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Musikalisch sind wir Optimisten – Trümmer im Interview

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Durch wilde Live-Konzerte, die Trümmer teilweise im Wohnzimmer ihrer runtergerockten Etagenwohnung auf St. Pauli gegeben haben, war die blutjunge Band aus Hamburg schon lange vor ihrem Debütalbum heiß diskutiert. Jetzt erscheint das Album „Trümmer“ beim benachbarten Alternative-Label PIAS Germany und es ist, was ihm vorauseilt: Ein Stück politisch bewusster Wut junger Großstädter um die 20 in der Tradition von Blumfeld, Tocotronic, Ja, Panik!. Bei reichlich Zigarettenrauch und der standesgemäßen Mate-Brause erklärt Gitarrist und Sänger Paul Pötsch gemeinsam mit seinem Basser Tammo Kasper, was hinter Trümmer steckt. Und was nicht.

MusikBlog: Trümmer klingt zunächst mal nach einem eher destruktiven Bandnamen. Steht er für das, was ihr zerstören wollt, oder für das, was darauf wächst?

Paul: Genau diese Ambivalenz ist gewünscht. Trümmer sind sowohl Ergebnis eines Zerstörungsprozesses als auch Grundlage für etwas Neues, womöglich Besseres, wenn das Zerstörte zerstörenswert war. Deshalb besetzen wir den negativ besetzten Begriff Trümmer auch positiv und gründen darauf die Chance eines Neuanfangs.

MusikBlog: Und diesen philosophischen Ansatz, nur auf den Trümmern des Bestehenden könne ein wirklich Neubeginn vonstatten gehen, begleitet ihr musikalisch?

Paul: Ich würde es nicht philosophischen Ansatz nennen, eher ein Grundgefühl in uns Dreien. Die Gewissheit, in einer Zeit zu leben, die seit dem 11. September permanent im Zustand der Krise ist. Unser gesamtes, bewusstes Leben ist krisengeschüttelt. Bei jedem Blick in die Zeitung kriegt man vermittelt, was alles nicht funktioniert, also nicht nur in Teilbereichen, sondern im Großen und Ganzen. Deshalb bedarf das gesamte System einer Generalüberholung. Es geht um alles.

MusikBlog: Und Trümmer treiben sie aktiv voran?

Paul: Da muss man noch mal einen Schritt zurückgehen. Als Teenager wollte ich dies und das werden. Dann war die Schule aus, ich habe zu studieren begonnen und plötzlich gemerkt, eine konformistische Richtung eingeschlagen zu haben, die ich nie wollte. Dieser Lethargie wollte ich persönlich entkommen, aber auch unserer Zeit aus ihr hinaus helfen.

MusikBlog: Als Teil einer, um es mit Tocotronic auszudrücken, Jugendbewegung?

Paul: Im Idealfall schon. Aber wo ist sie denn, diese Jugendbewegung? Nach meinem Eindruck beinhaltet Jungsein heute kein Dagegen aus Prinzip mehr, sondern ein Dafür aus Verzweiflung.

MusikBlog: Verzweiflung, im „Rat Race“ nicht mitzukommen?

Paul: Genau. Aber das wird dir ja auch überall vermittelt, an der Uni zum Beispiel durch die Bologna-Reformen, die dir ihm Zuge der Selbstoptimierung jeden Freiraum nehmen. Die Frage ist: Warum lassen sich das so viele Leute gefallen? Da wächst der Wunsch nach einer Gegenbewegung umso mehr. Aber es wäre vermessen, uns da in einer Rolle zu sehen, das anzuführen oder zu moderieren.

MusikBlog: Aber zu begleiten.

Paul: Nicht mal das. Wir versuchen allerdings im Kleinen, unsere Kritik deutlich zu machen. Wir sollten zum Beispiel aus dieser Wohnung rausgeschmissen werden, haben uns aber schlicht geweigert und damit ein Statement gegen die Gentrifzierung St. Paulis geliefert – auch an die Medien. Mal gucken, was da an performativen Aktionen noch möglich ist. Seit ich mit Ted Gaier befreundet bin…

MusikBlog: Von den Goldenen Zitronen.

Paul: … bringe ich mich zum Beispiel mehr ein im Viertel, für Recht auf Stadt, für die Esso-Häuser. Eher für als gegen.

MusikBlog: Wo lassen sich Trümmer da im politischen Spektrum verorten?

Paul: Zunächst mal im Bereich der Musik politischer Menschen, in dem Musik zwangsläufig politisch wird. Dennoch würde ich uns jetzt nicht als Agit-Pop-Band bezeichnen, weil man damit die Musik dahinter diskreditiert. Dafür sind wir zu sehr Musiker und Künstler. Aber als wir vor zwei Tagen auf einer Bühne in Salzburg meinten, bei all dem Stahl-Glas hier wünscht man sich ein bisschen Schmutz, haben die Leute laut applaudiert. Das zeigt: Der Moment des Aussprechen von etwas, das offenbar schon lange im kollektiven Unterbewusstsein schlummert, ist auch ohne Intention ziemlich politisch.

MusikBlog: Hat Musik wie eure denn die Kraft, Dinge zu verändern?

Tammu: Warum denn nicht? Musik ist zwar selten ein konkretes politisches Werkzeug, aber durchaus dazu in der Lage, Gefühle so zu verändern, dass sie individuelles politisches Handeln beeinflussen.

Paul: Mit Betonung auf beeinflussen; wir sind ja keine Wissenschaftler oder Ratgeber, die wissen, wie es besser läuft, sondern bloß Musiker und Menschen, die ein bestimmtes Gefühl laut zum Ausdruck bringen. Das ist die Idee dieser Platte – einen Riss durch die Gesellschaft hörbar zu machen. Anders als die alten Liedermacher von früher wie Franz Josef Degenhart, die sich ja eher als Propheten vom Wissen einer besseren Sache gesehen haben.

MusikBlog: Die alten Liedermacher waren zu ihrer großen Zeit ja ebenso jung wie ihr. Welche Relevanz hat das Alter für eure Musik?

Tammu: Eine große.

Paul: Wir singen ja aus uns heraus über und von uns. Die Frage von Anfang- bis Mitte-Zwanzigjährigen wird naturgemäß aus einer gewissen Jugendlichkeit heraus gestellt. Und aus der Sehnsucht einer gewissen Aufbruchsstimmung, die uns am Rest unserer Altersgruppe so fehlt.

MusikBlog: Im Stück „Revolte“ heißt es, „ich will lieber verbrennen, als ewig hier zu warten“. Bringt das eine „Live-fast-die-young“-Attitüde eurer Musik zum Ausdruck?

Paul (lacht): Das ist so Ikarus-mäßig, wie bei Neil Young oder? Keine Ahnung, ob wir den Karren bald gegen die Wand fahren.

Tammu: Wäre das eine Attitüde, klänge das nach einer konkreten Zielrichtung. Was wir machen, sind aber nur Produkte unseres Lebens, das wir leben. Und das hat in unserem Fall viel mit Offenheit zu tun.

Paul: Die sich Jugendliche eigentlich lange bewahren sollten, was aber nicht mehr der Fall ist. Dass wir aus unserer Perspektive heraus von dieser Offenheit erzählen, heißt aber nicht, dass die Musik nur für unsere Altersgruppe gemacht ist. Und es geht schon gar nicht um eine Glorifizierung der Jahre zwischen 20 und 30.

Tammu: Trotzdem wollen wir Begriffe wie Politik oder Rebellion schon im Zusammenhang einer Jugendkultur verankern.

Paul: Das ist in den vergangenen zehn Jahren mit Ausnahme von Bands wie Ja, Panik! oder Kreisky zu selten geschehen.

MusikBlog: Damit nennst du zwei einer Handvoll Bands, an die ihr musikalisch wie textlich erinnert.

Tammu: Ich finde Kreisky fantastisch, und dass wir uns an denen orientieren ist nicht ganz falsch. Aber musikalisch sind wir britischen oder amerikanischen Bands der Neunziger wie Helmet oder Jesus Lizzard wohl doch näher.

Paul: Sonic Youth, die Strokes, Queens oft the Stone Age, The Clash – man kann auch bei uns sicher eine Menge heraushören, wenn man es drauf anlegt. Natürlich habe ich als Jugendlicher Blumfeld und Tocotronic verehrt, aber das Spektrum ist viel weiter. Was uns interessiert ist, wenn konstruktive Kritik und destruktive Anti-Haltung musikalisch zusammenfällt.

MusikBlog: Und das transportiert ihr ganz klassisch mit Bass, Schlagzeug, Gitarre. War es eine bewusste Entscheidung, in digitalen Zeiten wieder strikt analog zu klingen?

Tammu: Das klingt zu sehr nach Kalkül. Als wir uns erstmals zusammengesetzt haben, stand eine Platte ja überhaupt nicht zur Debatte. Da ging es allein darum, gemeinsam etwas zu machen, das uns allen Spaß macht.

Paul: Und das wir beherrschen. Wir können halt keine Synthesizer.

Tammu: Aber wenn den mal einer mitbringt, wäre das völlig okay.

Paul: Weil wir zuvor schon ein, zwei Jahre gemeinsam live gespielt haben, war der Gedanke dieser Platte, den Druck einzufangen, den wir dabei erzeugen können.

Tammu: Deshalb haben wir das Album auch in vier Wochen gemeinsam auf dem Land eingespielt, nicht in einer Studiosituation, wo die Instrumente abwechselnd aufgenommen werden. Ohne Fehler, aber klinisch. Und inhaltlich darf man von einem Debütalbum jetzt nicht erwarten, dass damit der große utopische Weltentwurf geliefert wird. „Trümmer“ ist kein soziologisches Manifest, sondern in erster Linie Musik mit Haltung.

MusikBlog: Wenn ihr mal in die Glaskugel blickt: In welches System führt euch die in, sagen wir, zehn Jahren?

Tammu: Schwer zu sagen, aber wir wollen nicht akzeptieren, dass Sicherheit jetzt der bedeutsamere Begriff als Freiheit ist.

Paul: Vermittelt durch eine bevormundende Biopolitik, die dem Menschen alles vorschreiben will und ganze Stadtviertel von Schmutz befreit.

Tammu: Totalüberwachung aus diffuser Angst vor Terrorismus.

Paul: Wir wollen emanzipiert sein, nicht bevormundet.

MusikBlog: Und wird die Welt in zehn Jahren besser oder schlechter sein als diese?

Paul: Wenn ich nicht glauben würde, dass sie besser sein kann, wäre auch unsere Musik eine andere. Wir befinden uns sicher in einer Tradition des Diskurspop, machen es uns aber nicht im Motzen gemütlich, sondern nutzen die positive Energie in uns für Angebote, wie es besser laufen könnte. Das machen Ja, Panik mit „Libertatia“ oder die letzten Tocotronic-Alben nicht anders.

Tammu: Musikalisch sind wir Optimisten.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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