Irgendwie hatten wir einen anderen Plan – Dry Cleaning im Interview

Auf der Suche nach dem nächsten großen Post-Punk-Ding richten sich derzeit alle Blicke auf eine junge Band aus dem Süden Londons. Dry Cleaning sorgten bereits Anfang 2020 für viel Aufsehen in der Szene. “Dank” Corona mussten Sängerin Florence und ihre drei Mitstreiter aber wie alle anderen Bands auch erst einmal kräftig auf die Bremse treten. So richtig stillsitzen konnte das Quartett aber nicht. Und so entstand während der Zeit des Wartens, des Hoffens und des Bangens das heißersehnte Debütalbum namens “New Long Leg“. Wir trafen uns mit Frontfrau Florence und Bassist Lewis zum Interview und plauderten über musikalische Geschmacksunterschiede, konzeptloses Arbeiten und John Parish.

MusikBlog: Florence und Lewis, die Produktion eines Debütalbums ist schon unter normalen Umständen eine große Herausforderung. Ihr hattet jetzt auch noch mit den Umständen einer weltweiten Pandemie zu kämpfen. Wie hoch war die Hürde?

Florence: Natürlich hätten wir uns lieber unter normalen Bedingungen in die Arbeit gestürzt. Aber im Vergleich zu anderen jungen Bands hatten wir es noch ganz gut. Zu dem Zeitpunkt standen wir als Band eigentlich schon auf einem sehr soliden Fundament. Wir wussten, wie es live zugeht und auch, mit wem wir in Zukunft gerne arbeiten wollen. Da war also schon eine gute Basis vorhanden.

Lewis: Die Songs für das Album hatten wir zu der Zeit auch alle schon als Demos im Kasten. Wir waren also ziemlich gut aufgestellt. Ich denke mal, wenn das Ganze sechs Monate vorher passiert wäre, hätten wir wesentlich mehr Probleme gehabt.

MusikBlog: Welche Erinnerungen habt ihr an die Zeit, in der euch bewusst wurde, was da auf euch und die ganze Welt zukommt?

Lewis: Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich die ersten beiden Lockdown-Wochen ziemlich genossen habe. Wir hatten vorher viel Arbeit auf dem Tisch. Da tat mir die unfreiwillige Pause eigentlich ganz gut. (lacht)

Florence: Ich weiß noch, dass ich das alles extrem surreal fand. Auch heute noch ist das alles unheimlich schwer zu begreifen. Ich meine, wir haben ziemlich genau vor einem Jahr unseren letzten Gig in London gespielt. Das muss man sich mal vorstellen. Irgendwie hatten wir einen anderen Plan für das letzte Jahr.

MusikBlog: Der eigentliche Plan wurde dann von einem anderen ersetzt, der letztlich in der Produktion eures Debütalbums “New Long Leg” mündete. Ihr habt das Album nach einem Song benannt. Warum?

Florence: Das ist schwierig zu sagen. Es gab viele Optionen, viele Titel und viele unterschiedliche Wörter und Wortspiele. Letztlich bringt der Song irgendwie alles mit, was uns musikalisch wichtig war. Der Song klingt im Vergleich zu den alten EP-Songs wie ein nahtloser Übergang. Auf der anderen Seite ist da aber auch eine Weiterentwicklung rauszuhören.

MusikBlog: Auch, wenn sich das Fundament eures Sounds klar an der Basis von Post-Punk und Indie-Rock orientiert, hören wir auch immer wieder Elemente raus, die soundtechnisch ausscheren.

Florence: Ja, wir sind da sehr offen.

Lewis: Ich denke, das liegt einfach auch an unseren unterschiedlichen Geschmäckern. Wenn wir auf Tour sind, schicken wir uns immer unsere aktuellen Playlisten gegenseitig zu. So ist jeder von uns immer auf dem Laufenden, was den anderen gerade musikalisch fesselt. Vieles davon bleibt dann irgendwo im Hinterkopf.

MusikBlog: Im Gegensatz zur Musik stehen wir bei den Texten manchmal vor einem großen Fragezeichen. Verständlich?

Florence: (lacht) Ja, das kann ich gut verstehen. Ich habe nie einen Masterplan in der Tasche, wenn es um Songtexte geht. Das ist am Ende eher ein Spiel mit Wörtern als ein systematisches Bearbeiten von bestimmten Themen. Ich bin jemand, der viel Freude dabei hat, anderen Menschen zuzuhören. Da ziehe ich viel für mich raus. Und so kommt dann textlich meist eins zum anderen.

MusikBlog: Ist das Texteschreiben eine Herausforderung für dich?

Florence: Eigentlich nicht. Ich glaube, ich hätte sehr, sehr große Schwierigkeiten, wenn ich einen ganz normalen Lovesong schreiben müsste. Das wäre unheimlich herausfordernd für mich. Die Art und Weise, wie ich schreibe, kommt aus meinem Inneren. Das macht es eigentlich sehr einfach für mich.

MusikBlog: Mit John Parish (PJ Harvey) habt ihr einen erfahrenen und erfolgreichen Produzenten für euch gewinnen können. Wie lief die Zusammenarbeit?

Lewis: John war wirklich ein Glücksfall für uns. Wir hatten nie das Gefühl, dass es für ihn einfach nur ein weiterer Job war. Er war von Beginn an total involviert und mit genauso viel Begeisterung bei der Sache wie wir. Er nimmt sich unheimlich viel Zeit für seine Projekte. Das war schon ziemlich beeindruckend.

MusikBlog: Würdet ihr euch als eine Band bezeichnen, die genau weiß, was sie will?

Lewis: Ich denke, dass wir diesbezüglich sehr entspannt aufgestellt sind. Wir machen uns keinen Druck. Wenn wir beispielsweise neue Songs angehen, dann folgen wir da keinem Konzept. Es ist bei uns nicht so, dass einer aus der Band mit klaren Vorstellungen die Richtung vorgibt, und die anderen folgen dann nur noch. Bei uns entsteht immer alles aus dem Moment heraus. Wir spielen immer einfach drauf los. Eigentlich sind wir eine klassische Jam-Band. Und wenn uns bei den Proben Passagen besonders gut gefallen, dann halten wir sie einfach fest. So entstehen immer wieder kürzere oder auch mal längere Demos, die wir dann immer weiter bearbeiten.

MusikBlog: Wenn ihr heute zurückblickt: Erinnert ihr euch noch an einen ganz bestimmten Kickstart-Moment?

Lewis: Da gab es viele, denke ich. Es gab vor allem Konzerte, die viel verändert haben. Ich kann mich noch an eine Show in Manchester erinnern. Ich habe keine Details mehr auf dem Schirm. Aber ich weiß noch, dass mich die ganze Atmosphäre unheimlich beeindruckt hat. Was auch noch sehr krass war, war der Moment, als uns unser jetziger Presseagent in Amerika im Internet entdeckt hat. Wir hatten gerade unsere ersten Songs online. Und dann bekommt man plötzlich Post von Leuten aus den entferntesten Ecken der Welt. Das war schon ziemlich heftig.

MusikBlog: Wie geht es jetzt weiter für euch? Habt ihr neben der Album-Promo bereits neue Pläne?

Florence: Wir werden weiter an neuen Songs arbeiten. Wir haben noch viele unbearbeitete Demos rumzuliegen. Ich denke, dass das gerade am meisten Sinn macht. Irgendwann werden wir dann hoffentlich auch wieder Konzerte spielen können. Wir lassen die Dinge einfach auf uns zukommen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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