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SOHN – Trust

Musik hören ? Macht man das heutzutage eigentlich noch richtig ? Im Büro oder zuhause läuft sie als Hintergrundbeschallung aus quäkenden Lautsprechern oder noch schlimmer aus hoffnungslos überforderten Smartphonelautsprechern. In der Stadt wird man von irgendwelchen Boomboxen oder anders Basslastigem bedröhnt und auch sonst scheint Musikhören nicht mehr wirklich zelebriert zu werden.

Da wundert es auch nicht, wenn „MIA“ von SOHNs neuem Album „Trust“ beim ersten Hören wirkt, als hätte James Bay neuerdings was mit Genesis am Laufen. Das würde SOHNs neuestem Werk allerdings unrecht tun.

Denn „Trust“ begeistert mit seinen vielen elektronischen Facetten, mit versteckten, sich entwickelnden, akustischen Klangerlebnissen und audiophilen Überraschungen. Wer da nicht zur High-End-Anlage oder zumindest den hochwertigen Kopfhörern greift, dem entgeht einiges.

Der rastlose Londoner, welcher nach Aufenthalten in Wien und Kalifornien letztendlich in Katalonien gelandet ist, hat sich mit seinen ersten beiden Alben „Tremors“ und „Rennen“ schnell einen Namen in der Indietronic-Szene gemacht, dementsprechend erwartet wird „Trust“. Es enttäuscht nicht.

Das bereits erwähnte „MIA“ schreitet schweren Schrittes durch die mit Echoeffekt unterlegte Kopfstimme, bevor wuchtig schlagende Drums den Refrain eröffnen, welcher zielstrebig im Gehör landet.

Das Album lebt von seinem melancholischem Charakter, der ruhig in die Musik selbst ausstrahlt. Sohn bewältigt mit „Figureskating Neusiedler See“ die Vergangenheit, dabei formt er streicherverhange Spannungsbögen über winterliche Landschaften, die Erschaudern lassende Lyrics mit wärmendem, klarem Gesang speisen.

Die Hörreise geht weiter mit „I Won’t“, welches vom Piano begleitet langsam wogend kurzfristig in von Gitarrenriffs verzerrte Unstimmigkeiten gerät, bevor sich „Riverbank“ endgültig in Popgefilde begibt.

Akustisch und mehrstimmig überzeugend stampft man den Fluss des Lebens entlang. Das „Life Behind Glass“ beleuchtet SOHN mit sanft pulsierenden Beats, schnarrenden Gitarrensaiten und Sprechgesang. Dabei entblößt er zaghaft, verträumt die Bläsersektion, die sich jazzig verspielt in das Downtempo des Titels einfügt.

Die zweite Hälfte des Albums lässt mit der im Schlafzimmer gut aufgehobenen Musik von „Truce“, das Falsett von Christopher Taylor, wie SOHN bürgerlich heißt, hörbar werden, bevor „Segre“ den Höhepunkt markiert.

Was am Handylautsprecher nach Justin Timberlake klingt, findet seine Bestimmung in leichtfüßigen, verspielten Klangwelten, schäkernden Beats und einem frohlockenden Refrain, der wie ein Heißluftföhn durchs Gehör weht. Diesem Song scheint definitiv die katalonische Sonne aus dem Hintern.

Mit „Station“ und „Basis“ findet sich SOHN wieder in den schwerfälligeren elektronischen Gefilden ein, letzteres arg vom Effekte beladenen Synthesizer zersetzt.

„Caravel“ zeigt sich versöhnlich mit der harmonischen Seite von „Trust“. Es lässt ein Pianofundament an Taylors Falsettgesang zerbröckeln und bohrende Fragen der Unsicherheit in einem Liebesbekenntnis münden.

Nach den großartigen ersten beiden Alben darf „Trust“ wohl als die Essenz von fünf Jahren Selbstfindung angesehen werden. Die emotionalen Lyrics und das melancholische Grundthema von „Trust“ sind die idealen Zutaten für seine, jenseits von tanzbar platzierte, elektronische Musik, welche akustische Instrumente akzentuiert einsetzt.

Ein Album, das mit jedem Hören Neues entdecken lässt und doch so mühelos im Ohr verweilt. Es bietet viele Erkenntnisse, unter anderem die, dass man „Trust“ am besten mit Kopfhörern genießt.

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