Interessanter als die Beat-Strukturen auf dem Vorgänger-Album „falling or flying“ und der EP „Be Right Back“ gestalten sich nun mehrheitlich die Rhythmus-Muster und Harmonie-Sequenzen unter Jorja Smiths Gesang auf dem neuen „What Are The Odds“.
Einst als stiller Neo-Soul-Act mit Bedroom-Charme gestartet, probierte die Londonerin in den letzten Jahren die gesamte Palette von Akustik- über Mash-Up- bis Remix-Versionen aus. Haften geblieben ist sie in erstaunlicher Parallelität zu Arlo Parks‚ „Ambigous Desire“ bei Clubmusik mit ausgeprägt nächtlicher Atmopshäre.
Jorjas Stimme kommt dabei nicht ganz so unverwechselbar zur Geltung wie eben diejenige von Arlo oder die von Raye in vergleichbaren Kontexten, aber es erklingt schon mehr als Dance-Dutzendware. Manchmal zumindest.
Um die Frage des Albums zu beantworten, was die Chancen seien – die „odds“ -, muss man sagen: Das Potenzial wäre ja enorm, die Umsetzung aber erschöpft sich in teils fantasielosem Drum And Bass, wie etwa in „The Way It Was“. Dort ist dann lediglich interessant, wie schlecht eine zwischen kratzig und unschuldig-naiv springende Stimme zu platzhalterischen Hüpfball-Beats kombiniert werden kann, ohne dass der Produzent in Schamesröte ausbricht.
Nun ist es ein stetes Phänomen der Postmoderne, dass alles mit allem im Patchwork-Stelldichein aufeinander treffen kann, ohne dabei organisch zu verschmelzen. Gemessen daran, wie egal die Musik-Unterleger bei vorigen Veröffentlichungen wirkten, haben sie dieses Mal zumindest nicht mehr den beiläufigen Lo-Fi-Hip-Hop-Charakter, sondern spielen sich in den Vordergrund und weisen klarere Bezüge zu London auf.
In der Metropole florieren Afrobeats, Afro-Bashment, Afro-Punk, Afro-Swing, Garage-House, Grime, Jungle, Trip-Hop und eben Drum And Bass, und aus all diesen Segmenten bedient sich Jorjas Team. Haben wir einst bei Parov Stelar sogar in den deutschen Charts den Rhythmus von Elektro-Swing kennen lernen können, taucht diese Strömung jetzt bei Jorja Smith in „Dancing“ wieder auf, allerdings flirtet sie dort zugleich mit ghanaischem Azonto.
Die Texte des Albums traktieren das Thema „du und ich“ in einer trockenen Weise, die sich bald erschöpft. Einige Stücke wie „Pretend“, „Young Heart“ und die Kooperation „Alive“ mit dem Nigerianer Wizkid, der sich hier heftig an der Grenze zwischen Auto-Tune und Rezept für Hustensaft verliert, sind einer Grammy- und Brit Award-Preisträgerin eigentlich nicht würdig.
Vielmehr gehören solche Produktionen direkt auf die Boutiquenflächen von Shopping-Malls. Dazu kann man ganz gut Kleidung von der Stange durchprobieren, denn die Musik hört sich in ähnlicher Weise am Fließband gefertigt an.
Gerade die andere afrobeats-orientierte Vorabsingle „I Lied, You Lied“ hängt die Latte höher, zeigt, was das Album auch hätte leisten können, als Brückenschlag zwischen Schmuse-Soul der Achtziger und pulsierender Polyrhythmik.
In positiven Momenten tauchen die Beats unter den Gesang unter, bis sie in etwa gleichwertiger ‚Sparring-Partner‘ im Training mit der Stimme zu sein scheinen. Doch beides wirkt noch nicht ganz reif und ausgefeilt für die Öffentlichkeit, eher wie eine Skizze oder eben doch die Untermalung des Einkaufserlebnisses dort, wo Musik die zweite Geige spielen und nur trivial und zweckmäßig sein soll.
Schade – Chancen vertan! Nehme man etwa Zara Larssons oder FKA Twigs‚ jeweils letztes Album, hat man Referenzen, wie tiefgründig oder spielerisch sich sogar tief im Mainstream verwurzelter Dance-Pop anhören kann. Bei Arlo Parks hört man, wie die Club-Sounds einer Soul-Sängerin zum Abenteuer werden und in die zivilisatorisch schrill erleuchtete Finsternis der Nacht entführen ohne jedes Geheimnis gleich zu lüften.
„What Are The Odds“ steigert sich zwar gegenüber den letzten beiden größeren Jorja-Werken, beeindruckt teils in seiner Dreistigkeit des Banalen. Ans legendäre Debütalbum „Lost And Found“ und seine intime Atmosphäre, das übrigens Lena Meyer-Landrut seinerzeit gerne gehört hat, knüpft der langweilige neue Longplayer bei weitem nicht an.
