Will Stratton – The Changing Wilderness

Genau so wenig wie es überrascht, dass Sufjan Stevens neben Singer/Songwriter-Kleinoden, auch elektronische Endzeitszenarien oder instrumentale Soundexperimente, die 49 Tracks umfassen, raushaut, verwundert es, dass Will Stratton genau das nicht tut.

Wegen seinen zarten Balladen vielfach mit Stevens verglichen, besinnt Stratton sich auch auf „The Changing Wilderness“ auf seine Kernkompetenz: perfekt ausinstrumentiertes Singer/Songwritertum.

Und doch ist eine Sache anders auf dem mittlerweile siebten Studioalbum des gebürtigen Kaliforniers: Statt der Introspektive richtet Stratton seinen Blick nach außen und singt mit ruhigster Stimme über das Chaos, das derzeit in vielen Teilen die Welt regiert.

Wenn man sich vor Augen führt, was sich seit dem 2017 erschienenen „Rosewood Almanac“ in dieser Hinsicht alles abgespielt hat, stellt man schnell fest, dass es an Input nicht mangelt:

Klimawandel, Trumps Präsidentschaft, aufkeimender Rechtsextremismus inklusive Skandale zum Thema Polizeigewalt; die Liste könnte weitergehen. Ach und nicht zuletzt wäre da dann ja auch noch eine globale Pandemie.

Stratton spricht auf „The Changing Wilderness“ alle diese Themen an und zwar in der besten Manier: Vielmehr als Antworten auf zu diktieren oder den so typischen Zeigefinger zu erheben, stellt er die richtigen Fragen und verpackt sie in sezierende Lyrics, die sich als Gedankengang auch mal länger als eine Songdauer festsetzen.

„Hatred corrupts, and it purifies too / It simplifies thoughts just like love can do / Oh, I miss when it was an optional vice / Something you’d chose when fear was the price” singt Stratton beispielsweise in „Black Hole” und beweist mit diesem Song nicht nur sein textliches Händchen, sondern ebenso seinen Sinn fürs Arrangieren.

So verstummt die unaufdringliche Instrumentierung, die im Kern mit leisen Beats, Klavierakkorden und Gitarrenpicking auskommt, gegen Ende des Songs fast gänzlich und gibt der Stimme Strattons den nötigen Platz, um diesem Gedankengang genau die richtige Portion Nachdruck zu verleihen.

Jedem der zehn Songs hört man die Liebe zum Detail an. Egal ob mit breiterem Sound wie in „Infertile Air“ oder im Kern immer noch als klare Akustik-Gitarrennummer definierbar:

Will Stratton ist mit „The Changing Wilderness“ ein Singer/Songwriter-Kleinod gelungen, dass den Fakt erträglich macht, dass Nick Drake viel zu jung verstorben ist und Sufjan Stevens wahrscheinlich nie mehr das nächste „Carrie & Lowell“ schreiben wird.

Und als würde das als Hoffnungsschimmer nicht schon reichen, liefert Stratton in „When I’ve Been Born (I Love You)“ gleich noch die nächste Portion Optimismus: “As the oceans rise, I’ll love you / When the air gets thin, I’ll love you / If the fascists win, I’ll love you.”

Wenn man die Perspektive ändert, gibt es immer noch genug Schönes auf der Welt. Daran muss man nur manchmal erinnert werden. Danke dafür.

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