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Weil ich dem Hörer Einblick in mein Innenleben gewähre – Emily Haines im Interview

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Als Metric vor zwei Jahren ihr letztes Studioalbum veröffentlichten, kündigten sie gleich ein weiteres Album als Gegenstück zu „Pagans In Vegas“ an, das zu großen Teilen auf den Ideen von Frontfrau Emily Haines beruht, bei dem Metric komplett auf Synthesizer verzichten und stattdessen auf analoge Instrumentierung setzen. Obwohl Co-Frontmann James Shaw im MusikBlog Interview bereits sehr detailliert über dieses Album sprach, verwarf die Band aus Toronto wenig später den Plan, bis heute haben Metric keinen Nachfolger zu „Pagans In Vegas“ veröffentlicht.

Stattdessen erscheint nun mit „Choir Of The Mind“ ein Soloalbum der Sängerin von Metric und Broken Social Scene, dem ersten Album von Emily Haines & The Soft Skeleton seit elf Jahren. Auch dieses einstündige Album kann in gewisser Weise als Gegenstück zu „Pagans In Vegas“ verstanden werden. Den modernen und tanzbaren Sound aus Synthesizern und elektronischen Beats von Metric tauscht Emily Haines auf „Choir Of The Mind“ gegen ein Klavier aus dem Jahr 1850.

Den Großteil der übrigen Sounds auf diesem sehr persönlichen Album erzeugt Emily Haines mit ihrer Stimme, die sie immer wieder als vielstimmigen Chor im Hintergrund einsetzt, oder mit ihrem Atem, der den Rhythmus vorgibt. Wir sprachen mit der Sängerin über das verschollene Metric-Album, ihr emotionales Verhältnis zu Klavieren und der Reibung zwischen den Texten und der Musik auf „Choir Of The Mind“.

MusikBlog: Dein letztes Soloalbum erschien vor elf Jahren. Hast du seitdem Songs für „Choir Of The Mind“ gesammelt?

Emily Haines: Es fällt mir nicht leicht, zu sagen, aus welcher Zeit die Songs genau stammen. Denn ich sammele immer Ideen, schreibe mir Text-Fragmente auf oder spiele mit Melodien herum. Manches davon spukt jahrelang in meinem Kopf herum, bevor es sich in einem Song manifestiert. Die Bridge von „Fatal Gift“ beruht zum Beispiel auf einem Song, den ich mit 18 Jahren geschrieben habe, aber nie wirklich vollenden konnte.

Auf dem Album sind jedoch auch einige Songs, die erst im Studio entstanden sind. „Minefield Of Memory“ habe ich zum Beispiel erst geschrieben, als ich bereits mitten in der Arbeit an „Choir Of The Mind“ steckte. Manche Ideen trage ich schon lange mit mir herum, manche Ideen entstanden spontan aus dem Moment heraus.

MusikBlog: Der Song „Fatal Gift“ tauchte 2014 in einer frühen Version auf dem Soundcloud-Profil von Metric auf, damals noch als ruhige Pianoballade. Wann wurde daraus der nervös pulsierende Song, der nun auf „Choir Of The Mind“ zu hören ist?

Emily Haines: Wir haben damals die Demoversion des Songs auf Soundcloud hochgeladen, ohne zu wissen, was genau mit dem Song passieren wird und wie er als fertiger Song klingen wird. Denn es ist so, dass die ersten Schritte immer gleich sind, egal ob ich für Metric Songs schreibe oder für mich selbst. Es fängt damit an, dass ich alleine am Klavier sitze und an Ideen arbeite. Erst viel später merke ich, wo genau der Song mich hinführt, welches Arrangement er benötigt, zu welchem Projekt er passt.

Deshalb wusste ich 2014 noch nicht, dass es gar kein Metric-Song werden würde. „Fatal Gift“ wollte einfach nie so recht zu den letzten Alben von Metric passen, der Sound, das Arrangement und selbst das Tempo waren zu verschieden. Wir haben immer wieder versucht, den Song als Band aufzunehmen, aber es wollte nicht klappen. Erst als ich dann alleine daran gearbeitet habe, nahm er endlich Form an.

Es gibt für uns aber keine andere Methode als Versuch und Irrtum, um das herauszufinden. Deshalb macht es auch so viel Spaß, unsere Fans schon früh in diesen Prozess mit einzubeziehen, indem man eben eine frühe Demoversion des Songs auf Soundcloud hochlädt oder den Song live spielt, bevor das Arrangement wirklich fertig ist.

MusikBlog: Gibt es auf „Choir Of The Mind“ auch Songs, die du eigentlich für das verschollene Metric-Alben geschrieben hast, das ihr mit dem letzten Album „Pagans In Vegas“ angekündigt habt?

Emily Haines: Jede Band, die so lange existiert wie Metric, braucht unbedingt auch ein verschollenes Album, das nie veröffentlicht wurde. (lacht) Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, muss man wissen, dass wir als Band eine ähnliche Arbeitsmoral und Einstellung haben wie ein Mitarbeiter eines Büros. Das heißt, dass wir jeden Morgen aufstehen, in den Proberaum oder ins Studio gehen und an neuen Songs arbeiten.

Deshalb haben wir nicht nur mehr Songs, als wir veröffentlichen, sondern wir arbeiten eben manchmal auch an Ideen, ohne zu wissen, was daraus werden wird. Für das verschollene Metric-Album haben wir ausschweifende, groß orchestrierte Songs aufgenommen, die vielleicht einmal als Soundtrack zu einem Film veröffentlicht werden.

So wie „Black Sheep“ auf dem Soundtrack zu „Scott Pilgrim vs. The World“ landete, weil er beinahe wie eine Parodie klang, weshalb wir ihn vorher nicht offiziell veröffentlicht hatten. Doch dann rief uns Nigel Godrich an und sagte, dass er für den Film einen Song braucht, der klingt, als würden Metric einen Song von Metric covern. Da passte „Black Sheep“ dann perfekt, obwohl wir ihn nicht für diesen Zweck geschrieben hatten.

Deshalb habe ich die Hoffnung, dass auch der ein oder andere Song des verschollenen Albums noch im Kino oder im TV seine Bestimmung finden wird. Aber um auf deine Frage zurück zu kommen, nein, keine Idee des verschollenen Albums hat es auf „Choir Of The Mind“ geschafft.

MusikBlog: Auf deinem letzten Album „Knives Don’t Have Your Back“ und auch der folgenden EP „What Is Free To A Good Home?“ begleiten dich Bläser und Streicher. Auf deinem neuen Album hat deine Stimme nun diese Aufgabe übernommen, türmt sich häufig im Hintergrund zu vielschichtigen Arrangements auf. Wie kam es dazu?

Emily Haines: Ich glaube, das hängt stark damit zusammen, dass ich dieses Mal das Album auch zum größten Teil selbst produziert habe. Deshalb war ich häufig nur mit einem Tontechniker und diesem wunderschönen Klavier alleine im Studio. Also habe ich Bläser- oder Streicher-Parts einfach eingesungen, um sie dann später zu ersetzen. Dabei habe ich gemerkt, dass sich mir ganz neue Möglichkeiten eröffnen, wenn ich mich selbst mit meiner Stimme begleite. Und dass ich meine eigene Stimme und meinen Gesang noch mal ganz neu entdecken kann, wenn ich meine Stimme als Begleitinstrument einsetze.

Ich habe meine Stimme und meinen Atem außerdem auch als Percussion-Instrument eingesetzt, das die rhythmischen Aufgaben auf vielen Songs übernimmt. Dadurch klingt das ganze Album menschlicher, was auch zum Inhalt des Albums passt, weil ich dem Hörer Einblick in mein Innenleben gewähre.

MusikBlog: Es war also eher eine spontane Idee als eine konzeptuelle Entscheidung?

Emily Haines: Genau, das passierte sehr intuitiv. Ich habe zum Beispiel schon auf „Knives Don’t Have Your Back“ vereinzelt meinen Atem als Rhythmus-Instrument eingesetzt, jedoch längst nicht so prominent wie auf diesem Album. Es gab aber nicht diesen einen Moment während der Entstehung von „Choir Of The Mind“, wo ich entschieden habe, einen Großteil der Arrangements selbst einzusingen. Es war eher so, dass ich nach und nach bei immer mehr Teilen des Arrangements dachte: Das kann ich eigentlich auch selber machen, statt eine andere Musikerin oder einen Musiker ins Studio kommen zu lassen.

MusikBlog: Der Albumtitel „Choir Of The Mind“ beschreibt diese Arbeitsweise sehr gut. Hast du das Album deshalb so genannt?

Emily Haines: Ich kann nicht mehr genau sagen, was zuerst da war, ob also der Titel womöglich schon feststand, bevor ich diese Art des Arrangierens für mich entdeckt habe. Denn der Titel bezieht sich in erster Linie auf den Inhalt der Songs, die alle darum kreisen, dass wir eine Vielzahl von widersprüchlichen Stimmen in uns tragen, die uns sagen wollen, wer wir sind und wie wir die Welt sehen.

Und dass diese Stimmen unsere einzige Möglichkeit sind, die Welt wahrzunehmen und mit ihr zu kommunizieren. Denn wir können behaupten, dass die Welt außerhalb unserer Wahrnehmung existiert, aber beweisen können wir es nicht. Schließlich nehmen wir sie ausschließlich mit unseren Sinnen und unserem Verstand wahr. Mir war schon recht früh klar, dass sich das Album um solche Fragen drehen wird, und auch der Titel stand schon früh fest. Vielleicht hat er also unbewusst dazu beigetragen, dass ich in den Arrangements mehr auf meine eigene Stimme gesetzt habe.

MusikBlog: Neben deiner Stimme spielt auch das Klavier eine herausragende Rolle auf dem Album, „Choir Of The Mind“ entstand an  einem sehr alten Klavier.

Emily Haines: Ja, ich habe ein sehr emotionales Verhältnis zum Klavier, für mich besitzt jedes eine eigene Identität und Stimmung. Dieses Album habe ich auf einem sehr sehr alten Klavier eingespielt, das aus dem Jahr 1850 stammt. Als ich zum ersten Mal an diesem Instrument saß, hatte ich das Gefühl, dass ich gar nicht das Recht hätte, ein solch außergewöhnliches Klavier mit einer so langen Geschichte zu spielen. Es war von einer beinahe einschüchternden Aura umgeben.

Und es beweist auch, was für eine unglaubliche Erfindung das Klavier darstellt. Denn wie kann etwas, das so alt ist, überhaupt noch so großartig klingen? Es fühlte sich sehr außergewöhnlich an, im selben Raum mit diesem Klavier aus einem ganz anderen Jahrhundert zu sein. Ich habe sowieso ein fast freundschaftliches Verhältnis zum Klavier, weil ich so viel Zeit meines Lebens nur in Begleitung eines Klaviers in einem einsamen Raum verbracht habe. Wenn man mit einem Klavier alleine ist, ist man immer in guter Gesellschaft.

MusikBlog: Du hast bereits mit fünf Jahren gelernt, Klavier zu spielen. Ist dein Verhältnis zu diesem Instrument deshalb ähnlich natürlich und intim wie zu deiner eigenen Stimme?

Emily Haines: Darüber habe ich so noch nie nachgedacht, aber ich glaube, du hast recht. Mein Gesang und mein Klavierspiel haben sich parallel zueinander entwickelt, beide sind auf sehr ähnliche Art und Weise ein wichtiger Teil von mir. Schon als ich noch sehr jung war, diente mir das Klavier als ein Ort der Meditation, beinahe wie ein Altar. Ein Klavier hat auch deshalb eine so besondere Aura, weil du zu ihm kommen musst. Eine Gitarre kannst du überall hin mitnehmen, ein Klavier musst du aufsuchen.

MusikBlog: Im Vergleich zu dem düsteren und morbiden Vorgänger klingt „Choir Of The Mind“ beinahe optimistisch. Hast du dich bewusst für einen heller strahlenden, positiven Sound entschieden?

Emily Haines: Jedes Album gibt die Stimmung wieder, in der ich mich zu dieser Zeit befinde. Deshalb hätte das neue Album auch nicht düsterer oder pessimistischer werden können als „Knives Don’t Have Your Back“. Schließlich schrieb ich das Album und die folgende EP für meinen Vater, der damals gerade verstorben war und der ein unglaublich wichtiger Teil meines Lebens war. Ich war damals emotional ganz unten angekommen. Deshalb finde ich es beinahe lustig, dass mein neues Album – trotz Songtiteln wie „Nihilist Abyss“ – für meine Verhältnisse optimistisch klingt, obwohl es eigentlich ebenfalls eine ziemlich düstere Angelegenheit ist. Vielleicht ist das der Vorteil, wenn man mit seinem ersten Soloalbum ganz unten anfängt. Anschließend klingt jedes nachfolgende Werk fröhlicher. (lacht)

MusikBlog: Aber das Album spielt ja auch mit der Reibung zwischen seichten, fröhlichen Klängen und düsteren bis zynischen Texten, wenn bei der Single „Statuette“ beispielsweise plötzlich Bossa-Nova-Rhythmen erklingen.

Emily Haines: Das stimmt, darum geht es aber auch bei Metric sehr oft. Der Sound mag insgesamt ein anderer sein als auf meinen Soloalben, aber auch dort geht es um eine Reibung zwischen den Texten und diesem großen, tanzbaren Stadionsound. So wie ein Bild von einer breiten Farbpalette mit kräftigen Farben profitiert, machen solche starken, widersprüchlichen Gefühle auch einen Song besser.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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