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The National – First Two Pages Of Frankenstein

Eine der bedeutendsten Indie-Bands des neuen Jahrtausends macht aus schwierigen Zeiten eines ihrer einfachsten Alben. Auch und gerade der Erschöpfung wegen. Dass es dazu beinahe nicht gekommen wäre, macht The Nationals „The First Two Pages Of Frankenstein“ zu einem echten Glücksfall.

Frontmann Matt Berninger hatte seit dem bis dato letzten Album „I Am Easy To Find“ aus 2019 mit Depressionen und einer gewaltigen Schreibblockade zu kämpfen. An beidem wären The National fast zerbrochen. Offensichtlich half hier nur die Flucht nach vorne – und Berningers Frau, Carin Besser.

Als dem notorischen Melancholiker keine Zeilen und Melodien einfallen wollten, war sie es, die für „Tropic Morning News“ beistand und die Initiative beim Texten ergriff. Ein Song, der mit seinem elektronischen Beat die Klarheit des Verschwommenen aufdeckt und in dieser Hinsicht ein Exempel statuiert: I was so distracted then/ I didn’t have it straight in my head/ I didn’t have my face on yet, or the role, or the feel/ Of where I was going with it all”.

Bei aller Schwermut ist ein The-National-Album stets Balsam für die Seele und Berningers Bariton ein Schaumbad für gescheiterte Lebensentwürfe. Sozusagen die Druckmassage für das lymbische System im Hirn. Selbst dann, wenn sich, wie im Text gezeichnet, die pechschwarze Nachrichtenlage immer weiter verdunkelt.

Das funktioniert auch deshalb so gut, weil eine ultimative Geradlinigkeit im Sound der New Yorker Einzug erhält, die nicht nur verzeihbar ist, sondern mit der Offenheit der Texte vortrefflich harmoniert.

Das unschuldige Poolpanorama, das im Auftakt „Once Upon A Poolside“ die Diskrepanz zwischen den globalen Katastrophen und den eigenen Unzulänglichkeiten versucht zu umreißen, braucht eine erschreckend einfache Pianomelodie und einen schüchternen Backgroundgesang von Sufjan Stevens, um wie ein Sog in diese Platte hinein zu ziehen.

Keine Schnörkel, kein Schnickschnack. Dafür drei tolle Gastauftritte. Neben Sufjan Stevens ist es Phoebe Bridgers, die im getragenen „This Isn’t Helping“ und, noch deutlicher, in der Pianoballade „Your Mind Is Not Your Friend“ die überforderte Psyche abkühlt.

Taylor Swift, als die dritte im Bunde, gehört das markanteste Stück mit Gästen. In „The Alcott“ gibt sie mit Berninger ein beachtliches Duett in der Rolle eines Ehepaars, das seine Beziehung wieder auferstehen lassen möchte und deshalb schonungslos aufarbeitet: „The last thing you wanted, is the first thing I do/ I tell you my problems/ You tell me the truth.“

In der Aufrichtigkeit dieser Platte ist eine Erschöpfung greifbar, die beruhigender wirkt als Valium. Die genau deshalb klarstellt, dass hier jederzeit die richtige Anlaufstelle wartet, wenn zwischen Kopfhörer und Hirn die Welt zu pausieren hat. Dort, wo es stattdessen um die Frage geht: “What if we move back to New York/ What about the Afghan Whigs?”

Mit ihrem neunten Album bleiben The National mühelos eine der besten Indiebands des Planeten. In jedem Fall, die mit dem größten Vorrat an Balsam.

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