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PJ Harvey – I Inside The Old Year Dying

Album, Tour, Album. Eine Endlosschleife, die auch PJ Harvey 2016 nach den grandiosen Live-Performances für „The Hope Six Demolition Projekt“ zweifeln ließ und sie sich die grundsätzliche Frage nach ihrem weiteren künstlerischen Werdegang stellte.

Dass nach sieben Jahren Abstinenz nun doch ein Folgewerk vorliegt, lag nicht zuletzt daran, dass sie im musikalischen Kreativ-Tal umfangreich mit „Orlam“, ihrem literarischen Zweitwerk, dessen Poesie sich in Teilen des neuen Albums wiederfindet, beschäftigt war.

Zusammen mit dem Spielen ihrer Lieblingssongs, für sie jeher eine erfolgreiche Krisenintervention, überwand sie den Punkt, der sich anfühlte als habe sie die Bindung zur Musik verloren. Den Faden wieder aufgenommen, war in nur drei Wochen die Rohform von 12 Kapiteln ihres zehnten Studioalbums fertig, die Polly Jean Harvey mit “a resting space, a solace, a comfort, a balm – which feels timely for the times we’re in.” beschreibt.

Von politischen Themen, Intuition für „Let England Shake“ und die letzte Ausgabe, wendet sich „I Inside The Old Year Dying“ ab und Organischen zu, setzte die Autorin Personen, Land- und Ortschaften in den Fokus, dabei immer das Endliche, am Münden des Sommers in den Herbst instrumentalisiert, von Allem vor Augen.

Der Vorsatz, alles zu vermeiden, was an ihr bisheriges Wirken erinnert, wurde – wie immer – maßgeblich von ihren Langzeit-Partnern John Parish und Mark Ellis aka Flood unterstützt. Autoharp und Altsaxophon waren diesmal nicht gefragt, das Instrumentarium, mit denen Ideen ad hoc live eingespielt wurden, bleibt übersichtlich. Es entstanden Soundflächen, die, ob hintergründig oder als Taktgeber, dem Gesang die gestaltende Rolle überlässt.

Den hat man von der Britin schon in vielen Facetten erlebt, so wie auf dem neuen Album (bedingt dadurch, dass die Mitstreiter dazu neigten, die Aufnahmen in den Battery Studios in North West London zu unterbrechen, wenn ihre Stimme zu sehr nach PJ Harvey klang) jedoch noch nicht.

Auf der Suche nach dem Ursprünglichen der Liebe – wiederholt beschworen mit dem „Love-Me-Tender“-Leitmotiv – und deren Sinn inmitten von Vergänglichkeit, singt sie sich, gespickt von Bibelmotiven, durch die Tiefen des geisterhaften „Prayers At The Gate“ und die spröden Höhen von „Lwonesome Tonight“, platziert ihre intimen Lyrics in der blauen Stunde zwischen Erfüllung und Verlust, Erlösung und Trauer.

John Parish, im unruhigen „A Child’s Question, July” als Duett-Partner zu hören, entwickelt dazu mit seiner Gitarre spartanische bis griffige Folkpartituren, die sich mit dem breiten Fundus aus Floods Audiobiblioheken verbinden.

Es zwitschern Vögeln, summen Bienen, plätschern Bäche, verdichtet sich „August“, wo „Autumn Term“ Lücken lässt, ist die Verästelung der Nummern weder im sanften Groove von „Seem An I“, dem „All Souls“ Geister-Boogie oder der latenten Dynamik von „A Child`s Question, August“ vorhersehbar.

„Go home now love, leave your wandering” fordert das gar nicht leise „A Noiseless Noise“ am Schluss. „I Inside The Old Year Dying“ ist die atmosphärisch passende Musik für diese Form des Ruhestands.

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