Isolation Berlin – Geheimnis

Depressives Schlaflied. „Am Ende zählst nur du“. Vermeintlich lieblich zu akustischen Klängen.  Mit dieser ersten Assoziation beginnt „Geheimnis“, das dritte vollständige Album von Isolation Berlin. Tragische Wehmut  bleibt die Konstante.

Zwei sehr starke EPs, dann das etwas geschliffenere, aber genauso intensive Debütalbum „Und aus den Wolken tropft die Zeit“. Das zweite Album „Vergifte dich“ harmonisierter und weniger emotional. Eine längere Pause, Buch, Lesungen, Corona und jetzt „Geheimnis“.

Das „Enfant terrible“ etwas aufgesetzt rotzig. Die Suche nach Identität – versteckt in lustlosem Feiern – eine weitere Konstante. Das optimierte Leben weiterhin in unerreichbarer Ferne.

Der Titeltrack die große Überraschung. Düster und dumpf aufstampfender Sound, fast fistelige Stimme. „Ein Krieg tobt hinter meiner Stirn. Mein größter Feind ist mein Gehirn.“ Sänger und Texter Tobias Bamborschke erfindet sich mal schnell neu. Die Intensität ungekannt.

„Verrat mir Dein Geheimnis. Ich erzähl Dir mein Geheimnis. Mein größtes Geheimnis“ Fast fallen Steine vom Herz bei der Auflösung in gewohnte Klangstrukturen. Um sofort wieder in zehrende Spannung zurückzufallen. Vielleicht das beste Stück seit „Alles grau“. Auf alle Fälle das musikalisch intensivste.

Die Single „(Ich will so sein wie) Nina Hagen“ holt zurück auf normales Level. Eingängig und nett. Und schon schiebt sich die nächste Single „Private Probleme“ verhalten hektisch nach vorne. Zusammengehalten vom schnarrenden Sound (wie) von einer total ausgeleierten Saite. Inhalt reduziert auf die Überschrift, aber glaubwürdig.

„Ich zieh mich zurück. Stück für Stück. In mein Schneckenhaus. … Ich schau mit Schrecken raus.“ Betont (und vermeintlich) belanglos orchestrierter Sound im krassen Gegensatz zur Tiefe der Ernüchterung. „Ich komm nie wieder raus…“ Ganz leise geflüstert, zerstört der Abschluss jede verbliebene Illusion. „Und Du hast gesagt, dass das mit uns nichts mehr wird. Und im Fernsehen läuft Krieg.“

Mobbing an der Schule heute ein großes Thema in jeder Zeitung. Social Media hat‘s scheinbar erst möglich gemacht. Aber wer erinnert sich noch daran, als letztes (und unter Gemurmel) beim Schulsport ins Team „gewählt“ zu werden. Genau. Alle die nicht “stark waren” und “von Anfang an verloren” haben. Die “Opfer”. Und die Hammond-Orgel düdelt ironisch hüpfelnd dazu.

All der aufgestaute Frust muss raus. „Stimme Kopf“ eskaliert im Wahn. „Da ist ‘ne Faust in meiner Tasche.  Die will da endlich raus.“ Nach so vielen Titeln über den Frust des Alltags nicht wirklich überraschend. Die Musik dicht und aggressiv „Und. Dann. Lacht. Keiner. Mehr.“

Die Scheibe wäre jetzt schon komplett. Würden es die Vier aus Berlin nicht schaffen, mit der „Klage einer Sünderin“ religiös anmutende Alpträume in depressivem Ton hörbar zu werden. Oder ganz vorsichtig Fatalismus in „Einer der hier sitzt und Bleistifte und Bleistifte spitzt“ zu Leben erwecken und vorsichtig neuen Mut einhauchen.

Mit „Geheimnis“ zeigt Bamborschke mit seinen Bandkollegen, wie sehr sie sich weiter entwickelt haben. Von der selbstgefälligen Traurigkeit Mitt-Zwanziger Berliner Eck-Kneipen-Säufer hin zu verklärter, reflektierter Ernüchterung ernsthafter Künstler. Der Tenor bleibt über die Jahre gleich, und das ist gut so.

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