die Drums eine hochkomplexe Maschine, ein Fels im Zentrum der akustischen Choreografie. Der Bass übernimmt oft den Rhythmus-Lead. Das Saxophon haben sie leider zuhause gelassen.

Mit allem verschwimmt die wenig modulierte Stimme von Luciel, wird Teil davon. Stoische Ernsthaftigkeit, kein Raum für gezeigte Emotion. Highlight des Tages. Ihre Nominierung für den Anchor Award ist kein Wunder.

Shortparis in den geweihten Hallen des Indra. Zwei energetisch verrückte Russen mit lockeren Hüften samt Band. Harte Elektro-Beats mischen sich mit orientalischen Sounds. Tribal Beats meets Techno. Faszinierend welch traditionellen Klänge man mit einem E-Bass erzeugen kann.

Sänger Nikolay immer in Bewegung, professioneller Tänzer mit Multibegabung und tiefem Charisma. Mitreißend, explosiv, ausufernd. Der Saal tobt. Putin wird kein Fan sein. Und das ist gut so.

Kontrastprogramm. Gleicher Raum, neues Konzept. Wechsel von Avantgarde zu Tradition. Black Mirrors aus Brüssel. Rock wie Rock nur sein kann, leichter Einschlag von Blues. Perfektioniert live in Szene gesetzt. Frontfrau Marcella Di Troia immer in Bewegung. Tanzen, Anfeuern und immer am Abklatschen mit dem Publikum.

Freitag, 20. September

Punk zum Frühstück? Der Körper noch in Stimmung nach Rührei. Die Schlange vor dem Molotow schon um 12:30 Uhr endlos. Mid City rocken im Backyard und untermalen die Wartezeit.

„Separate Houses“ schlägt ein. Opener von Press Club. Der Club platzt aus allen Nähten. Frühstück ist vorbei, schlagartig 1:00 Uhr nachts. Frontfrau Nat Foster, nur auf den ersten Blick unscheinbar, schont sich nicht. Die Bühnenverletzung aus München ignoriert sie einfach. 45 kg pure wirbelnde Energie. Keine Sekunde still.

Zu Stücken beider Platten springt sie, wirbelt über die Bühne und durchs Publikum, wälzt sich am Boden, räkelt sich, schmiegt sich über die Monitore. Immer fliegen die langen Haare. Das Publikum wird Teil der Show. Blickstarr-Contest, aus 10 Zentimeter Entfernung.

Nicht wenige gestandene Männer wirken eingeschüchtert. So straight der Garagen-Punk auch ist, die melodischen Stellen bleiben live erhalten. Publikum durchgeschwitzt und glücklich. So gelungen enden andere Abende. Jetzt ist es noch nicht mal 14:00 Uhr.

Ali Barter danach sorgt für etwas Beruhigung. Rockiger Pop, oder poppiger Rock? Ein Touch Nina Nastasia in der Stimme sorgt sie für gute Stimmung ohne Aufregung.

Das Aussie BBQ im Molotow mit den vier Bühnen entwickelt sich zum gut besuchten Festival im Festival. Bereits 15:30 Uhr erster Einlass-Stop.

Auch ohne Sonne blubbert der Trubel auf dem Spielbudenplatz. Gemütliches Beisammensein, regelmäßiges musikalisches Intermezzo auf den beiden kleinen Bühnen.

Szenenwechsel in die Elbphilharmonie. Anna Ternheim plus Piano und Drums trifft auf das Kaiser Quartett. Eine einmalige Angelegenheit für das Festival. Dass sie noch nicht zusammen gespielt haben glaubt man nicht.

Schon der Opener der neuen Platte „This Is The One“ kommt mit unglaublicher Tiefe. Anna hat recht – die vier Streicher (Cello, Viola, zwei Violinen) sind wahre Genies. Sie füllen den Raum mit Volumen, dann wieder treiben sie abgehackt nach vorne.

„Every Time We Fall“ kommt in ganz anderem Gewand als die Aufnahme. Alles viel tiefer, düsterer, ernsthafter. Am intensivsten Annas Stimme und die Streicher alleine. Zutiefst berührtes Publikum, stehende Ovationen ohne Ende.

Raus aus dem Licht, wieder rein in den dunklen Trubel. The Hormones im Nochtspeicher. Vier jungen Chinesinnen aus Chengdu. Dumpf rollende Rhythmus-Sektion schiebt in bester Post-Punk Manier los. Darüber esoterisch anmutende Synthie-Töne und Glöckchen.

Umso mehr Druck sie nachlegen, umso mehr verschmelzen die Kulturen zu einer Einheit. Es wird zunehmend elektronisch poppiger. Der zugrundeliegende Punk geht nie verloren. Unklar, wem man den Anchor Award mehr wünscht – den vier Mädels oder Drahla. Peaches in der ersten Reihe scheint eine klare Meinung zu haben.

Währenddessen Lisa Morgenstern in der Elphi. Zusammen mit dem bulgarischen Frauen-Chor aus Berlin. Eine Aufführung und eine Atmosphäre die ihresgleichen sucht. Tränen der Rührung überwältigen sie mehr als nur einmal.

Deichkind geben am Millerntor-Stadion ihr Überraschungskonzert, das im Laufe des Tages bereits mehrfach angeteasert wurde. Songs vom nächste Woche erscheinenden, neuen Album „Wer Sagt Denn Das?“  werden im Rahmen einer turbulenten Show mit Luftschlangen, schwenkender Fahne und Konfetti – natürlich alles in Weiß – mit frühen Hits wie „Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)“ kombiniert.

Samstag, 21. September

Der Sommer ist wieder ausgebrochen. Gefühlte 30 Grad in der Sonne, die Stimmung entsprechend ausgelassen. Spritz dominiert das Bild. Perfekt, um dem Festival Village einen Besuch abzustatten.

Velvet Volume auf der Fritz! Bühne in strahlender Sonne. Mehr funkeln kann das Oberteil der Bassistin nicht. Die drei Schwestern aus Dänemark liefern soliden modernen Rock. Ein Hauch Garage. Bass und Drums auf den Punkt.

Einzig die hohen Gesangseinlagen brechen aus der Harmonie aus. Die rhythmischen Gesangspassagen passen besser. Böse gucken klappt nicht mit zwei großen roten Herzen auf den Wangen.

Raus aus der Sonne ins tiefe Dunkel. Havarii im Kaiserkeller. Drei Rücken zum Publikum, eine Wand aus Schall. Krachiger Punk – Core mit Metall Attitüde aus Hamburg. Das ist keine Schülerband mehr. Ausgewachsene monochrome Emotion in Schalldruck verpackt.

Mareike an Bass und Mikro. Sie schreit einen an die Rückwand des Raumes. Wechselnd mit nahezu poetischem Sprechgesang. Monolog auf Soundteppich. Co-Sänger Fabian wirkt dagegen fast schmeichlerisch. Schreikontest ohne Micro im Wechselspiel mit dem Publikum.

Das geht unter die Haut. Leider verliert sich etwas Komplexität in der immensen Lautstärke. Und das nächste Mal bitte in einer dankbareren Location.

Währenddessen neigt sich die ANCHOR Award Show dem verspäteten Ende. Neben Drahla und The Hormones waren außerdem Alyona Alyona, ein ukrainischer Hip-Hop-Act, Celeste aus UK, die holländischen Feng Suave sowie Moyka aus Norwegen nominiert. The Hormones nutzen die Gelegenheit, um nochmals einen beeindruckenden Auftritt hinzulegen, der sich minütlich steigert.

Die Jury, diesmal – neben Konstante Tony Visconti – bestehend aus Peaches, Kate Nash, Zan Rowe, Bob Rock und Beatsteaks-Frontmann Arnim Teutoburg-Weiss, und als The Jury Duty auch einen – vermutlich am Vorabend in der Kneipe – selbst geschriebenen Song zum Auftakt performend, entscheidet sich dann für Alyona Alyona.

Die diesmal häppchenlose (gab es nur vorher) Afterparty wird dann vorzeitig durch einen vom Gastgeber verhängten Ausschankschluss gestoppt, woraufhin die Gäste fluchtartig das St. Pauli Theater verlassen.

Die nutzloseste Info über die RBF App: „Bitte plant den ganzen Abend Wartezeit @ MOLOTOW ein!“ Ach, wirklich? Immerhin bringen die Jungs von Astra Bier an die Schlange.

Maffai aus Nürnberg. Die Molotow Skybar platzt aus allen Nähten. Knackiger Post-Punk mit einer gehörigen Portion Wut. Die Bassline schiebt die schnarrende Gitarre von tief unten an die Oberfläche. Der Gesang pointiert und direkt:

„Das Leiden anderer Menschen machst du dir zu Eigen. Machst keinen Finger krumm, benutzt ihn nur zum Zeigen. … Unzufriedenheit für dich ein Statussymbol“. Klare Aussagen in tolle Musik gepackt. Die Stimmung könnte nicht besser sein. Still stehen ist unmöglich. Der Schweiß tropft von der Decke. Das Gefühl danach wie nach einem Turbostaat-Konzert, nur ohne blaue Flecken.

Ein herzergreifender Dagobert öffnet das kleine Terrace Hill für die großen Gefühle. Auch anfängliche, kleine Pannen („drei!“), die er mit einem harmlosen Vampir-Witz und einem politisch inkorrekten Italiener-Witz überbrückt, halten ihn nicht davon ab, sich per Crowdsurfing von den Fans durch den Saal tragen zu lassen.

Maximaler Szenewechsel. St. Pauli Kirche, so rough wie das Viertel einmal war und für manche immer noch ist. Kaum Schnickschnack, grober Holzboden wie in einer Lagerhalle, einfache Stühle.

Barbara Morgenstern wird das Publikum „unschuldig verwüsten“. Ein Zentrum guter Laune am Klavier. Unterlegt von leichten Beats aus der Elektronik. Komplettiert von einem Tenor-Saxophon.

Beeindruckend tiefes Brummen. So tief wie die Schiffshörner 100 Meter weiter auf der Elbe. Selbst nach vier Tagen voller Bandbreite ziehen die beiden das Publikum in den Bann. Am hypnotischsten entfaltet sich die Musik in den Passagen ohne Gesang.

Efterklang in der Elphi zum Festivalabschluss im perfekt passenden Ambiente. Während das neue Album etwas soft geraten ist, beeindruckt Casper Clausen das Publikum mit seinem Gesang, während er durch die Gänge des Raum-Akustik-Wunders läuft, und bringt die Zuschauer zum Mitsingen, was in diesen Räumen eine besondere Wirkung entfaltet.

Mit einer langen Zugabe, bestehend aus alten Songs, beenden Efterklang nach 1,5 Stunden den Auftritt und das diesjährige Reeperbahn Festival.

Schade, dass es sowas wie die Keychange Initiative geben muss. Vier Tage, 18 Konzerte. Bandbreite von jugendlichem Pop bis Ultra-Noise. Fast alles dominiert von starken Frauen. Nicht geplant, einfach weil sie verdammt gut sind.

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